„… sehr hoch, — kann ich mir denken!“
„Falsch geraten! Die Beträge sind sehr niedrig gehalten. Erst nach Antritt der Erbschaft werden die Leute richtig zur Ader gelassen — man erpreßt ihnen etwa die Hälfte des geerbten Vermögens, dann aber haben sie für immer Ruhe.“
„Ein seltener Fall“, murmelte Friede. „Meist hat solch eine Erpresserschraube kein Ende.“
„Ein Beweis mehr für die Klugheit des Leiters dieser Bande. Er weiß genau, daß ein Mensch, dem man alles nimmt, sich leicht zu einer Anzeige entschließt.“
„Eine Frage“, unterbrach ihn Friede. „Kannst du es erklären, wie es kommt, daß die Polizei von diesem Treiben noch nichts gemerkt hat; ja, daß sie auf mein Vorhalten das Vorhandensein einer solchen Bande mit allem Nachdruck abstritt? Sollten Polizeibeamte mitverwickelt sein?“
Der Besucher schüttelte den Kopf.
„Nein, das glaube ich nicht. Ich vermute, daß man ein bestimmtes Gift anwendet, das von den Ärzten nicht nachgewiesen werden kann …“
„Haben die Leute ein derartiges Gift?“ rief der Detektiv überrascht.
„Es wird jedenfalls nur selten angewandt. Wahrscheinlich ist seine Beschaffung oder Herstellung mit Gefahren verbunden. In den weitaus meisten Fällen arbeitet die Bande mit Rauschgiften. Die Polizei kann dann nur feststellen, daß der Betreffende sich selbst vergiftet habe, da er ja an demselben Gift stirbt, das er sich immer wieder beibrachte. Dann aber gibt es noch ein drittes, geradezu teuflisches Mittel …“
Friede hob die Hand und lauschte. Man vernahm das Aufschließen der Treppentür und leichte Schritte im Vorzimmer. Der Detektiv stand auf, nahm Flasche und Gläser in die Hand und winkte dem Besucher, ihm zu folgen.
„Meine Sekretärin ist wieder da“, erklärte er leise, und die beiden Männer begaben sich in einen Nebenraum. Nachdem Friede die Tür hinter sich zugezogen hatte, forderte er Metzner mit gedämpfter Stimme auf, in seinem Bericht fortzufahren.
„Wenn die Anwendung der erwähnten Mittel nicht möglich ist —“, nahm jener seine Erklärungen wieder auf, „— angenommen, das ausersehene Opfer ist standhaft, und alle Versuche, es an ein Rauschgift zu gewöhnen, mißlingen, — dann wählen die Kerle ein leicht nachweisbares Gift, bearbeiten den Fall aber so sorgfältig, daß die Polizei unbedingt einen Unschuldigen festnimmt. Beweggründe sind vorhanden, die Indizien lückenlos — der Unschuldige wird verurteilt, und wieder hat die Polizei keine Ursache, an das Bestehen einer Giftmischerbande zu glauben.“
Friede schwieg wie in Gedanken versunken. Zwischen seinen Brauen grub sich eine finstere Falte.
„Kannst du mir ein Beispiel nennen?“ fragte er endlich.
„Nein“, sagte Metzner sofort. „Alles, was ich dir erzähle, sind ja mehr oder weniger Mutmaßungen. Ich kann dir keinen Fall nennen, von dem ich weiß, daß er dem eben geschilderten entspricht; allerdings kenne ich einen aus neuerer Zeit, von dem ich das vermute.“
„Welcher Fall ist das?“ rief Friede gespannt.
„Der Fall des Brudermörders Peter Sommerfield“, erwiderte Metzner ruhig.
„Verdammt noch mal!“ entfuhr es Friede, und er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich war im Gerichtssaal, als er verurteilt wurde. Ich hatte tatsächlich nicht den Eindruck, einen Mörder zu sehen. Aber Eindrücke sind unzuverlässig, und darum ging ich der Sache auch nicht nach. Hm … Soviel ich mich entsinne, war die Verdachtsbegründung allerdings lückenlos …“ Der Detektiv war aufgestanden und schritt langsam aus einer Ecke des Zimmers in die andere. „Neulich war der Kommerzienrat, der Vater des Verurteilten, bei mir, — er wollte mir einen Scheinauftrag geben … ich lehnte ab … hm … Fast bereue ich es jetzt …“
„Das ist sehr schade“, stimmte der andere zu. „Ich glaube, daß der Fall ‚Sommerfield‘ am ehesten eine Handhabe zum Überführen der Giftmischer geben könnte. Der Fall ist noch neu, die Spuren frisch …“
„Was mach’ ich nur“, grübelte Friede. „Ich habe den Kommerzienrat so kurz behandelt, daß ich mich ihm nun unmöglich nähern kann …“
In diesem Augenblick klopfte es.
