Er hatte die Absicht, sein Fahrzeug wieder auf dem verlassenen Umschlagplatz abzustellen. Gleichzeitig liebäugelte er jedoch mit dem Gedanken, die mysteriöse Betontraße zu finden, die er bei seinem Marsch auf das Plateau des Steinberges mehrfach überquert hatte. Diese war in dem ihm verfügbaren Kartenmaterial jedoch nicht eingezeichnet. Wahrscheinlich kam diese Straße aus einer ganz anderen Richtung zum Berg und wand sich in weiten Serpentinen durch die Wildnisse der fernen Nordhänge. Vom Umschlagplatz war sie jedenfalls nicht erreichbar. Dort endete die bekannte Zufahrtstraße. Nur die Gleise gingen früher von dort aus noch weiter. Er mußte wohl in den sauren Apfel beißen und den kraft- wie zeitaufwendigen Marsch hinauf auf den geheimnisvollen Berg erneut machen. Diesmal war er auch noch beladen mit einem schweren Rucksack. Wolf scheute nicht so sehr die körperliche Anstrengung. Ihm wäre es rein aus Sicherheitsgründen lieber gewesen, mit dem Fahrzeug näher an die Stelle seines beabsichtigten Einstieges heranzukommen.
Langsam fuhr er die ihm nun schon bekannte Bergstraße aufwärts. Hier hatte es in der Nacht geregnet. Pfützen und leichte Schlamm-strecken wechselten mit Partien grob geschotterten Bodens. Ab und an glaubte er plötzlich, halbverwischte Reifenspuren zu sehen. Er hielt an, stieg aus und ging ein Stück die Straße entlang, den Blick auf den Boden geheftet - doch da war nichts. Neben dem Weg rauschte der Waldbach, unsichtbares Wild ließ die Äste in den Tannendickichten knacken und tiefliegende Wolken zogen gegen das Gebirge. Wolf ging zum Auto zurück, angelte sich eine Zigarette aus der Windjacke, die in der Kabine hing und überlegte. Neben dem Wagen stehend, alle Sinne angespannt, glaubte er dennoch, irgend-etwas sei in der Umgebung, was von Natur aus nicht hier in die Wildnis gehörte. Sein Auto würde er jedenfalls nicht wieder, wie ur-sprünglich geplant, mitten im Gebiet des alten Umschlagplatzes abstellen, wo jeder Neugierige darüberstolpern könnte. Wolf witterte und spürte regelrecht, konnte aber im Augenblick noch nichts Ungewöhnliches lokalisieren. Er stieg wieder ein und setzte seine einsame Fahrt in die Berge fort. Doch irgendwie gewarnt, beobachtete er äußerst vorsichtig jeden vor ihm liegenden Wegabschnitt, und im geöffneten Handschuhfach glänzte jetzt griffbereit der dunkle Griff einer Armeepistole ...
Am gleichen Morgen, an dem Wolf sich wieder ins Gebirge aufmachte, traf in dem kleinen Dorf am Rand der Bergausläufer ein Kurier ein. Der durch einen übergeworfenen Kapuzenanorack fast völlig vermummte Mann klopfte vorsichtig in einem bestimmten Rhythmus an Pawleks Hintertür. Er kam wie ein Gespenst aus dem Dunst der nahen Felder. Ungesehen hatte er den Dorfrand erreicht, an dem Pawleks kleiner Hof lag. Als sich im Haus nichts tat, wiederholte er das Klopfen nochmals schärfer. Endlich kam Bewegung hinter die Tür. Nur ein kurzes Codewort, schon öffnete sie sich einen Spalt. Der Vermummte schob einen braunen Umschlag hinein, nachdem er sich versichert hatte, daß auch wirklich Pawlek öffnete und mit dem richtigen Gegenwort antwortete. Er zischte ihm nur noch ein kurzes „Sofort!“ zu und verschwand im Morgennebel hinterm Haus, als hätte es ihn nie gegeben.
Der vorläufige Empfänger des kleinen, versiegelten Umschlags stand in Schweiß gebadet. Hatte er doch gerade eine schlaflose Nacht hinter sich. Und das bedeutete erneut nichts Gutes. Irgendetwas war in Gang gekommen. Sicherlich gab man die Anlage auf, ging es ihm durch den Sinn. Was sollte der Alte auch da oben in den Bergen noch? Das Blatt ließ sich nicht wieder wenden. Da konnte man lange in unterirdischen Bunkerzentralen hocken, auch wenn diese noch schier ewige Zeit funktionieren mochten. Doch dies alles würde auch Veränderungen für ihn mitbringen, die er noch nicht abzusehen vermochte.
Minuten später war er am versteckten Nachrichtengerät und sandte seine kurze Botschaft in die Basis. Die Antwort kam umgehend. Pawlek fluchte. Er mußte sofort nochmals in die Berge und das Dokument in den toten Briefkasten bei dem geheimen Personeneingang hinterlegen.
