War es die feuchte Kühle eines Sommermorgens nach einer Eewitternacht, die schon an den Herbst gemahnte und die Marie-Luise heute leicht erschauern machte? Sie nahm die Kühle mit sich fort in die Stadt und behielt sie selbst während des Unterrichts, obgleich die Bänke alle vollbesetzt waren und die Luft, die die Klasse vom eingebauten Hof her empfing, durchaus nicht frisch war. Es steckte Schwüle in dieser Luft. Marie-Luise hatte heute keinen guten Tag, das fühlte sie bald, ohne zu wissen warum, und es ärgerte sie. Sie konnte und konnte ihre gewöhnliche herzhafte Munterkeit heute nicht finden, obgleich sie sich bemühte. Und es war, als ob die Klasse dies spürte. Die kleinen blonden, braunen und schwarzen Köpfe hingen schläfrig, bald gähnte dieses Kind, bald jenes, die Antworten kamen langsam; kein Durcheinanderrufen, kein lebhaftes Fingerheben, lahmgelegt schien das Interesse. Wie, war die Klasse denn so sehr der Spiegel des Lehrers? Marie-Luise entdeckte fast mit Erschrecken, wie sehr selbst schon diese kleinen Kinder hier die Verfassung des Lehrenden abspiegelten. Sie riss sich zusammen und gab sich einen Ruck. Und siehe, es gelang. Jetzt hatte sie die kleinen Geister wieder gefesselt und hielt sie fest in der Hand.
Beim Naheliegenden hatte sie angeknüpft: »Wisst ihr denn, Kinder, warum wir heute alle ein bisschen müde sind?«
»Weil gestern Sonntag war,« sagte die Schindler.
»Wieso? Das verstehe ich nicht, da müssten wir doch gerade recht ausgeruht sein.«
»Wir haben schön ausgeschlafen,« riefen ein paar.
»Na, siehst du, Trude, deine Antwort ist falsch.«
»Nee, Fräulein,« Trude Schindler blieb dabei, »die is nich falsch. Sonnabends is Auszahlung, denn macht Vater ooch an’n Sonntag noch blau, und denn gibt’s immer Krach. Ich hab garnich schlafen können.«
Ach Gott, dieses Kind! Marie-Luise erschrak. Was die schon miterlebte! Für dieses naseweise Ding mit der grossen nickenden Haarschleife, thronend auf einem Strubelkopf, das ihr unsympathisch gewesen, fühlte sie jetzt plötzlich Mitleid. »Na, Trudchen, dann leg dich ein bisschen hin und schlaf dich aus. Kind, du kannst nach Hause gehen, jetzt schon.« Sie erwartete, dass die Schindler froh aufspringen würde, aber die schüttelte verneinend den Kopf, im ganzen Körper Abwehr: »Nee, ich will nich nach Haus!« Und blieb.
Fürchtete sich das Kind, nach Hause zu gehen? In die Klasse senkte sich plötzlich ein Schatten. Vom Hof stieg er herauf, von jenen hohen Hauswänden herab, die den umdüsterten, und kam durch die Fenster hereingekrochen. Nicht nur auf der kleinen Schindler blasses, übermüdetes Gesicht schien sich der Schatten zu legen, er breitete sich auch auf die anderen Kindermit aus, auf die blonden, braunen und schwarzen Köpfchen, auf das Lenchen, die Irma, die Gerda und Senta, auf Hilde, Ilse und Erika, auf Hete und Magda und Lieschen auf all die kleinen Gestalten. Ach, Kinder der Riesenstadt, Kinder in deren übervölkertem Osten! Kinder des Proletariats, die keine behütende Hand zur Schule geleiten kann — Vater muss in die Fabrik, Mutter auf ihre Waschstelle — Kinder, die allein über die Strasse müssen, aus deren Pflaster etwas heraufsteigt, von deren Anschlagsäulen etwas herabsteigt, was verhüllt oder nicht verhüllt, Neugier und Begierden erweckt, die besser nicht erweckt werden würden! Kinder, nach denen aus Eckdestillen, aus dunklen Kellerhöhlen, aus finstern Torfluren eine schmutzige Hand sich reckt! Und schwer die Luft von Gerüchen; es ist nichts zu Bestimmendes, nach was es hier riecht, nicht nach Blut aus Schlächterläden, nicht nach Fauligem von Obstkarren, nicht nach den Müllkästen der engen Höfe. Nach all dem dünstet es nicht hier. Und doch nach was so schwer, so unangenehm?!
