Stets ging er wie ein Lord gekleidet, in einem auffallend karrierten Jackettanzug aus englischem Stoff, einen weissen Vorstoss an dem Westenausschnitt, hinter der die rote Krawatte grell ins Auge stach. Dazu trug er modefarbige Hemden und steingraue Gamaschen über den tadellosen Lackstiefeln.
„So, so, es ist also alles in Ordnung da draussen“, ging Frau Frobel wohlmeinend darauf ein. „Es ist hübsch, dass du mal wieder hinaus warst. Das feuert gleich ein wenig an.“
„Siehst du, — das wusste ich ja, dass ich dafür deine Anerkennung finden würde“, rief er vergnügt aus und trat abermals auf sie zu, um ihr mit Herzensfreude die Hand zu drücken.
Und sie nickte und blickte ihn diesmal lächelnd an, denn sie wusste, dass er im geheimen immer noch die Hoffnung hegte, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden, und dass sie ihm keinen grösseren Gefallen tun konnte, als ihm hin und wieder ein gütiges Wort für sein abgestumpftes Interesse zu sagen.
Seine unverminderte Aufmerksamkeit für sie, seine Zärtlichkeit und die stete Hochachtung, die er ihr seit Überwindung der geschäftlichen Krisis und besonders ihrer Energie entgegenbrachte, enthielten etwas Rührendes, beinah für sie Beschämendes, gegen das sie sich manchmal vergeblich wehrte: obendrein aus tief verschlossenen Gründen wehrte, die er nicht einmal ahnen durfte. Und das war das Versöhnende in seinem Wesen, das alle seine sonstigen Fehler wieder gutmachte.
„Du — übrigens ist auch drüben alles in Ordnung“, meldete er sich wieder in bester Stimmung. „Annemarie fühlt sich wieder besser, denk nur. Aber ich reise doch mit ihr, selbstverständlich tue ich’s. Denn eine Last muss ich dir doch abnehmen.“ Dann wandte er sich wieder an Herold, der sich nicht zu verabschieden wagte, aber wie auf Kohlen stand. „Wie geht denn das Weihnachtsgeschäft, he? Was macht die Konjunktur in Messing, he? Man besass eine grosse Metallwarenfabrik in einem östlichen Vorort, wohin man sie vor zehn Jahren verlegt hatte. Hier war das Stadtlager, verbunden mit Musterlager und Korrespondenzbureau.“
Frau Frobel machte jedoch sofort dem Gespräch darüber ein Ende, indem sie den Alten endlich entliess. Und so kehrte Herold noch einmal an sein Pult zurück, begleitet von Frobel, den es lockte, noch einen Blick ins grosse Kontor zu werfen, denn er bildete sich ein, selbst um diese Zeit noch einmal nach dem Rechten sehen zu müssen. Da er aber niemand mehr vorfand, mit dem er sich hätte unterhalten können, so nahm er den Hohenfriedberger wieder auf, der diesmal, getragen durch die Leere des Raumes, ungemein laut erklang und den er erst allmählich ersterben liess, als er zu seiner Frau zurückkehrte. Man hörte ihn immer schon kommen, denn seine Beine knackten beim Gehen, was wohl mit seiner Magerkeit zusammenhing. Alsdann wandelte er eine ganze Weile durch das grosse Zimmer und schritt den Takt zu seinem Marsch.
Frau Frobel liess ihn ruhig gewähren, denn sie kannte diese Gedankenvertiefungen, die manchmal die langen Pausen zwischen ihnen ausfüllten. Das war immer so gewesen, schon zuzeiten, als Dietrich noch Herr im Geschäft war und von seinem Marsch noch nicht so verfolgt wurde wie heute. Denn sie hatten sich eigentlich nie viel zu sagen gehabt, wenigstens nicht, soweit zwischen Eheleuten die Sprache auch dazu dienen sollte, den innersten Gefühlen Ausdruck zu geben. Beide hatten sich geheiratet, wie sich ungefähr zwei Fabriken zusammentun, die eine stille Fusion bilden wollen, um die Kapitalmacht zu stärken und die Konkurrenzschlachten besser schlagen zu können. Die Industrie-Vetterschaft hatte es so gewollt.
Frau Frobel beschäftigte sich still weiter. Sie legte einige wichtige Papiere in die Schublade ihres Schreibtisches, verschloss den Kasten wieder und machte sich einige Notizen auf dem Papierblock, damit sie am anderen Vormittage sogleich an diese Dinge erinnert würde. Dann ging sie an den Geldschrank, nahm aus dem Tresor, der die Handkasse enthielt, etwas bare Münze, notierte die Summe auf eine kleine Tafel und verschloss dann Tresor und Schrank mit peinlicher Sorgfalt. Und nachdem sie das Geld einstweilen auf den Schreibtisch gelegt hatte, nahm sie denselben Weg, den ihr Mann vorhin nach dem grossen Kontor genommen hatte. Herold hatte auf ihren Wunsch seine Flamme noch nicht abgedreht, und so konnte sie sich noch rasch davon überzeugen, dass hinten der Letzte gegangen war. Das tat sie an jedem Abend, sobald sie über die Zeit hinaus arbeitete. Als dann auch im Nebenkabinett alles dunkel war, schloss sie die gepolsterte Doppeltür und drehte den Schlüssel zweimal um. An jedem Morgen sorgte hier der herrschaftliche Diener für Ordnung, während in den Kontoren und den sonstigen Räumen das niedere Kontorpersonal diese Arbeit verrichtete.
