Eine halbe Stunde nach der anderen verrann. Die Schüsse wurden seltener und hörten endlich ganz auf. Man rechnete also damit, daß es ihm gelungen sei, aus der nächsten Umgebung des Gefängnisses zu entkommen. Jetzt würden sie ihn in den Städten suchen, in Berlin … Vielleicht würden sie ihn finden, vielleicht auch nicht …
Die Gedanken Peters wurden immer verworrener und verworrener, fast wäre er eingeschlafen …
Plötzlich hörte er das Knistern von gebrochenen Ästen. Sofort war er wieder munter. Er hob den Kopf und starrte in die Finsternis. Da sah er etwas Dunkles … War es das Mädchen? Oder war es ein Häscher?
Die Gestalt schritt vorüber.
Eine furchtbare Angst befiel Peter. Er hatte ja mit dem Mädchen kein Erkennungszeichen vereinbart! Wie sollte er sie im Dunkeln von einem Häscher unterscheiden?
Im nächsten Augenblick aber verklärten sich seine Züge. Ganz deutlich hatte er das leise gesummte Lied gehört: „Still wie die Nacht und tief wie das Meer …“
Es war eine klare Frauenaltstimme.
„Hier, hier!“ keuchte Peter und hätte beinahe geweint vor Freude.
Gleich darauf stand sie neben ihm.
„Ich hatte vergessen, daß ich zu wenig Geld mit hatte“, erklärte sie mit halberstickter Stimme. „Ich bin so froh … Ich fürchtete, Sie wären schon weg. Ich mußte erst nach Hause, Geld holen … und die Läden waren auch schon zu …“
„Ich … ich danke Ihnen“, brachte Peter mühsam hervor.
„Hier ist ein Mantel und hier eine Sportmütze. Ich konnte mit dem Paket nicht längs der Landstraße gehen, weil überall Wachtposten aufgestellt sind. So! Jetzt ziehen Sie sich an. Ich bringe Sie dann durch den Wald zu einem entlegenen Ort, wo noch keine Wachtposten stehen. Von da haben Sie drei Stunden Wegs bis Berlin.“
Peter wechselte Mantel und Mütze und versteckte die Kleider des Wärters unter nassem Laub. Dann folgte er seiner Retterin. Er hätte ihr gern so vieles gesagt, aber er fand nicht die rechten Worte. Als er dann endlich doch sprechen wollte, legte sie warnend die Finger an den Mund. So mußte er denn schweigen.
Plötzlich lichtete sich der Wald, und das Mädchen blieb stehen.
„Dort rechts, immer geradeaus, müssen Sie gehen! Und hier … hier sind hundert Mark … Sie werden das Geld brauchen können. Und nun leben Sie wohl!“
Peter faßte rasch nach ihrer Hand und hielt sie fest.
„Ich möchte Ihnen danken“, preßte er hervor. „Sagen Sie mir, wer Sie sind … Vielleicht …“
„Ich heiße Hertha Burgmüller. Mein Vater hat in der Rankestraße ein Geschäft“, sagte sie leise.
„Und ich heiße …“ begann er, aber sie fiel ihm sogleich ins Wort:
„Das lese ich morgen in der Zeitung. Jetzt haben Sie keine Zeit zu verlieren!“
„Aber ich möchte Ihnen noch sagen, daß ich unschuldig verurteilt …“
„Leben Sie wohl“, unterbrach sie ihn wieder und drückte ihm fest die Hand. Dann fügte sie hinzu: „Ich weiß nicht, ob Sie unschuldig verurteilt wurden; aber ich hätte Ihnen nicht geholfen, wenn ich nicht über zeugt gewesen wäre, daß Sie keines gemeinen Verbrechens fähig sind, armer Wegelagerer!“
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