Und als Herbert sie unsicher anlacht, packt sie ihn bei den Schultern und dreht ihn hinaus. „Nicht nachdenken!“ ruft sie, „das ist nur wieder so ein Schnack deiner Mutter.“
Um punkt halb fünf fährt der alte Geheimrat Landowski vor, grüßt flüchtig seinen Chauffeur und liebenswürdig den alten Gaspard, der schon seit einer Viertelstunde an der Tür Posten steht, und geht schnell den Fußweg entlang auf das Haus zu. Er hinkt rechtsseitig seit ein paar Jahren und versucht das durch schnelles Gehen auszugleichen. Am Hauseingang wird er von Frau Schreier empfangen, die ihm Hut und Mantel unter fürsorglichen Redensarten abnimmt, ohne daß der Alte auf ihr Geschwätz eingeht.
Er tritt vor den Spiegel, zieht sich mit dem Taschenkamm den Scheitel gerade, streicht den grauen Bart zurück, der, kaum zu bändigen, das Kinn, den halben Hals und die Backen fast bis zu den Backenknochen überwuchert, lockert den Taschentuchzipfel in der Herztasche des Cutaway und marschiert dann auf den Salon los, den er hinter kurzem, hartem Klopfen betritt, ohne ein Herein abgewartet zu haben.
Er ist unangenehm überrascht, noch einen Gast vorzufinden, die kleine Amélie Stern, Gattin des bekannten Getreidehändlers Stern, eine Frau von nicht gutem Ruf, deren Freundschaft mit seiner Schwiegertochter ihm nicht gefällt. Er setzt sich in den tiefsten Sessel, den er finden kann, verkriecht sich in seinen Bart und sieht Stefanie mit funkelnden Brillengläsern prüfend an.
„Du scheinst dich wenigstens erholt zu haben“, brummt er nach einer Weile in das Gespräch der Frauen hinein, das sich ein wenig mühsam am Rande der gesellschaftlichen Ereignisse des Sommers entlanghaspelt.
Stefanie begreift sehr wohl, daß in diese Anerkennung ein Tadel eingewickelt ist, daß der Alte nochmals zum Ausdruck bringen will, wie unerhört er es findet, wenn eine Frau allein reist, und so gibt sie ihrer Freundin das Zeichen zum Aufbruch, weil diese Auseinandersetzung ja doch nicht vermieden werden kann. Ein wenig bange kehrt sie gleich darauf in den Salon zurück, setzt sich auf ihren Stuhl, legt die Arme um ihre Knie und wartet geduldig.
Aber der Alte läßt sich Zeit, er berichtet vom Mißerfolg der Kissinger Kur, zu der ihn diese „Tölpel von Ärzten“ gepreßt hatten, richtet Grüße von Tante Rebekka aus, die nun bald überhaupt nicht mehr gehen könne, beklagt seine Schlaflosigkeit, die jetzt im Herbst ihren Höhepunkt erreichen wird, und fängt dann erst an, Leos Gesundheitszustand in den schwärzesten Farben zu malen.
„Wenn er so weitermacht, ist er mit vierzig tot“, sagt er zornig und nimmt sich ein Stück Kuchen. Er begreift Stefanies Ruhe nicht, mit der sie diesen Verfall ansieht. Was man machen solle? Nun, vor allem könne man versuchen, ihn von seinen halsbrecherischen Geschäften abzubringen. „Schon beim Zuschauen kriegt man Nervenzustände. Hat er das nötig? Habt ihr nicht genug?“
Nein, sie haben nicht genug, gibt Stefanie für sich zu. Ihr Jahresetat hat eine lächerliche Höhe erreicht, und da Leo ihn durchaus nur von Überschüssen gedeckt haben will, muß er vielleicht seine Art von Geschäften machen. Sie wird nachdenklich, schüttelt das aber schnell wieder ab. Wie oft hat Ole ihr auseinandergesetzt, daß Hermann Landowskis Haupteigenschaft die Eifersucht ist. Eifersucht bei Geschäften, Eifersucht bei Menschen. Immer fühlt er sich im Schatten, nicht beachtet, nicht anerkannt.
Der Geheimrat hat sich eine schwere Zigarre ausgebeten und hüllt sich in dicke Rauchwolken. Stefanie ist also mit Leos Aussehen zufrieden? Sie findet keinen bemerkenswerten Unterschied zwischen Juli und jetzt? Er lacht erbittert, schlägt sich aufs rechte Knie und verreibt den Schlag. „Ganz verhärmt sieht der Junge aus“, schließt er und lehnt sich befriedigt in seinen Sessel zurück. Stefanie bleibt noch eine Weile sitzen. Dann läßt sie erst ein Bein zur Erde gleiten, hierauf das andere, steht langsam auf und holt sich eine Zigarette. Sie muß eine Weile mit dem Rücken zu ihrem Schwiegervater zwischen den Sorten kramen. Denn er darf die Dunkelheit nicht sehen, die auf ihrem Gesicht nistet, und den Schrecken, der in ihren Augen sitzt.