„Herein!“ rief Friede.
Agnes steckte den Kopf durch den Türspalt.
„Der Kommerzienrat Sommerfield ist wieder da, Herr Friede“, sagte sie leise. „Soll ich ihn abweisen?“
„Nein!“ riefen Friede und Metzner wie aus einem Munde.
Kranich hatte es eilig. Eigentlich hatte er es immer eilig — das lag einfach in seinem Wesen. Noch nie hatte ihn ein Mensch langsam gehen, nie mit Ruhe sein Mittagessen verzehren oder schläfrig und stumpfsinnig in dem überfüllten Wagen der Untergrundbahn sitzen sehen. Auf der Straße lief er, sein Mittagessen verschlang er, und in der Untergrundbahn las er Schriftstücke — sogar solche, die er beinahe auswendig kannte.
Auch heute machte er es nicht anders. Kaum hatte er in dem überfüllten Wagen einen Sitzplatz erobert, vertiefte er sich in das Lesen der Akten. Es kümmerte ihn wenig, daß neben ihm zwei junge Damen standen, die ihm vorwurfsvolle Blicke zuwarfen; auch der dicke Herr, der ihm bei jeder Wendung des Zuges auf die Füße trat, störte ihn nicht. Er hielt seine Papiere so nahe ans Gesicht, als wäre er plötzlich kurzsichtig geworden, und las und las. Das nannte er innerlich: „Auch unter den widrigsten Verhältnissen die Zeit zu nutzen.“
Heute waren die Schriftstücke ausnahmsweise weder trocken noch langweilig. Die Folge davon war, daß Kranich nicht wie sonst eine, sondern vier Haltestellen zu spät ans Aussteigen dachte. Traurig betrachtete er die Namensbezeichnung der Haltestelle, als wolle er diesen schwarzen Buchstaben einen Vorwurf machen; dann zuckte er die Achseln und wartete geduldig, bis er mit dem entgegenkommenden Zug zurückfahren konnte.
„Haben Sie endlich Geld?“ empfing ihn die Wirtin, als er schnell durch den dunklen Vorraum in sein Zimmer schlüpfen wollte.
„Gute Frau …“ begann Kranich.
„Also nicht“, erwiderte die „gute Frau“, die über genügend Menschenkenntnis verfügte und ganz genau wußte, daß ein Mieter sie nur dann „gute Frau“ nannte, wenn er kein Geld mitbrachte.
„Also nicht“, bestätigte Kranich und blickte ihr treuherzig in die Augen.
Die Zimmervermieterin sah ihn an, und ein trauriges Lächeln huschte über ihr runzliges Gesicht. Sie war eine Vermieterin von der harmloseren Art; von der Art, die ihr Herz noch in der Brust und das Mietzinsbuch in der Kommode aufbewahren, und nicht umgekehrt.
„Aber morgen bestimmt, Herr Kranich“, warnte sie und drohte ihm mit dem Finger.
„Morgen bestimmt, gute Frau“, rief der junge Mann erleichtert. „Jetzt entschuldigen Sie mich aber bitte: Ich muß mich zum Abendessen umziehen.“
Kranich schloß die Tür seines Zimmers hinter sich, schaltete das Licht ein und unterhielt sich eine Zeitlang mit seinem Kanarienvogel. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der störrische Vogel noch immer nicht Pfötchen geben wollte, seufzte er leise und machte sich ans Umziehen. Er zog den Rock aus, nahm Kragen und Selbstbinder ab und plätscherte eine Weile mit Wasser. Dann legte er denselben Kragen an und band den einzigen anderen Selbstbinder um, den er besaß; schlüpfte wieder in den Rock und blies geschickt zwei Fädchen vom Ärmel.
Darauf besah er sich mit sichtlichem Wohlgefallen im Spiegel und fühlte sich dabei genau so zufrieden wie ein Fürst oder Millionär, der vor dem Festessen Frack oder Smoking angelegt hat. Nun zog er seinen zweireihigen Mantel an, knöpfte ihn statt von links nach rechts, von rechts nach links zu, so daß er einen weniger abgetragenen Eindruck machte; sprengte aus einer Flasche, die einmal Kölnisches Wasser enthalten hatte, einige Tropfen Leitungswasser auf sein Taschentuch, schnupperte daran, seufzte beim Gedanken an die schlechte Beschaffenheit der deutschen Erzeugnisse, klemmte die Aktenmappe unter den Arm und machte sich auf den Weg.
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