1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 „Ich kann sie nicht einfach auf offener Straße über den Haufen schießen“, entgegnete Pawlek. „Da müßte ich sie schon in den Bergen oder den Ruinen selbst abpassen können.“
„Das ist mir schon klar. Du mußt eben aufpassen. Wenn du sie festgestellt hast, dann wirst du wohl wieder ihre Spur aufnehmen können. Hast du eine Ahnung, wo die sich rumgetrieben haben?“
„Sie müssen auf den Hochflächen des Berges rumgekrochen sein. Jedenfalls haben sie abends in der Dorfkneipe mal so was gucken lassen. Die Deutschen hätten wohl eine Menge Lastwagen im Berg verschwinden lassen, und die wollten sie finden.“
„Das schlägt dem Faß den Boden aus! Diese polnische Schweinebande! Nächstens gibt es wohl ganze Sonntagsausflüge über meinem Kopf!“
Hahnfeld erboste sich derart, daß Pawlek sich beeilte, ihm die mitgebrachte Verpflegung, Rauchwaren, Zeitungen und noch einige andere Bestellungen auf den Tisch zu packen. Als der Rucksack leer war, hatte sich sein Gegenüber in der makellos schwarzen Uniform wieder etwas gefangen.
‚Nun gut, mit so etwas war zu rechnen. Anscheinend hat die abschreckende Wirkung nachgelassen, die die an den Wegen ins Gebirge aufgehängten Leichen der toten Waldarbeiter, Förster und Wilderer eine Zeitlang ausgeübt hatte‘, überlegte sich Hahnfeld.
„Wenn du sie nicht in den Bergen erwischst, sprengst du eines der Häuser der beiden! Ich alter Esel sitze hier schließlich nicht für einen Hundedreck im Berg, das dürfte dir wohl auch klar sein!“
Pawlek beeilte sich wiederum, das zu bestätigen.
„Ich halte die Augen offen und kümmere mich um die beiden, Kommandant“
„Das will ich auch stark annehmen. Nicht das sich das Geschmeiß noch eines Tages zum Kaffeetrinken bei mir anmeldet, ha, ha, ha ...“, Hahnfeld lachte trocken und humorlos. „Da würde ich doch eher die ganze Gegend hier in die Luft blasen ...“, setzte er mit eisigem Ton hinzu, daß es Pawlek eiskalt über den Rücken lief. Er schärfte seinem Besuch noch einige Sicherheitsregeln ein und erklärte ihm, daß ab sofort und bis auf Widerruf täglich eine Meldung via Draht in die Basis zu erfolgen habe. Dann durfte Pawlek sich auf seinen einsamen Rückweg durch das Gebirge machen.
Mit einem dumpfen Laut klappte hinter ihm das schwere Außenschott zu. Er hätte schon Sekunden später Mühe gehabt, die Stelle in der nächtlich-dunklen Felswand wieder zu lokalisieren, wo es sich gut getarnt verbarg. Während Hahnfeld die von außen mit dickem Felsgestein und robustem Trockengras verblendete Stahltür im Inneren wieder mehrfach fest und sicher verriegelte, tappte Pawlek vorsichtig den schmalen Grund der Schlucht zurück.
Wind kam auf und graue Wolkenfetzen verschleierten das Bild des Mondes am zuvor sternenklaren Nachthimmel. Es wurde stockdüster, und der einsame Wanderer war froh, endlich wieder die Stelle zu erreichen, an der das enge Seitental sich in Nähe des ehemaligen Baustellengeländes allmählich erweiterte und schließlich hinter hohen Schutthaufen in alten, ausgefahrenen Wegen auslief. Selbst von hier aus war der Zugang oder gar die Existenz des schmalen Bergtales kaum erkennbar. Und wer von ihm und seinem Geheimnis nichts wußte, hätte es wohl kaum entdeckt.
Hahnfeld, der alte Fuchs, hatte sich wirklich gut verschanzt in der unterirdischen Festung, ging es Pawlek durch den Kopf, während er weiter Richtung eines Talweges lief. Auf wessen höhere Anweisung Hahnfeld dort noch die Stellung hielt, darüber wollte er lieber nicht nachdenken.
Hatte der Kommandant ihm doch nicht unmittelbar nach Ende der offiziellen Kampfhandlungen unverblümt eingeschärft, daß es nur noch diese eine Personenschleuse gäbe. Und selbst wenn er, Pawlik, diese, unter welchen Umständen auch immer, verriete, gäbe es kein Hineinkommen in die Basis - und sei ein ganzes Regiment draußen aufgestellt. Dafür sorge ein über hundert Meter langer Tunnel, der alleine die kleine Außenschleuse mit den inneren Systemen verbinde. Dieser sei mit Sprengladungen geradezu gespickt. Bei Fremdeinwir-kung würde der Gang auf einen Schlag über hundert Meter weit völlig zugesprengt, und gleichzeitig täten automatische Werfer den Talgrund mit Kampfmitteln bestreichen, die dort und in der Umgebung keine Maus mehr am Leben ließen ...
„Nur zur Information, falls du einmal auf falsche Gedanken kommen solltest“, hatte sein Chef damals gefährlich leise geknurrt.
