Essinger blickte wieder zu Winter. Dieser schenkte der Stewardess ein Lächeln, das sie zum Schmelzen brachte.
„Hier ist ein Gutschein für einen kostenlosen Drink auf Ihrer nächsten Reise.“ Maurer drückte Winter ein visitenkartengroßes Stück Papier in die Hand. Esslinger entging nicht, dass die Finger der jungen Frau leicht zitterten. Winter nahm die Karte entgegen und bedankte sich. Er lächelte ihr noch ein weiteres Mal zu, bevor sie den Flieger verließen.
Sie betraten Terminal D des Rhein-Main Airports über die Ziehharmonika ähnliche Gangway. Esslinger blickte Winter an. „Ist das wirklich ein Gutschein?“ Seine Stimme strotzte vor Skepsis. Der Schwarzhaarige grinste breit und hielt seinem Begleiter das Papier hin. Darauf hatte die Stewardess ihren Namen und eine Handynummer notiert.
„Sie sind unglaublich!“, lachte Esslinger. „Passiert Ihnen das öfter?“
Winters Blick wurde nachdenklich. „Ein, zwei Mal vielleicht.“ Esslinger spürte, dass sich mehr hinter den Worten verbarg, als sein Gegenüber preisgab.
„Mir passiert so etwas nie“, meldete sich einer ihrer beiden Begleiter, die hinter ihnen liefen. „Manchen Männern fliegen die Frauen nur so zu, ob sie es wollen oder nicht. Stimmt’s Winter?“
Der Tonfall des Mannes barg einen provokativen Unterton, der Esslinger nicht entging. Er wandte sich um, blickte ihn tadelnd an, worauf der Redner sofort verstummte. An Winter gewandt sagte er dann: „Ein Wagen erwartet uns am Ausgang.“ Esslinger deutete in Richtung des Zollbereichs.
„Ich müsste noch mal auf die Toilette“, erwiderte Winter.
„Hat das nicht Zeit bis …?“
„Nein!“, unterbrach der Schwarzhaarige.
„Okay. Da vorne ist ein Wegweiser zum nächsten WC. Ich gehe aber mit.“ Als Winter protestieren wollte, fügte Esslinger hinzu: „Zur Sicherheit!“ Ihre beiden Begleiter wies er an, hier auf sie zu warten.
An der Toilette angekommen ging Esslinger voran, öffnete die Tür und inspizierte den Raum. Außer ihnen war niemand zu sehen.
„Also los, gehen Sie!“, forderte Esslinger seinen Begleiter auf. Winter verschwand in einer der Boxen. Esslinger wartete am Waschbecken.
Plötzlich hörte er ein Stöhnen wie von einem Kranken oder Verletzten. „Winter! Was ist los? Alles in Ordnung?“ Der Mann antwortete nicht. Esslinger rief ein zweites Mal. Wieder keine Antwort.
„Winter, wenn Sie nicht antworten, komm ich zu Ihnen rein!“ Als der Angesprochene immer noch nicht reagierte, ging Esslinger zu der Kabine, in der Winter verschwunden war. Er öffnete die Tür.
Was er sah, verwirrte ihn. Winter stand vollständig angezogen hinter der Tür und starrte ihn an.
„Was ist mit Ihnen? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“
Ohne eine Erwiderung schlug Winter ihm ins Gesicht, dass er gegen die Kabinentür taumelte. Ein zweiter Schlag schleuderte Esslinger gegen die Wand. Dann legte sich Schwärze über sein Bewusstsein und er glitt in eine tiefe Ohnmacht.
17. März, 07:45, Hattersheim Okriftel
„Guten Morgen, mein Schatz.“
Die Worte drangen an mein Ohr, warm, weich und zärtlich. Wie ein alter Motor, der beim Anspringen stottert, nahm mein Hirn seine Arbeit auf. Ich hob die schweren Lider und blinzelte in den Lichtkranz, der Jays Kopf wie ein Heiligenschein umgab.
„Morgen“, krächzte meine Stimme zurück. Ich versuchte, zu schlucken, aber meine Zunge klebte wie ein alter Socken an meinem Gaumen.
Jay beugte sich zu mir herab und küsste mich zärtlich auf die Lippen. „Na, du müder Krieger. War`s wieder spät?“ Ich nickte. „Hast du den Sack endlich geschnappt?“ Wieder ein Nicken. „Dann kann ich darauf hoffen, mit meinem Verlobten wieder zusammen einschlafen zu können?“
„Ja, … kannst du.“ Meine Stimme wollte mir immer noch nicht gehorchen. Ich tastete nach der Wasserflasche neben meinem Bett und trank einen Schluck, nachdem ich sie geöffnet hatte. Danach umarmte ich Jay und zog sie zurück ins Bett.
