Er betrachtete sein Gegenüber mit Blicken, die forschend und spöttisch zugleich waren; und das Gesicht Hirschfelds war tatsächlich des Betrachtens wert.
„Ko … ko … konstruiert?“ stammelte er ratlos, und seine Glatze wurde zusehends röter. „Wie … was wollen … Sie damit sagen?“
„Nichts Kränkendes für Sie“, versicherte der Kommerzienrat. „Ich habe einfach einen Kriminalfall — mit Indizien, Alibis und allem, was sonst dazu gehört — aufgebaut, und dann — habe ich fünf Privatdetekteien den Auftrag gegeben, diesen Fall zu entschleiern. Verstehen Sie nun?“
„Nein!“ Diese Antwort war insofern bedeutsam, als Hirschfeld diesmal ausnahmsweise wirklich genau das sagte, was er dachte.
Der Kommerzienrat hob ein wenig gelangweilt die Augenbrauen.
„Ich wollte mir einen Geschicklichkeitsnachweis verschaffen, denn der Auftrag, den ich in Wirklichkeit zu vergeben habe, ist so schwierig und für mich so wichtig …“
Auch Hirschfeld hatte Augenblicke, wo der Geist über ihn kam.
„Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten, Herr Kommerzienrat? Es plaudert sich dabei gemütlicher“, meinte er mit seinem verbindlichsten Lächeln, denn er hatte endlich begriffen, daß die fünfhundert Mark durchaus nicht gefährdet waren, und daß es eine Möglichkeit gab, noch viel mehr herauszuholen.
„Danke“, lehnte der Kommerzienrat ab. „Ich bin Nichtraucher. Aber bitte — rauchen Sie doch!“
Hirschfeld brannte sich etwas erregt eine Zigarre an.
„Sagten Sie nicht, Herr Kommerzienrat, daß Sie den Prüfungsfall — reizender Gedanke übrigens! — noch vier anderen Detektiven übergeben hätten? Mit welchem Erfolg, wenn ich fragen darf?“
„Sie sind der erste, der die Aufgabe löste. Ein Detektiv kam rascher, dafür aber zu einem falschen Schluß. Zwei haben noch nichts von sich hören lassen, und einer — Sie werden ihn wohl dem Namen nach kennen: Egon Friede — weigerte sich überhaupt, den Fall zu übernehmen.“
Hirschfeld lächelte geringschätzig.
„Friede — hm — ja, ein Anfänger … Kann natürlich etwas — hm — aber — nur leichte Sachen, wissen Sie …“
„Mir wurde gesagt, er hätte ein paar recht verzwickte Fälle gelöst …“
„Glück, weiter nichts.“
„Jeder Mensch, der vorwärtskommen will, muß Glück haben. Ein Detektiv ohne Glück taugt aber schon gar nichts …“
Hirschfeld rückte etwas gereizt auf seinem Sessel hin und her.
„Natürlich, natürlich! … Ihre Anschauungen sind sehr beachtenswert, und Sie haben damit vollkommen recht … Ich meine aber, daß ein Detektiv noch besser ist, wenn er — wie ich — Glück hat und außerdem hier was …“ Er tippte bedeutsam gegen die Stirn.
Nichts in den Mienen des Besuchers ließ erkennen, ob ihn die Worte Hirschfelds überzeugt hatten oder nicht. Nur der Ton seiner Stimme verriet etwas wie leises Unbehagen, als er jetzt sagte: „Wir wollen zur Sache kommen.“ Dann hob er den Kopf und fragte mit leicht gefurchter Stirn: „Sie haben doch sicherlich von der Verurteilung meines Sohnes gehört?“
„Aber gewiß, Herr. Kommerzienrat“, bestätigte Hirschfeld eifrig. „Der Fall hat ja in allen Kreisen sehr viel Staub aufgewirbelt …“
„Wie meinen Sie das?“ rief der Kommerzienrat plötzlich heftig. „Ich habe es mir ein kleines Vermögen kosten lassen, damit dieser Fall so wenig wie möglich besprochen würde …“
„Ich meinte natürlich nur die Fachkreise!“ rief Hirschfeld vorwurfsvoll.
„Also gut“, sagte der Kommerzienrat wieder ganz ruhig. „Diesen Fall — den Fall ‚Peter Sommerfield‘ sollen Sie lösen. Ich lasse Ihnen alle diesbezüglichen Akten da, und wenn Sie mir bis morgen eine auch nur halbwegs vernünftige Schilderung des möglichen Sachverhaltes geben, erhalten Sie von mir endgültig den Auftrag. Geld spielt dabei keinerlei Rolle.“
Eine halbe Stunde später begleitete Hübner den Kommerzienrat hinaus und betrat gleich darauf das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.