„Weisst du,“ begann Frobel endlich, „wenn man so sieht, mit welcher Gewissenhaftigkeit du mich hier in allen Dingen vertrittst, — ich könnte fast eifersüchtig auf dein Ansehen werden. Wirklich, das könnte ich.“
Frau Frobel lachte leicht auf. „Vertrittst? Aber, lieber Dietrich! Ich vertrete dich doch nicht, sondern ersetze dich. Vollkommen. Wenn wir allein sind, kann ich’s dir doch sagen.“
Sie sagte es heiter, aber hinter ihren Worten drohte das Grollen darüber, ihr ganzes verpfuschtes Leben an diesen Mann gehängt zu haben, der weder ihrer Seele noch ihrem Körper hatte Befriedigung geben können.
Frobel, der diese kleinen Spitzen bereits kannte, verschluckte seinen Ärger, nahm aber um so lebhafter seinen Weg durch das Zimmer. „Nun ja, nun ja, liebes Tinchen, das weiss ich schon längst“, sagte er dann durchaus würdig. „Du mein Gott, darein habe ich mich schon allmählich gefügt. Muss ich wohl auch! Und je älter ich werde, um so mehr. Denn du bist die Stärkere, — in allen Dingen bist du es. Aber sei mir nicht böse, wenn ich immer wieder daran tippe. Etwas Komisches, wirklich Komisches liegt darin, dich hier als reiche Frau sich abplagen zu sehen, da du es eigentlich gar nicht nötig hast. Da wir es gar nicht nötig haben. Verzeihe, dass ich mich wieder zum Geschäft rechne, aber ich kann’s nun mal nicht lassen. Den Chef hast du mir genommen, aber den Ehrgeiz, siehst du, den Ehrgeiz der grossen Firma kannst du mir nicht nehmen. Und dann kommt die Liebe zu dir hinzu, wahrhaftig, die Liebe zu dir. Du wirst natürlich wieder lachen. Aber deshalb kann ich dieses Gefühl doch nicht unterdrücken, — auch wenn ich von dir beiseite geschoben worden bin.“
„Ach, ich lache ja gar nicht“, warf Frau Frobel zerstreut ein. Sie hatte sich wieder gesetzt und sass nun, den Kopf in die Hand gestützt, wie sinnend da, ungefähr wie jemand, der nur aus Gefälligkeit zuhört, weil er gerade nichts zu versäumen hat.
Und Herr Frobel fuhr eifrig fort: „Und dann der Dank, mein liebes Tinchen, und die Bewunderung, die grosse Bewunderung! Was für eine Zähigkeit hast du, was für eine Ausdauer. Gar nicht zu reden von deiner Intelligenz, von deinem gesunden Weitblick. Wenn ich bedenke, wie schnell du dich in alle Dinge gefunden hast. Die grössten Kaufleute könnten vor dir den Hut ziehen. Und das tun sie ja auch. Kunststück! Du imponierst ja aller Welt. Soll ich mich mal sozial ausdrücken, so muss ich sagen: Du bist die verkörperte Lösung der Frauenfrage, in die höheren Schichten übertragen . . . Manchmal habe ich doch noch gute Gedanken, wie?“ Er lachte kindisch. „Wenn ich auch so halb und halb als Idiot gelte, oder doch als Trottel, meinetwegen auch als lädierter Nachtschmetterling. Lädierter Nachtschmetterling ist gut, wie? Das nebenbei gesagt . . . Aber hör mal, liebes Tinchen, — was wollte ich doch . . . gleich sagen?“
Manchmal verlor Herr Frobel den Faden; dann wurde er gewöhnlich rot, weil er befürchtete, man könnte ihm seine „Minderwertigkeit“ ansehen. Sein Erschrecken dauerte aber nur wenige Augenblicke; dann stolzierte er wieder vor seiner Frau auf und ab, wobei er ausrief: „Richtig, richtig! Das wollte ich sagen: Bist du eine gelernte Buchhalterin? Etwa eine, die aus der Geschäftsdamenwelt hervorgegangen ist? He? Hast du ganz vergessen, dass du eine Brüning bist, eine geborene Brüning? Die nun hier sitzt und sechs Stunden am Tage den Sessel drückt? Mindestens sechs Stunden, liebes Tinchen! Unerhört, unerhört! Und die sich mir dadurch entzieht. Mir, mir!“
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