Den Frauen, die zur Feldarbeit mit hinaus mussten, die erst am Abend Zeit hätten finden können für ihre Kinder, nahm die Gutsherrin die Sorge um diese ab. Sie hatte einen Kinderhort eingerichtet — ein niedliches Häuschen gleich hinter den Stallungen — da wurden die Kleinen am frühen Morgen unter die Obhut der Witwe des früheren herrschaftlichen Försters und von deren ältlicher Tochter getan, die sie bis zum sinkenden Abend betreuten. Und auch die grösseren Kinder fanden, wenn sie aus der Schule kamen, hier am Mittag ihr Essen. Im Winter, wenn die Felder draussen verschneit waren, das Dorf, wie in Watte gewickelt, in lautloser Einsamkeit lag und das Tempo der Arbeit sich verlangsamen musste, hielt die Baronin im Schulraum Leseabende ab für die erwachsene Jugend; sie selber las vor, liess singen und arrangierte sogar auch Aufführungen. Bei einer früheren alten Gouvernante, die die Baronin im Dorf angesiedelt hatte, konnten die Mädchen das Nähen lernen und auch feinere Handarbeiten. Es war alles wohlwollend, praktisch und sorgend durchdacht, und doch, und doch —! Es kam Marie-Luise oft vor, als seien die Leute hier etwas undankbar. Bei den Leseabenden, an denen sie auf Wunsch der Baronin mit der kleinen Konstanze teilnahm, erschien ihr die Jugend wie gelähmt; die Burschen wagten es kaum, sich zu räuspern, die Mädchen sassen wie angefroren. Erst wenn die Baronin gegangen war, wachte Leben auf. Dann hörte Marie-Luise noch lange das helle Lachen der Mädchen auf der Dorfstrasse und die tieferen Stimmen der Burschen. Auf die Schneeballschlacht, die sich da entwickelt hatte, funkelten freundlich die Sterne herab, glitzerten und zuckten, als möchten sie hinunterspringen und mittun. Dann ging Marie-Luise wohl nebenan in das Zimmer der kleinen Konstanze. Sie setzte sich im Dunkeln zu der ans Bett.
Die Hand der Kleinen suchte nach ihrer Hand: »Fanden Sie es nett heute abend, Fräulein?«
»Sehr nett.«
»Ich wäre lieber mit Ihnen zu Hause geblieben.«
»Aber warum? Die Geschichte ist doch schön, die deine Mutter uns vorliest.«
»Ich mag sie nicht. Da sind alle so brav drin. Sind Sie immer so brav gewesen, Fräulein Büchner, als Sie jung waren?«
»Aber, Konni, ich bin doch jetzt auch noch jung!«
»Ach, ich meine ja so jung!« Und Konstanze klatschte sich mit der flachen Hand kräftig auf ihre eigene Brust. »Waren Sie damals denn immer brav?«
»Ich hoffe nicht.« Das konnte sich Marie-Luise nicht enthalten zu sagen. Ja, und nun wusste sie auf einmal, warum die Baronin den Dank nicht genoss, den sie doch verdiente: fröhlich muss man selber dabei sein und so recht lachen können.
Das Lachen unterm Sternenhimmel erklang noch von ferne, Konstanze setzte sich auf im Bett, lauschte und seufzte: »Jetzt sind die so lustig!« Und dann plötzlich beide Arme um den Nacken ihrer Erzieherin schlingend und den Kopf von Marie-Luise fest an sich pressend, flüsterte sie ihr ins Ohr: »Haben Sie mich lieb, Fräulein Büchner? Sehr lieb?!« — — — —
Was aus der kleinen Konstanze, ihrer ersten Schülerin, wohl geworden sein mochte? Marie-Luise hatte nie mehr etwas von ihr gehört. Sie war ja auch nur knapp ein Jahr auf Althaide geblieben. Es war eine dumme Geschichte, derentwegen sie gehen musste.
Die Frau Baronin hatte einen Bruder, der war nach Althaide gekommen. »Ich muss Sie bitten, Fräulein Büchner,« sagte die Baronin vorher, »an kleinen Wunderlichkeiten keinen Anstoss zu nehmen. Da die Verhältnisse, in denen mein Bruder bis jetzt lebte, sich geändert haben, ist es meine Pflicht, ihn zu mir zu nehmen. Er ist ein liebenswürdiger, harmloser Hausgenosse.«
Ja, harmlos war er, das sah man seinem semmelblonden Gesicht mit den wässerigen hellblauen Augen unter der niedrigen Stirn an. Er brachte ein Aquarium mit und einen Kanarienvogel. Für den Frosch, der einsam in dem Aquarium wohnte, fing er Fliegen unten in der Küche an der warmen Herdwand, und von Fifi, seinem gelben Vogel, erzählte er täglich bei Tisch lange Geschichten. Ein Wundervogel.
