Frau Frobel lachte diesmal mit Vergnügen. „Sei doch nicht komisch, lieber Dietrich.“
Herr Frobel liess sich nicht stören. „Ich weiss, ich weiss, es ist das alte Thema, immer das alte Thema. Mir aber bleibt es immer neu . . . Erlaubst du übrigens?“ und als er ihr Nicken gewahrte, holte er seine Zigarrentasche hervor und steckte sich eine von den schweren, torffarbigen an, die ihm eigentlich verboten waren, die er aber den ganzen Tag über und auch noch in den Nachtstunden rauchte, obgleich ihm das Gehirn davon platzen musste, wie seine Frau meinte.
Und als er die ersten Züge tat, kam um so grössere Munterkeit über ihn, wie immer, wenn er den vergnügenwinkenden Abendstunden entgegenging. „Mach doch endlich Schluss mit dieser Geschäftssimpelei. Setz dir einen Vertrauten hin, einen energischen Kerl. Räum Ahlmann deinen Platz ein. Er kennt die Dinge aus dem ff. Schon lange habe ich dich darauf gebracht. Wenn du nur Gründe dagegen hättest, mein liebes Tinchen, Gründe!“
Frau Frobel blieb diesmal ernst. „Gründe? Die habe ich allerdings, mein guter Dietrich. Ich will nicht.“
Sie sagte es so bestimmt, dass ihr Mann ganz verlegen wurde. „So, so, du willst nicht“, sagte er dann wahrhaft betrübt. „Das ist was anderes. Dann allerdings . . .“
Eingeschüchtert stand er da, schwenkte die grosse Zigarre vor seiner Nase und labte sich mit geschlossenen Augen an ihrem scharfen Duft.
„Nein, ich will nicht“, sagte Frau Frobel nochmals mit Nachdruck. „Solange ich gesund und arbeitsfähig bin, werde ich hier das sein, was du hier hättest sein müssen. Werde ich also auch den Sessel des Chefs einnehmen. Das sind meine Gründe. Lass uns also darüber nicht mehr streiten.“
„Nein, nein, es ist wohl auch schon besser“, sagte Herr Frobel nach einer gedankenschweren Pause. „Immerhin, weisst du, sind es eigentlich gar keine Gründe.“
„Aber du hörst es ja, — die Gründe liegen in meinem Willen.“
„Gut, gut, liebes Tinchen. Also Schluss darüber. Ganz und gar. Tout a fait.“
Beide schwiegen eine Weile, bis sich Frobel wieder meldete. „Was sagst du übrigens dazu, dass Emmerich wieder auf der Bildfläche erschienen ist, he? Hat er sich noch nicht bemerkbar gemacht?“
Ernestine, bereits darauf gefasst, erwiderte gleichgültig: „Da liegen sie im Papierkorb — die Logenbilletts.“
Herr Frobel blieb vor dem schön bemalten Kasten aus imitiertem Leder stehen, bückte sich etwas und warf einen gewichtigen Blick hinein. Und um noch sicherer zu gehen, führte er sein Monoele, das er immer lose in der Westentasche trug, dem rechten Auge zu, das nicht die Sehkraft des linken besass, weil es mit der Zeit durch den ewigen Gebrauch der Lupe bei Besichtigung seiner Münzen stark angegriffen war. Dann meckerte er sein Lachen hervor.
„Wahrhaftig, da liegen die roten Dinger, obendrein zerrissen! Ei, ei, das sollte er wissen, dieser kostspielige Schützling von einst.“
„I—a, das sollte er wissen“, sagte Frau Ernestine gedehnt, während sie einen Blick in die Zeitung warf, um ihre Gleichgültigkeit noch mehr zu bestätigen. Nicht aber konnte sie ihre innere Erregung bemeistern, denn ihre Brust ging stärker als zuvor. Eigentlich hätte sie lachen mögen über die Zumutung ihres einstigen Freundes, sich ihm dicht unter seiner Nase am Orchester zu präsentieren, damit er jede Regung in ihrem Gesicht verfolgen könne und sich sagen dürfe: Sie ist hier, sie hat noch Interesse für mich, sie hat mich noch nicht ganz vergessen . . . Das war einmal. Heute lag ein Abgrund zwischen ihnen, vor dem sie zurückschreckte, denn aus der Tiefe stiegen ekle Dünste empor, die er durch sein schmieriges Verhalten bereitet hatte. Und wenn sie doch noch Neigung zeigte, ihn einmal zu sehen, unbemerkt von ihm, — so folgte sie nur der Neugierde, nur ihr allein.
„Also ists diesmal nichts mit dem Sprichwort: Alte Liebe rostet nicht“, sagte Herr Frobel wieder, durchaus gemütlich. Früher, vor Jahren, als Emmerich noch nicht der tote Mann und ihr Interesse für ihn noch reger war, hatte er sie öfter damit geneckt, und nun erfasste ihn wieder der Spass dazu.
