Herold, der sich bereits erhoben hatte, sah sie mit einer Miene an, in der in diesem Augenblick durchaus nichts von einer zu erwartenden Schlauheit zu lesen war. Dann lachte er aus Anstand mit, aber es war das Lachen eines Gefolterten. Bei knifflichen Dingen pflegte er sich die Nase zu reiben, und das tat er jetzt auch in ausgiebiger Weise, so dass es fast unschön war. Er, der schon seit Jahren regelmässig spätestens um elf Uhr in sein schmales separiertes Bett stieg und selten aus seiner stillen Gegend herauskam, sollte sich des Nachts in der Friedrichstrasse umhertreiben! Und er, der sich rühmen durfte, stets wahr und aufrichtig gewesen zu sein, sollte diese Tugend plötzlich ablegen! Aber was tat man nicht alles einer besorgten Mutter wegen, der obendrein geschäftlich zu dienen man sich zur Ehre rechnen durfte.
„Die Bummelei würde ich ihm schon verzeihen, wenn er sich nur an kein Frauenzimmer hängt“, sagte Frau Frobel nach seiner Zustimmung noch und benutzte die Gelegenheit, sich noch rasch nach dem Befinden seiner Familie zu erkundigen.
Dadurch war Herold endgültig bezwungen.
Er wollte gerade gehen, als er durch Frobel senior zurückgehalten wurde, der aus der Wohnung hereintrat und sich gleich durch seine kleinen Liebenswürdigkeiten bemerkbar machte, die er für jedermann in derselben Form bereit hatte. Schon vorher hatte man durch die Tür sein helles Pfeifen vernommen: den Hohenfriedberger Marsch, in den er sich geradezu verliebt hatte und den er bis zum Überdruss pfiff, obendrein mit der Eintönigkeit eines musikalischen Analphabeten. Diese Melodie verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, er schleppte sie gleichsam in seiner Seele mit wie die einzige Stimme eines Instruments, die nur dem Besitzer noch Vergnügen macht, weil er sich daran gewöhnt hat. Er wusste schon gar nicht mehr, dass er sie pfiff, und das diente ihm in den Augen seiner Frau, die diese Angewohnheit unausstehlich fand, als einzige Entschuldigung.
„Ei, sieh da, mein lieber Herold, sieh da, mein Lieber, Wie geht’s, wie schaut’s? Noch so spät tätig? Immer fleissig, immer fleissig? Recht so, recht so. Wer der alten Firma Frobel dient, dient sich selbst. Wie Vater selig schon zu sagen pflegte. Und er hatte es schon von seinem Alten.“
Er lachte mit seiner Kinderstimme, trotzdem eigentlich keine Veranlassung dazu vorlag. „Zigarre gefällig, he? Die hier, wie? Nehmen Sie nur, nehmen Sie nur. Zieren Sie sich nicht. Dem Verdienste seine Krone . . . Meine Sorte. Das sagt eigentlich genug.“ Und wieder lachte er einfältig wie ein grosses Kind.
Cornelius Herold, überrascht durch so viel Güte, krümmte den Rücken und griff mit zwei vorgestreckten Fingern in die ihm dargereichte Zigarrentasche, und zwar in die aufgeklappte Seite, wo die grossen und dicken mit goldener Bauchbinde steckten. Und sein Dank klang überstürzt, aus gespitztem Munde, und wurde noch wiederholt, als Herr Dietrich Frobel sich bereits seiner Gattin zuwandte und die Begrüssung fortsetzte.
„’n Abend, liebes Tinchen, ’n Abend! Entschuldige, wenn ich vielleicht stören sollte, denn du hattest gewiss wichtige Dinge mit unserem alten, lieben —. Ich sehe dich immer nur tätig, bis in den Abend hinein. Ich frage dich, weshalb? Pourquoi? Muss das sein? Darf das sein? Bin ich nicht da? Aber ich will nicht weiter in dich dringen, denn ich weiss, es macht dir Vergnügen — grosses Vergnügen.“ Und er wandte den Kopf wieder dem alten Getreuen zu. „Nicht wahr, mein lieber Herold? Sie müssen es doch wissen, denn Sie sind ja sozusagen vortragender Rat in unserem Handlungsministerium. Guter Vergleich, he?“ Und er lachte wieder zwecklos und sprach zu seiner Frau weiter. „Du bist die Herrscherin, und was bin ich? Der Chefgemahl bin ich. Du — das ist ein guter Witz, ein wirklich guter Witz. Mir eben erst eingefallen. Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet.“
Und abermals hatte er sein helles Lachen bereit, das eigentlich mehr ein Meckern war.
Das alles sagte er durchaus liebenswürdig, mit einer göttlichen Selbstverständlichkeit, die man nicht anzweifeln dürfe, während er sich dabei galant zu seiner Frau niederbeugte, ihre schön geformte weisse Hand ergriff, sie ein paarmal streichelte und dann einen flüchtigen Kuss darauf drückte.