Konstanze hatte anfänglich laut herausplatzen wollen — war Onkel Egon doch komisch! — Aber ein Blick der Mutter traf sie, so dass ihr Lachen in einem verlegenen Husten erstickte.
»E bissel sehre verrickt,« sagte das Stubenmädchen, und schlug den Herrn Baron, wenn der sie beim Aufräumen seines Zimmers mit kicherndem Lachen kneifen wollte, gehörig auf die Finger: »Hände weg, Sie!« Das Stubenmädchen konnte sich wehren, brauchte keine Rücksicht zu nehmen, für sie, die Erzieherin, war es schwieriger. Und bei dem albernen Geschwätz immer ernsthaft zu bleiben, das war das allerschwierigste. Mehrmals flog der Blick der Baronin bei Tisch aufmerksam zu ihr hinüber, und Marie-Luise dachte: sollte die gemerkt haben, dass es um ihre Mundwinkel verräterisch zuckte? Konstanze war schon ein paarmal unter dem Tisch verschwunden, angeblich um ihre heruntergerutschte Serviette aufzuheben.
Marie-Luise traute sich nicht mehr allein in den Park, denn kaum war der Schnee ein bisschen weggetaut, suchte der Baron auch dort schon nach Fliegen; und durchs ganze Haus strich er so. Marie-Luise verschloss fest ihre Türe, nicht dass sie ihn gefürchtet hätte: was konnte ihr geschehen? — aber es wäre ihr peinlich gewesen, ihn so abfahren lassen zu müssen, wie das Stubenmädchen ihn abfahren liess.
»Mein Bruder ist sehr musikalisch,« hatte die Baronin gesagt. Er war am Klavier auch noch am ehesten zu ertragen; dann guckte er vor sich hin, so versunken auf die Tasten, als läse er aus ihnen etwas heraus. Er spielte alles auswendig, und was er von Melodien gehört hatte, behielt er. Nun bearbeitete er das Harmonium, das bis dahin bei den Morgenandachten, die die Baronin jeden Sonntag mit Choralgesang und Predigtvorlesung für Hausgenossen und Dienerschaft abhielt, sie selber gespielt hatte. Er spielte die Choräle immer ganz richtig. Aber heute, was war denn heute in ihn gefahren —?! Erst zu Beginn der Andacht zwei Verse des ‚Befiehl du deine Wege‘ tadellos, aber nun, nach dem Gebet? Der dritte Vers sollte zum Schluss noch gesungen werden, er fing den auch richtig an, aber jetzt auf einmal — dideldum, dideldum — eine Tanzmelodie! Die hüpfte über die Tasten, widerwillig gab sie das Harmonium her, es widersetzte sich quiekend, die Bässe brummten verwirrt. Aber immer drauflos, immer so weiter. Nun: ‚Fuchs, du hast die Gans gestohlen‘ — dann auf einmal: ‚Grosser Gott, wir loben dich‘ — dann: ‚Ernst, Ernst, was du mir alles lernst‘ — von jedem ein bisschen, alles in einem Tanzrhythmus vereinigt, aber alles doch deutlich zu erkennen.
Es huschte, es zuckte über die Gesichter. Die erst betroffen Dastehenden, dann verlegen Gewordenen, jetzt hielten sie sich kaum mehr. ‚Dideldum, dideldum‘ — Konstanze stopfte sich ihr Taschentuch in den Mund und wand sich wie in Krämpfen.
Marie-Luise hatte tapfer gekämpft — oh, der Narr, der arme Narr! — aber nun blieb auch sie nicht länger mehr ernst.
Nur die Baronin bewahrte Haltung; sie winkte zum Gehen. — — –
Das war für Marie-Luise das Ende in Althaide gewesen.
»Ich werde all Ihren Vorzügen gerecht, ich bin Ihnen auch sehr dankbar, Fräulein Büchner — Konstanze hatte eine grosse Zuneigung für Sie — aber ich sehe ein, es ist besser für dieses leicht abgelenkte Kind, dass es gleich in eine ernsthaftere Schulung kommt. Ich gebe meine Tochter ab 1. April in die altbewährte Erziehungsanstalt, Zum heiligen Kreuze‘.«
Der Abschied von Althaide war insofern nicht ungelegen gekommen, als Frau Professor Büchner dringend wünschte, ihre Tochter wieder bei sich zu haben. Ihr Kind, das einzige Kind, das ihr geblieben war! Als fielen ihr jetzt auf einmal all ihre Verluste ein, und als trüge sie doppelt schwer an ihnen, so war es. Nein, sie konnte nicht allein bleiben und nicht hier in der kleinen Stadt mit dem engbegrenzten Horizont, nicht bei diesen Menschen, deren Verhältnisse alle, alle glücklicher waren als ihre eigenen!
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