Ernestine warf die Lippen auf. „Nein, damit ist nichts mehr, mein Bester.“ Unaufhörlich überflog sie die Abendzeitung, als interessiere sie diese Unterhaltung nur so nebenbei.
„Er hat sich eigentlich auch nicht danach benommen“, sagte Frobel wieder, blieb dann stehen und bemühte sich, einige wohlgelungene Rauchringe aus seinem Munde zu stossen. Und als er von diesem Spiel genug hatte, trabte er wieder durchs Zimmer und fuhr fort: „Weisst du, liebes Tinchen, wenn du schon keine Lust hast, — ich möchte mir den alten Wunderknaben doch noch mal ansehen, oder eigentlich anhören. Na, beides zusammen. Bin sehr neugierig auf diese Ruine. Willst du?“
„Vergeude doch deine Zeit nicht“, fiel ihm Ernestine ins Wort.
Und ihr Gatte ging sogleich darauf ein. „Eigentlich hast du recht. Man ärgert sich dann noch über sein Geld. Schon genug, dass er uns immer noch in der Tasche liegt. Dir wenigstens. Entschuldige, entschuldige . . . Man liest es ja nachher auch in den Blättern. Wenn er uns nur keinen Besuch macht . . .“
„Er wird doch nicht“, sagte Frau Frobel mit demselben Gleichmut, aber sie bewegte sich unruhig auf dem Sessel. Noch weniger als zuvor las sie jetzt, denn er hatte plötzlich etwas berührt, woran sie schon mit Schrecken gedacht hatte.
„Als was tritt er doch gleich auf? Soeben habe ich es noch gewusst“, sagte Herr Frobel wieder, blieb aufs neue stehen und sann nach.
„Interessiert mich gar nicht, lieber Dietrich.“
Herr Frobel gab sich auch keine Mühe mehr, und da es ihm diesmal wirklich schwer wurde, sein Gedächtnis zusammenzusuchen, so liess er die Kapsel seiner goldenen Uhr springen, tat nun ungemein eilig und verabschiedete sich von seiner Frau, indem er wiederum galant ihre Hand an seine Lippen zog. Dann stolzierte er von dannen. Er hatte aber kaum die Tür hinter sich, als er den Kopf wieder hereinsteckte, denn sein Gedächtnis war ihm inzwischen gekommen.
„Du, ich hab’s jetzt“, rief er ihr zu. „Er singt den Herzog in Rigoletto. War mal seine Glanzrolle im Opernhaus, weisst du noch? Den wird er jetzt hübsch verzapfen . . . Nochmals gute Nacht. Bon soir.“
Dann klappte die Tür wieder.
Frau Frobel hatte das Zeitungsblatt sinken lassen und sass nun unbeweglich da, die Hände im Schoss gefaltet, den Blick verloren vor sich gerichtet auf irgend etwas, was sie sah und wieder nicht sah, weil ihre Augen weiter gingen: über die ganze Umgebung hinweg, hinein ins Reich der geistigen Vorstellungen. Kaum hatte sie noch ihres Mannes letzte Worte gehört. Der Harmlose! Wenn er wüsste, weshalb sie diesen Platz hier niemals aufgeben wollte, diesen Sitz im Zimmer, an den alles herantreten musste, was sie berührte; wenn er auch nur ahnte, dass die Furcht sie hier zur täglichen Wache trieb, die Furcht eines ewig zitternden Weibes bei dem zehrenden Gedanken an die geheime Schmach ihres Lebens!
Die stattliche Frau Frobel stöhnte auf, erhob sich und ging mit gesenktem Haupt träge durchs Zimmer. Und während sie diesen Gang machte, sah sie wieder den Abend vor zehn Jahren, wo Emmerich hier vor ihr stand und sie mit versteckten Anspielungen an ihren Sündengang erinnerte, und zwar — es wurde ihr nur zu klar — nur zum Vorteil seines Beutels. Damals hatten diese üblen Gewohnheiten begonnen, und was andere für unbegreifliche Wohltaten hielten, war nur ein Blutopfer, das sie brachte, dem Zwange folgend, nicht dem eigenen Willen. Und sie sah ihn wieder gehen, gleich einem liebenswürdigen Schuft, der in seinem Vorgehen nichts Besonderes fand, vielmehr nur sein persönliches Recht darin erblickte, von ferne mitzugeniessen an einem glänzenden Leben, das ihm versagt bleiben sollte, trotzdem er es hatte mit versüssen helfen. Und sie sah sich danach wie zusammengebrochen auf den Stuhl sinken und hörte sich heisse Tränen weinen, die stillen, heissen Tränen einer doppelt betrogenen, tief verkannten Frau.
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