1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 Die Karte war angekommen. Wolf hatte sie zwei für ihn verlorene Tage lang mehr als ungeduldig erwartet. Die Entschlüsselung des kurzen Textes bereitete ihm keine große Mühe. Sein Erstaunen über den Inhalt war dann jedoch mehr als groß. Das war nichts Angenehmes, was er da mitgeteilt bekam. Kurz und bündig hieß es: „Beeile Dich, das Objekt wird geräumt und verschlossen!“ Was, in Gottes Namen, hatte dies zu bedeuten? Sollte er seine gerade begonnenen Erkundungen gleich abbrechen und zurückreisen? Wollte Meurat ihn scheu machen? Hatte der Anwalt sich irgendetwas anders überlegt? Doch was Wolf sich in seinen Kopf gesetzt hatte, gab er so schnell nicht wieder auf. Im Gegenteil, nun waren seine Neugier und Tatendrang erst richtig angestachelt. Er würde dennoch versuchen, mit Frankfurt telefonisch Kontakt aufzunehmen. „Da muß schon ein wenig mehr gesagt werden, alter Freund“, murmelte er vor sich hin, während er die billige Ansichtskarte verbrannte und anschließend die Asche im Abfluß des Duschbeckens spurlos entsorgte. „Und morgen in aller Frühe geht‘s wieder ins Gebirge ...“ Dann verließ er das Zimmer und stieg durch das knarrende Treppenhaus hinab ins Restaurant, um dort sein frühes Abendbrot einzunehmen.
Nachdem der Kaffee von demselben einsilbigen Kellner im staubigen Anzug gereicht wurde, der schon das Essen auftrug, machte sich Wolf an die Planung für den nächsten Tag. Er fühlte sich ausgeruht und frisch. Am liebsten wäre er sofort aufgebrochen. Doch draußen vedichtete sich jetzt die Dunkelheit im Gebirgsvorland. Auf einer hellen Serviette skizzierte er sich kurz den Ablauf des kommenden Tages.
Das beschaffte Werkzeug und die anderen Hilfsmittel dürften genügen, die eiserne Tür an der alten Wasserzisterne zu öffnen und in die zu erwartende dunkle Tiefe vorzudringen. Allerdings hatte er dann das Problem, nicht den Weg von Anfang an verfolgen zu können, wie ihn sein Vater auf dem Plan vorgab.
Er würde nicht sofort wissen, wo genau er sich in den unterirdischen Systemen befände, wenn er über das versteckte Luk in sie eidrang. Auf jeden Fall mußte er den langen Haupttunnel suchen, dessen Tor draußen an der Felswand zugesprengt war. Gelang ihm dieses Kunststück, dann sah es schon freundlicher aus. Er bräuchte dann eigentlich nur den Einzeichnungen der Karte zu folgen. Das dies aber lange nicht so einfach werden würde, wie er jetzt am abendlich erleuchteten Hoteltisch plante, schwante ihm jetzt schon mehr als deutlich. Aber es half nichts. Eile schien plötzlich geboten zu sein.
Das Kommando aus der Eisbasis
Das Evakuierungskommando bestand aus zwei Männern unbestimmbaren Alters. Sie sahen zudem einander ähnlich. Strohgraue, glatte Haare umgaben bei beiden die Köpfe. Ihre schmalen Gesichter, mit den kühlen blauen Augen, ließen keinen Ausdruck erkennen. Und obwohl sie seit vielen Wochen gemeinsam auf der Reise waren, hatten sie kaum eine längere Unterhaltung miteinander geführt. Allenfalls mal ein gemeinsames Kartenspiel gönnten sie sich. Eingezwängt in dunkle, abgeschabte Ledermäntel und mit dem obligatorischen Hut auf dem Kopf sahen sie aus, wie Tausende Männer in diesen Jahren kurz nach Kriegsende im geschundenen Europa. Doch irrten sie nicht umher, wie unzählige andere Menschen. Sie strebten einem strikt befohlenen Ziel entgegen. Die Wochen zuvor verbrachten sie eingepfercht in der stählernen Röhre eines hochmodernen deutschen U-Bootes. Bei Nacht und Nebel waren sie heimlich an eine europäische Küste angelandet worden. Dort nahmen sie Kontakt zu einem verschwiegenen Helfer auf, der sie schon erwartete, ihnen erstes Quartier gab und sie schließlich ein eine Haupttrasse der sich wieder normalisierenden europäischen Eisenbahnverbindungen brachte. Dort tauchten sie in der grauen Masse der Reisenden unter und benutzten bei ihrer Fahrt gen Osten sogar getrennte Waggons.