Marie-Luise hatte sich nie klar gemacht, warum die Luft hier so drückte. Oh, wieviel leichter war es für die Kinder, unschuldige Kinder zu bleiben, die in anderen, lichteren Strassen wohnten! ‚Arme Trude Schindler‘, dachte die junge Lehrerin, ‚erst sieben Jahr und schon so bewusst dessen, was um sie ist!‘ Sie ging hin und legte der müde in ihrer Bank Kauernden die Hand auf den Strubelkopf. Sie zupfte die grosse Haarschleife zurecht, die nur gross tat, die aber so verfleckt war und so zerknüllt, als sei sie seit Tagen nicht frisch gebunden worden. Und wie sah das Haar aus! Natürlich ein Bubenkopf, aber, schlecht geschnitten, zur verwilderten Mähne geworden. ‚Kämmt dich deine Mutter nie — kannst du dich denn selber noch nicht kämmen?‘ Das hätte Marie-Luise fragen mögen, aber sie fürchtete das Kind dadurch zu demütigen. Sie hatte den Wunsch, dieses Kind, ja gerade dieses, vertraulich an sich heranzuziehen. Es würde nicht leicht sein. Trude Schindler sass verdrossen, und so, als fühle sie die über ihr Haar und dann über ihr Gesicht streichende Hand nicht.
Marie-Luise hatte geglaubt das Bewusstsein einer grossen Aufgabe schon längst zu haben, ihre Pflichten, ihre Verantwortlichkeiten ganz genau zu kennen und den Ansprüchen, die ihr Beruf stellt, gerecht werden zu können mit Leichtigkeit — aber wirklich gerecht werden, oh, konnte man das überhaupt?
‚Der Lehrer soll den Schüler zu einem konkreten Idealismus erziehen,‘ das hatte sie in einem pädagogischen Buch gelesen, ‚soll ihn erziehen zu allem Guten, Wahren, Schönen und Heiligen‘ — oh, du lieber Gott, wie macht man denn das?!
Kommen Sie mit zur Lehrerinnenversammlung, Büchner?« fragte die Kollegin. Nun unterrichtete Marie-Luise fast ein Jahr schon Tür an Tür mit Fräulein Ebertz, aber ein Miteinander war es noch immer nicht geworden. Und das lag an Marie-Luise.
»Gehören Sie denn immer noch nicht unserm Verband an?« hatte Fräulein Ebertz gesagt. Und dann, als Marie-Luise verneinend den Kopf schüttelte, ziemlich spitz: »Wir sind Ihnen wohl nicht gut genug?«
»Ach Gott, nein!« Die Jüngere hatte nach der Hand der Älteren gefasst: »Wie käme ich wohl dazu, so etwas zu denken! Aber ich — wahrhaftig, ich — offen gesagt, ich habe daran noch gar nicht gedacht.«
Die Ebertz biss die ältere Kollegin heraus: »Im übrigen sind Sie verpflichtet, beizutreten. Wir Volksschullehrerinnen müssen zusammenhalten. Erstens mal gegen die männlichen Kollegen. Die meinen immer, sie können’s doch besser als wir, es ist immer Krach wegen unserer Gleichberechtigung im Gehalt: wir hätten ja keine Familie, keine Kinder. Als ob nicht viele von uns alte Eltern zu erhalten hätten! Und überhaupt, leisten wir denn nicht dasselbe? Mehr sogar. Das soll mir einer von denen mal nachmachen, fünfunddreissig Jahre Aufnahmeklasse! Der wäre längst vor Ungeduld eingegangen; nicht drei Jahre hätte der ausgehalten, oder er sässe vielleicht im Irrenhaus. Und überhaupt unsere Kleinen, die könnten mir leid tun — ein Mann und die! So was kann nur ’ne Frau.«
Fräulein Ebertz war aus ihrer Ruhe herausgegangen, ihr stubenfarbenes Gesicht hatte sich gerötet.
Fräulein Ebertz wurde Marie-Luise auf einmal sympathischer: die hatte doch wohl viel Herz für die Kleinen, wenn sie das auch verbarg hinter einer wenig liebenswürdigen Art. Fräulein Ebertz war streng, sie sollte ab und zu mal einen Klaps geben, sie war eben noch von der alten Richtung; eine Volksschule ohne Stock hatte es vormals nicht gegeben. Es musste doch recht schwer sein für alte Lehrerinnen, so ganz auf neu umzulernen! Marie-Luise sah in die alltäglichen stumpfen Züge der Kollegin, und die erschienen ihr heute gar nicht so ausdruckslos: da waren Falten auf der Stirn und um Mund und Nase, die bei näherem Hinsehen manches verrieten. Wie konnte die hier immer noch die Heiterkeit, die Frische aufbringen, die jetzt durchaus verlangt wurden? Man soll dem Kind stets ein freundliches Gesicht zeigen, ein fröhliches Lächeln, damit das Kind nicht denkt, was wir hier tun ist Arbeit, eine Arbeit mit Seufzen. Was wir hier tun ist auch nicht blosses Spiel, es ist Freude. Und Freude ist alles.
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