„Hey, was soll das werden?“, fragte sie keck.
„Nach was fühlt es sich denn an?“, gab ich zurück.
Jay ließ ihr wunderschönes helles Lachen erklingen. „Ich muss arbeiten! Bei mir steht in neunzig Minuten der erste Patient auf der Matte.“
„Das ist lang genug für …“
Sie wand sich aus meinem Griff. „Und wer kommt dann völlig derangiert in seiner Praxis an?“
„Aber …“
„Nix, aber!“
„Aber, ich …“
Sie hob den Zeigefinger wie eine Mutter, die ihrem Kind sagt, dass es jetzt keine Süßigkeiten bekommt. Dann gab sie mir einen langen Kuss und stand wieder auf. „Herr Martini! Sie wissen genau, wie lang die Fahrt nach Frankfurt zur Alten Oper dauert.“
„Jaaaa, weiß ich.“ Selbst in meinen Ohren klang ich wie ein nöliger Teenie, dem die Eltern kein neues Handy kaufen wollten. Jay hatte seit Anfang des Jahres ihre Praxis für Psychotherapie in der Leerbachstraße. Es war eine Gemeinschaftspraxis, zusammen mit einer weiteren Psychotherapeutin und einer Psychologin. Bei der Einweihung hatte ich ihre beiden Kolleginnen kennengelernt. Das Ganze fühlte sich vielversprechend und stimmig an, zwischen den Frauen herrschte eine gute Chemie. Und ja, die Praxis lief gut.
„Deine Verrückten sind dir wichtiger als ich“, quengelte ich weiter.
„Zu deinem Glück weiß ich, dass das nicht dein Ernst ist.“ Dann zog sie die Stirn kraus. „Oder doch?“
Erneut versuchte ich sie zu greifen, aber sie sprang lachend ein Stück weg von mir. Meine Reflexe ließen um diese Uhrzeit sehr zu wünschen übrig. Jay warf mir einen Handkuss zu, während sie das Schlafzimmer verließ.
Ich wälzte mich aus dem Bett und ging ins Bad. Der Vierzigjährige, der mich aus dem Spiegel ansah, war niemand, den ich hätte küssen wollen. Meine schwarze Mähne stand in alle Richtungen vom Kopf ab und der Dreitagebart war bald mehr grau als schwarz. Einzig meine wasserblauen Augen wirkten wach, klar und hell. Auch wenn meine Figur sportlich wirkte, wofür ich viel trainieren musste, fühlte ich mich im Moment alles andere als agil.
Meine Selbstreflexion wurde von Jays Stimme unterbrochen. Sie steckte den Kopf zur Tür herein. „Ich geh jetzt.“ Ihr Blick glitt an meinem Körper hinunter und blieb ziemlich weit unten haften. „Wirklich schade, dass ich gehen muss“, sagte sie mit laszivem Unterton, der mich innerhalb von einer Sekunde zum Kochen brachte.
„Das Angebot steht noch.“
Sie lachte. „War das Wortspiel beabsichtigt? Egal, gib mir ´nen Kuss. Ich muss weg!“
„Jawohl, Frau von Linde.“ Ich salutierte und verabschiedete meine Verlobte, wie es sich gehörte. Dann hörte ich die Haustür zuschlagen und war alleine.
Eine halbe Stunde später kam ich aus dem Bad. Ich lief schnurstracks in die Küche, die Kaffeemaschine rief nach mir, ich konnte es genau hören.
Das Gute am Leben als Privatdetektiv war, dass ich meinen Tagesablauf selbst bestimmen konnte. Wann stehe ich auf. Wann arbeite ich. Wann faulenze ich. Wobei das letztere, Faulenzen, seit geraumer Zeit zu kurz kam. Seit den Ereignissen im letzten Jahr stand mein Telefon nicht mehr still. Hatte ich mich kurz zuvor noch gefragt, ob ich meine Detektei schließe und wieder zur Polizei gehe, was nicht wirklich eine Option war, stellte sich jetzt die Frage nach Unterstützung – brauchte ich einen zweiten Mann? Diese Entscheidung schob ich schon seit September vor mir her, war aber noch zu keiner Entscheidung gekommen. Jay lag mir schon länger in den Ohren endlich jemanden einzustellen, aber ich war ambivalent in dieser Beziehung.
Als der erste Kaffee meine Kehle hinunterrann, überlegte ich, was heute anstand. Den Bericht der gestrigen Nacht schreiben. Ehemann betrügt Frau mit Sekretärin – der Klassiker. Jörn Kostas anrufen und ihm mitteilen, dass seine Frau eine Affäre mit ihrem Personaltrainer hat – auch ein Klassiker – und so weiter und so fort.
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