„Sie haben natürlich alles gehört?“ fragte Hirschfeld gutgelaunt.
Hübner lächelte unterwürfig.
„Ganz zufällig, Herr Direktor. Wirklich ganz zufällig. Die Türen bei uns — hm — schließen so schlecht …“
„Schon recht“, wehrte Hirschfeld ab. „Sagen Sie mir lieber, wer von unseren Leuten den ‚konstruierten Fall‘ behandelte.“
„Es war der Kranich, Herr Direktor. Georg Kranich, siebenundzwanzig Jahre alt, evangelisch-lutherisch, unverheiratet, kinderlos …“
Mit einer Handbewegung gebot der Direktor dem Redestrom Hübners Einhalt.
„Und wem, denken Sie, können wir den Fall ‚Sommerfield‘ anvertrauen?“
Hübner zuckte ein paarmal ratlos mit den Schultern.
„Ich kann mir nicht helfen, Herr Direktor! Diesen Fall können wir niemand anderem als eben diesem Kranich übergeben. Die anderen … nein, die bringen hier bestimmt nichts zuwege …“
„Und Kranich? Er schafft’s?“
Wieder hob Hübner die Schultern.
„Bin ich ein Prophet, Herr Direktor? Kann ich weissagen? Nein, das kann ich nicht. Aber ich möchte meine schönste Krawattennadel wetten: der schafft’s!“
Hirschfeld runzelte ärgerlich die Stirn.
„Sie wissen, ich kann den Menschen nicht ausstehen …“
„Herr Direktor, wir haben keine Wahl! Der Fall ‚SommerfieId‘ ist eine ganz böse Geschichte. Wenn Sie ihn nicht dem Kranich geben wollen, dann lehnen Sie ihn lieber gleich ganz ab.“
„Also, dann schicken Sie ihn mal her“, rief Hirschfeld unwirsch, „und — halt! Wo rennen Sie denn hin? — Machen Sie seine Abrechnung fertig. Aber es darf kein großer Überschuß zu seinen Gunsten verbleiben. Verstanden?“
„Soll ich lieber einen kleinen Überschuß zu unseren Gunsten machen, Herr Direktor?“
„Nein! Machen Sie es genau so, wie ich eben sagte.“
„Selbstverständlich, Herr Direktor!“ Mit diesen Worten huschte Hübner zur Tür hinaus.
Einige Minuten später klopfte es.
„Herein!“ rief Hirschfeld kühl.
Der junge Mann, der freudig lächelnd die Schwelle überschritt, fand einen ganz anderen Hirschfeld vor, als ihn Kommerzienrat Sommerfield vor einer Viertelstunde verlassen hatte. Jede Spur von Freundlichkeit war aus dem Gesicht des Direktors getilgt; kalt und streng blickten die Augen, und um die Mundwinkel zogen sich scharfe Falten.
„Guten Abend, Herr Hirschfeld“, begann Kranich, ohne sich um die ihm bereits wohlbekannten schlimmen Anzeichen zu kümmern. Seine Hand fuhr hastig über den blonden, etwas zerzausten Scheitel, dann strich er ein paarmal über die Rockaufschläge seines sauberen, aber recht mitgenommenen Anzuges. „Hübner sagte mir, daß der Kommerzienrat Sommerfield da war …“
„Gestatten Sie vielleicht, daß ich zuerst rede?“ erkundigte sich Hirschfeld spöttisch.
Der junge Mann hielt erstaunt in seiner Rede inne. Nach kurzem Zögern erwiderte er etwas gekränkt:
„Wenn Sie meinen, daß dies für unsere Unterhaltung von Vorteil sei, dann … dann gestatte ich es gern.“
Hirschfeld ließ ein wütendes Grunzen hören.
„Er gestattet! Hat man so etwas schon gehört?!“
Kranich schwieg. Da aber der Direktor jetzt ebenfalls schwieg, nahm er gleich darauf doch wieder das Wort:
„Ich dachte, Sie wollten mir etwas sagen! Falls nicht, so kann ich ja inzwischen meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß der Kommerzienrat gezahlt hat. Gleichzeitig möchte ich diesen Freudenausdruck mit einer Bitte verknüpfen …“
„Ich rede jetzt!“ polterte Hirschfeld los und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Kranich seufzte tief auf.
„Sie reden? Gut. Ich habe zwar nichts davon gemerkt, aber wir wollen uns nicht streiten. Sie haben recht, denn — der Schwächere gibt nach.“
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