Hauptmann Manfred Seidel war der Kommandant und Oberleutnant Erich Hase sein Pilot und Energetiker. Ihnen, den dazu befähigtsten Leuten, hatte Generallautnant Walter Strese, Kommandant der antarktischen Basis P 211, diese vorerst letzte Mission in Europa anvertrauen konnte. Sie brachen zwar nicht in Hurra-Geschrei aus, als Strese sie zu sich befahl und ihnen ihren Auftrag erklärte. Was getan werden mußte, wurde aber getan. Etwas konsterniert nahmen sie allenfalls nur die Tatsache auf, daß man keine Flugscheibe zu ihrem Transport Richtung Europa einsetzte.
„Wir fliegen seit Wochen nicht, warum wohl ...“, brummelte Strese etwas unwillig, als er die Mienen der Flieger sah. „Wir dürfen ihren Rückflug aus Europa keinesfalls gefährden, deshalb das derzeitige generelle Auf-stiegsverbot. Ihr Flug soll schnell und ungefährdet vonstatten gehen. Sie bringen, außer der Flugscheibe selbst, noch sehr wichtiges Material mit, was wir nicht länger im Feindesgebiet lassen können. Außerdem ist da noch unser letzter Wächter, der soll ja auch unbeschadet sein neues Zuhause erreichen. Und eines kann ich Ihnen versprechen. Ich weiß, daß dies schon lange ihre heimlichster Wunsch ist. Wenn ihr beide diesen Auftrag erfüllt, werdet ihr auf dem Flug nach Cydonia dabeisein, an vorderer Stelle versteht sich.“ Strese blickte mit leicht verklärtem Blick nach oben und nahm den unwillkürlich gehobenen Zeigefinger wieder herunter. „Also, meine Herren. Hals und Beinbruch! Kommen Sie mir alle wieder heil zurück.“
Mit dem seit Jahrzehnten üblichen Gruß verließen Seidel und Hase das geräumige Besprechungszimmer mit der großen Weltkarte hinter dem blauen Vorhang. Anschließend nahm sie sofort der Flugeinsatzleiter in Empfang. Auch hier waren keine anderen Personen zugegen.
„Nach unserer Einweisung werden sie bis zum Beginn der eigentlichen Operation alleine Quartier im B-Sektor beziehen. Das ist kein Mißtrauen gegen sie beide oder gegen andere Kameraden. Ihr Auftrag ist einfach zu wichtig, als daß er auch nur durch irgendetwas gefährdet werden dürfte“, fiel Einsatzchef Oberst Alfred Graue gleich mit der Tür ins Haus. „Außerdem ist das ja ein Befehl vom Chef.“
Sie verbrachten fast einen halben Tag mit der Erörterung der Details ihrer Mission. Dabei wurde Imbiß, Kaffee und alles gereicht, was das Herz begehrte. Auch die folgenden Tage gestaltete man ihnen so angenehm wie möglich. Dann wurde es ernst. Der Kommandant befahl sie, wie auch alle anderen, die eine besonders wichtige Order außerhalb der Basis zu erfüllen hatten, zur Meditation in die „Krypta“.
Sie verließen die bewohnten Bereiche der gigantischen Basis unter dem kontinentalen Eis. Die Einschienenhängebahn glitt mit ihnen rasch und geräuschlos durch leere, endlose Gänge und Tunnel, deren Decken gerundet waren und an deren Wänden sich nur hin und wieder techn. Wartungstüren zeigten. Dann glitt die Gondel direkt ins Eis des uralten Kontinents. Eine Art wehende Kälte machte sich breit, aber da war auch schon das Ende der Fahrt erreicht. Sie stiegen aus und standen in der absoluten Stille der Blauen Grotte. Überall schimmerten hier die unvorstellbar dicken Eisschichten wie ein einziger blauer Brillant. Der kristallklare Boden führte in einen langen, weiten Tunnel hinein. Mächtige Eissäulen strebten links und rechts hinauf zu glitzernden, romanisch-schlicht geschnittenen Kuppelgewölben des geradezu märchenhaft gestalteten Weges, dessen Ende sich schließlich nochmals zu einer Art Balustrade erweiterte. Hier waren wenige Sitzgelegenheiten dezent drapiert. Doch sitzend war hier noch niemand gesehen worden. Man trat ein paar Schritte auf eine niedrige, balkonartige Erweiterung und erstarrte. Dies jedoch nicht vor Kälte. Das, was sich hier bot, ließ auch härteste Gemüter in Ehrfurcht stillhalten. Mit Betreten des Erkers verlosch allmählich das Licht im Hintergrund der ewigen Eisschichten. Das strahlende, glänzende Blau ging in ein graues Leuchten über. Dafür erglänzte vor den Augen der Besucher ein unwirkliche, gigantische Eiskrypta, die anscheinend schwerelos in einem Raum dunkler, unbekannter Größe schwebte ...
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