Pawlek nahm dies als Tatsache hin. Er ging sogar noch weiter. So war er fest überzeugt, sollte der Gegner ernsthaft versuchen, auf die sensiblen Anlagen im Berg zuzugreifen, käme es zu einer unvorstellbaren Katastrophe für den ganzen Landstrich. Der heisere Schrei eines Waldkauzes schreckte ihn aus seinen Gedanken auf und ließ ihn wieder mehr auf den schmalen, wuzelübersäten Waldweg achten, der ihn hinab an die Bergausläufer führte.
Wolf, wieder in der Kleinstadt vorm Gebirge angekommen, stellte den Wagen in der kleinen Hotelgarage ab und begab sich an die Rezeption. Das Vestibül des Hauses, das in einer belebten Straße des Zentrums stand, hatte schon bessere Zeiten gesehen. Aber noch immer atmete es den Flair vergangener Pracht. Dunkel glänzten die Möbel, dicke, staubige Teppiche bedeckten den Boden, und an der Decke hing ein messinfarbener Kronleuchter, der allerdings, nur mit wenigen Glühbirnen versehen, ein eher trübes Licht in die kleine Halle warf. Es roch nach verwelkten Blumen und etwas nach Küche. Durch die knarrenden Flügeltüren zum Eingangsportal drang gedämpfter Straßenlärm hinein. Wolf ließ mehrfach eine kleine Glocke schellen, bis endlich der Portier kam. Dieser händigte ihm seinen Zimmerschlüssel aus und nahm die Bestellung eines Ferntelefonates entgegen, denn Wolf mußte unbedingt Meurat erreichen. Dann ging er auf sein altmodisch, aber recht gemütlich eingerichtetes Zimmer. Dort legte sich auf das breite Bett und schlief bis zum späten Nachmittag. Aufgestanden erfrischte er sich und erledigte er einige Einkäufe. Die Liste dazu hatte er noch während einer kurzen Rast auf der Rückfahrt angefertigt. Auf dem verschlissenen Parkettboden des Zimmers lagen nun ein starkes Bergsteigerseil, eine stabile Brechstange und noch einiges anderes Werkzeug
„Bleiben Sie vor Ort, es gibt unerwartete Neuigkeiten. Sie bekommen umgehend eine Karte. Ich sende sie heute noch ab“, gab sich der Anwalt etwas hektisch, als Wolf ihn nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich gegen Abend an den Apparat bekam. Um was es sich handelte, wollte er am Telefon offenbar nicht sagen. Das ging in Ordnung. Es war für so einen Fall entsprechend vereinbart. Genauso wie die Sendung einer unverfänglichen Ansichtskarte mit lieben Grüßen an einen alten Bekannten. Mit dieser konnte ein Uneingeweihter absolut nichts anfangen. Und nichts war bekanntlich geheimer, als eine Ansichtskarte per Post. Erst ein einfacher, willkürlich und im Voraus festgelegter Zahlenschlüssel ließ dann die wirkliche Nachricht erkennen.
Der Kurier kam nach telefonischer Voranmeldung in die Frankfurter Kanzlei. Meurat hatte seine Sekretärin für diese Zeit zu Besorgungen in die Stadt geschickt. Der Mann erschien auf die Minute pünktlich und übergab ihm im Vorraum einen schmalen, versiegelten Umschlag. So schnell wie er gekommen war, verschwand der Bote auch wieder, so daß Meurat, selbst wenn er es gewollt hätte, kaum etwas über seinen Besucher hätte sagen können. Nervös öffnete er das Schreiben. Zu seiner Überraschung enthielt es Anweisungen, eine kleine Gruppe Männer mit entsprechenden Papieren auszustatten und ihnen so baldigst den Weg ins Eulengebirge zu ebnen. Diese Gruppe, das ahnte Meurat, hatte zweifelsohne eine sehr wichtige Aufgabe bei seiner Ankunft wahrzunehmen. Irgendetwas tat sich plötzlich in den fernen Bergen. Das konnte eigentlich nur bedeuten, daß die Anlage endgültig geräumt wurde. Die manifestierte politische Situation im Nachkriegseuropa gestattete wohl keine andere Entscheidung. Sicherlich waren in der Gebirgsbasis noch etliche Dinge deponiert, eigentlich für eine ganz andere Zukunftsvision vorgesehen. Einige Andeutungen in dieser Richtung hatte schon ein ehemaliger Mitarbeiter Meurats gemacht, mit dem er sich ab und an in einem Kaffeehaus der Frankfurter Innenstadt traf. Natürlich wußte der Anwalt auch mehr, als er gegenüber Wolf offenbart hatte. Das der Stützpunkt im Eulengebirge aber gerade jetzt wieder ins Blickfeld der für ihn Verantwortlichen rückte, damit hatte er keineswegs gerechnet. Und eben ausgerechnet jetzt machte sich der Sohn seines alten Kameraden dort zu schaffen. Ein schrilles Läuten riß Meurat aus den Gedankengängen. Ein Klient rief an und führte ihn wieder in seine ebenfalls so notwendigen Alltagsgeschäfte zurück. Doch im Hinterkopf des ergrauten Anwaltsschädels zogen sich weiter düstere Gedanken zusammen.
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