Natürlich sieht Ole verhärmt aus! Es ist ihr gleich bei der Begrüßung aufgefallen, aber sie weiß es erst seit dem Gang durch die Friedrichstraße. Wozu muß der alte Mann dahinten es ihr sagen? Was weiß der überhaupt? Er meint ja seinen Kummer und sein verpfuschtes Dasein, wenn er sich Sorgen über den Sohn macht.
Sie kann sich nun zusammennehmen, sie kommt, die Zigarette in einer sehr langen Bernsteinspitze, wieder an den Teetisch zurück, steht eine Weile neben Hermann Landowski, und sie hätte eigentlich Lust, ihn für seine Einmischung am Ohr zu ziehen oder ihn wie einen kleinen Jungen in die Ecke zu stellen, damit er sich ausbrummt. Sie bekommt dann doch einen Zorn — mein Gott, sobald man schwach wird, stoßen die Menschen nach einem! — und sie legt dem Geheimrat die kleine Hand schwer auf die Schulter und sagt schärfer, als es eigentlich ihre Absicht ist: „Laß man, Papa, laß man. Wir machen es schon.“
Hermann Landowski schielt unter seiner Brille in das Gesicht der Schwiegertochter. Er findet, daß sie den Leo nachmacht, mit der scheinbaren Ruhe, hinter der eine große Unsicherheit sitzt. „Ihr müßt es ja machen“, sagt er achselzuckend, springt auf, küßt Stefanie schnell und flüchtig auf die Stirn und humpelt eilig aus dem Zimmer.
Stefanie geht ans Fenster, und da gerade noch ein bißchen Sonne im Garten ist, bekommt sie Lust auf frische Luft und geht hinaus. Sie geht gebeugt und sieht sich ihre Schuhe an, rote Wildlederschuhe, von denen bei jedem der langsamen Schritte einer unter ihre Augen gelaufen kommt. So geht sie ganz langsam, Schritt für Schritt, bis die Sonne ihr aufs Haar fällt. Da richtet sie sich vorsichtig auf.
Sie ist bis zum Springbrunnen gekommen. Immer noch weht kein Wind, immer noch geht der Strahl der Fontäne kerzengerade in die Höhe. Sie tritt nahe heran und sieht, daß oben, dort, wo das Wasser sich zum Herabfallen biegt, der Strahl durch Tausende von Sprühtropfen ein wenig verbreitert wird und daß die Sonne dahin einen kleinen Regenbogen gelegt hat. Sie betrachtet das genau. Ihr wird endlich leichter, und es erschreckt sie auch nicht mehr, daß gleich darauf die Sonne wegrückt und das Wasser sich verdunkelt.
Sie geht Leo schnell entgegen, der rufend in den Garten gekommen ist, gibt ihm die Hand und sagt: „Gott sei Dank, daß dieser Tag vorbei ist.“ Leo Landowski nimmt den Hut ab, fährt über sein Haar und nickt. „Wirklich, treffender kann man nicht die Lage umschreiben“, antwortet er ernst.
Sie gehen Arm in Arm ins Haus. Die Zofe, die sie hat kommen hören, macht Licht und muß gerade noch sehen, wie Leo Landowski seine Frau mitten auf den Mund küßt. Sie will mit dem Rufe „Ach, Verzeihung“ wieder auslöschen und flüchtet hochrot unter dem Gelächter der beiden Ehegatten.
Es ist ein Uhr nachts. Die Nachttischlampe in Stefanies Schlafzimmer ist ringsum abgeblendet. Nur ein einziger Lichtstrahl findet durch den Schirm und fällt gerade auf Landowskis linke Hand, die zu einer Faust verkrampft auf der Decke liegt.
Stefanie sieht im Einschlafen die Faust liegen, möchte noch ihre Hand darauflegen und sie aufzumachen versuchen, aber sie ist zu müde. Der Kopf sinkt immer tiefer in die Kissen, und das Bewußtsein löscht aus, um farblos im Dunkeln sein Spiel zu treiben.
Leo Landowski will aufstehen und in sein Zimmer hinübergehen. Er freut sich eigentlich auf das kühle Bett, die Eau de Cologne, mit der er sich noch abreiben will, die Zigarette und die Zeitschrift, in der er einen Artikel zu Ende lesen muß, den er auf der Herfahrt angefangen hat.
Er macht die Augen auf, stützt sich vorsichtig auf die Ellbogen, zieht ein Kopfkissen nach und bleibt so sitzen. Draußen geht ein vertrocknetes Kastanienblatt über die Steinplatten des Vorgartens. Es dreht sich im Bodenwirbel des Windes immer auf der gleichen Stelle, scharrt mit seinen scharfen Kanten immer über den gleichen Stein, ruht ein paar Sekunden und fängt den gleichen Tanz wieder von vorn an. Es zwingt hinzuhören, mit ihm zu ruhen, den Tanz aufzunehmen und wieder auf den neuen Windstoß zu warten.
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