„Ja, du triffst immer das Richtige, mein lieber Dietrich“, sagte Frau Frobel mit der gleichen Liebenswürdigkeit. Damit war ihre Anerkennung erschöpft, gleichsam wie in der Erkenntnis, dass es zwecklos wäre, sich dagegen zu wehren. Fest und bestimmt sass sie auf ihrem Sessel, fast unberührt von dieser Zärtlichkeit, die ihr nur als der Austausch häuslicher Gewohnheiten dünkte.
Herr Dietrich Frobel spazierte, die Hände auf dem Rücken, vor beiden auf und ab, wobei er sich nach allerlei geschäftlichen Dingen erkundigte, was immer etwas sinnlos geschah, seitdem ihm seine willensstarke Frau das Zepter entwunden hatte. Das war damals, als er wegen krankhafter Verschwendungssucht für geschäftsunfähig erklärt wurde und entmündigt werden sollte, schliesslich aber, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden, in einen Kompromiss willigte, durch den er für die Firma einfach kaltgestellt wurde. Gewagte Börsenspekulationen, mit denen er sich über den drohenden Krach hinweg helfen wollte, hatten ihn noch mehr hineingerissen. Und so wurde er, als Ernestinens Mutter einsprang, um die Verhältnisse allmählich zu sanieren, plötzlich zum gehorsamen Kinde.
Er hatte überhaupt viel von einem Kinde an sich, das wohl mit den Jahren gewachsen war, bei dem sich aber der Verstand nicht gleichmässig entwickelt hatte. Das wussten alle im Geschäft, die diese elegante, verkörperte Null hin und wieder in dem breiten Gang zwischen den Pulten auftauchen sahen, wie sie freundlich, aber herablassend, ungefähr wie ein entthronter Fürst, grüssend nickte und dann leutselig mit diesem oder jenem älteren Herrn ein paar Worte über geschäftliche Dinge wechselte, die allerdings vorsichtig aufzufassen waren. Herr Dietrich Frobel hatte nie viel davon verstanden und sich schon vor seiner Kaltstellung auf Geschäftsführer und Prokuristen verlassen.
Aber er musste sich doch zeigen, beweisen, dass er noch am Leben war, und so tun, als hätte er nur aus Gesundheitsrücksichten abgedankt, ohne jedoch seinen Einfluss aufzugeben! Und man liess ihn auch in diesem Glauben, indem man vor ihm dienerte und ihm alle Ehren eines abgesetzten Chefs erwies. Denn schliesslich war und blieb er der Gatte der Frau Chef, der Träger des alten Firmennamens C. D. Frobel.
„Nun, gehst du heute nicht in den Klub?“ fragte Ernest, ine die sich wunderte, ihn noch hier zu sehen, da er, wie alle berufslosen Leute, seine eigenen Wege wandelte, ganz besonders des Abends, nachdem er sich den ganzen Tag über mit seiner Münzensammlung beschäftigt hatte, die reich an kostbaren Stücken war. Die halbe Nacht gehörte dann der Zerstreuung und dem Vergnügen, entweder bei seinen Freunden oder im Ballett und Zirkus, denn er behauptete, er müsse für sein ewiges Katalogisieren am Tage des Abends den nötigen Ausgleich finden. In Wahrheit vertrug sein Gehirn schwere, das Gemüt bewegende Sachen nicht, die ihm an die Nerven gingen. Und so war denn seine Lebensauffassung auf die leichten Genüsse gestimmt.
„Ich wollte dir doch wenigstens noch Adieu sagen, mein liebes Tinchen“, erwiderte er, ohne seine Wanderung einzustellen. „Und dann, siehst du, wollte ich doch noch mal einen Blick ins Kontor werfen; du weisst ja, mir fehlt sonst etwas. Vormittags war ich in der Fabrik.“
„So, so, du warst in der Fabrik“, sagte Frau Frobel völlig interesselos.
„Na, ich musste mich da draussen doch auch einmal sehen lassen. Es ist übrigens alles in schönster Ordnung. Und zu tun haben wir jetzt . . .! Keine Maschine steht still! Freut mich, freut mich ausserordentlich.“
Ersichtlich gehoben davon, als hätte es erst seines Eingreifens dazu bedurft, reckte er sich ein wenig; dann blieb er vor dem grossen Wandspiegel stehen, beäugelte sich selbstgefällig und zog die Spitzen des gefärbten Schnurrbarts aus, der allzu üppig über dem kurz gestutzten, ergrauten Spitzbart hing. Sein schräg wie ein Dach aufsteigender Schädel hatte schon gehörig Haare lassen müssen, die er sich frühzeitig wegamüsiert hatte; und so lagen da oben nur noch die letzten gebleichten Reste, die, in der Mitte kokett gescheitelt, wie ein dünnes Gewebe die Stirnwölbung krönten.
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