Das alles ist Stefanie verhältnismäßig gleichgültig. Aber es kommt noch eine Nachschrift, in der die schlechte Lage der Landwirtschaft bejammert wird, der auch die Tüchtigkeit des Vetters Albrecht, als welcher nun alle Geschäfte eigentlich führe, nicht auf die Dauer gewachsen sein könne.
Diese Nachschrift macht Stefanie stutzig. Denn sie ist mit voller Unterschrift gezeichnet: Eugen Graf Wangen und hat somit ihre Bedeutung. Sollte der Vater wirklich nach all dem Krach eine Anleihe bei Leo versuchen wollen?
Eigentlich ist es ihr ganz klar, und sie ist sehr beschämt. Aber es scheint ihr für den einen Tag zu viel Ehrlichkeit, wenn sie auch das noch eingestehen will. Wenn man alles auf einmal zugibt, wird man ganz irre. Wie ist man? Was tut man? Woher kommt man? Wohin geht man? Für was ist man verantwortlich? Was will man? Was wünscht man?
Es ist schon beinah erheiternd, eine achtundzwanzigjährige Frau, die die Welt ansieht wie ein Baby!
Sie möchte haltlos, hilflos weinen, aber sie tut es nicht. Sie geht vielmehr, da die Zofe ihr jetzt die Zeit meldet, gehorsam ins Bad, plätschert gedankenlos in der Wärme herum, zieht zum Troste das schönste Kleid an, das sie hat — ein erdbeerfarbenes, eng anliegendes Seidenkleidchen, an den Ärmeln und am Kragen mit kostbarer alter Spitze geschmückt — und betritt eine halbe Stunde später an Leos Seite den zu grell erleuchteten Vorraum der „Komödie“.
Sie erregt, wie immer, großes Aufsehen und findet heute eine kleine Befriedigung darin, so etwa, als bestätige man ihr, daß sie doch schon ein Mensch sei. Aber als der Vorhang aufgeht und die künstlich heiße Stimme der Höger einsetzt, fühlt sie sich doch wieder verlassen und muß sich sehr zusammennehmen, nicht zu zucken, nicht sich umzusehen.
Sie sieht starr geradeaus und versucht, den Vorgängen auf der Bühne ein Interesse abzugewinnen. Aber es werden nur sehr alte und einfach zu handhabende Gefühle vorgetragen — Liebe, Haß, Verruchtheit und Mord und Engelsreine — und es will ihr sogar scheinen, als sei die Höger, die modernste Schauspielerin Berlins, eigentlich recht altbacken in ihrer Furienhaftigkeit. Das wenigstens kann sie nachher Leo sagen, und so lächelt sie leise und spitzbübisch vor sich hin, während des Publikums Augen- und Ferngläser starr den Ausbrüchen der Höger folgen.
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