„Wo willst Du nun schon wieder hin?“ knurrte ihn seine Frau an, die halbverschlafen im Nachthemd im kleinen, dunklen Flur des Hauses auftauchte. „Ich muß noch mal weg“, antwortete ihr Mann verbissen, „Bin bald zurück“.
„Immer wieder kriechst Du da hoch in die Berge. Denkst scheinbar gar nicht mehr an Deine Familie“, keifte die dunkelhaarige Frau zurück. „Die Zeit ist endgültig vorbei, begreift Ihr das nicht. Du willst uns wohl alle noch ins Unglück stürzen? Ich habe jedenfalls keine Lust, auf Transport nach Sibirien zu gehen!“
„Schwätz du nur, verstehst es eh‘ nicht“, konterte Pawlek erzürnt. „Glaubst‘ vielleicht, ich renne aus Jux und Dollerei wieder los! Es muß halt‘ sein. Wird wohl alles auch nicht mehr lange dauern.“ Klatschend schloß sich die hölzerne Tür hinter ihm.
„Dieser Wahnsinnige...“, murmelte die Frau noch, ehe sie wieder in der niedrigen Schlafstube verschwand.
Diesmal hatte Wolf wenig Mühe, den Einstieg an der verfallenen Wasserzisterne zu öffnen. Er legte seinen schweren Rucksack ab und sondierte nochmals genau die einsame, waldige Gegend. Erst dann ging er sich daran, das verborgene Schott aufzudrücken. Sein mitgebrachtes starkes Vierkanteisen hatte fast genau passende Abmessungen. Sein Augenmaß hatte ihn also nicht getrogen. Mit klopfendem Herzen schaute er schließlich in die sich auftuende dunkle Tiefe. Schwacher Geruch von rostigem Eisen und Brackwasser schlug ihm entgegen. Ein rasch hinabgeworfener Stein schlug unten derart hallend auf, daß Wolf annehmen mußte, dort liege ein recht ausgedehnter Raum oder Tunnel. Beherzt leuchtete er mit der starken Handlampe in den Schacht und stellte zu seiner Überraschung fest, daß an der Seite eine Anzahl Steigeisen im Mauerwerk verankert waren, die eine bequeme Leiter darstellten. Somit konnte er absteigen, ohne gleich oberirdisch Spuren zu hinterlassen. Selbst das Luk ließ sich von innen wieder verriegeln. Der Strahl der Lampe erreichte den mit Geröllbrocken übersäten Boden mühelos. Es ging ungefähr fünf bis sechs Meter nach unten. Mit wieder geschultertem Rucksack stieg Wolf die Eisensprossen hinab. Unten angelangt suchte er instinktiv den Schutz einer Mauernische. Er stand nun am Grund des viereckigen Seitenschachtes eines großen Tunnelbauwerkes. Dicke Eisenrohre verliefen vertikal in ihm, die sicherlich etwas mit der alten Wasserzisterne oben zu tun hatten. Die Rohre führten hoch über seinem Kopf zur Decke des großen Tunnels weiter und verschwanden in den düsteren Gewölben.
Irgendwo in dunkler Ferne tropfte überdeutlich Wasser zu Boden, ansonsten herrschte gespenstische Stille in den mächtigen unterirdischen Bauwerken. Wolf raffte sich auf, richtete den Lichtkegel des starken Handscheinwerfers in den vor ihm liegenden Tunnelabschnitt und ging los. Umsonst suchte er den Boden bei jedem Schritt sorgfältig nach Spuren anderer Besucher ab. Im groben Schutt, Wasserpfützen und Bauresten fand sich nicht der Hauch eines Fußabdruckes. Manchmal blieb er stehen und lauschte aufmerksam in die Dunkelheit. Doch nichts rührte sich. Endlich kam er an die Stelle, wo ein mächtiger, bis an die Decke reichender Schuttkegel seinen weiteren Vormarsch stoppte. Laut Kompaßweisung war dies die Richtung, in der das außen verschüttete eiserne Tor lag. Auch die Entfernung stimmte ungefähr, obwohl sie sich bei dem Weg durch die unheimliche Dunkelheit schlecht schätzen ließ. Er mußte nun umdrehen, war aber zumindest glücklicherweise gleich in den richtigen Tunnel gelangt. Eilig machte er kehrt und marschierte die etwa 20-Minuten-Strecke zurück. Er orientierte sich an dem Wasserschacht, durch den er eingestiegen war. Wieder auf dessen Höhe angekommen stellte Wolf fest, daß es hier nicht nur weiter in den Berg ging; nach etwa 50 Meter teilte sich der mächtige Haupttunnel, genau wie es auf seiner Karte angegeben war. Laut Zeichnung mußte er nun den linken Abzweig nehmen. Wieder machte er sich auf seinen einsamen Weg durch die unterirdische Refugien.
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