„Schreiben Sie einen Scheck über diesen Betrag aus“, erklärte Friede kühl.
„Schecks werden kaum etwas nützen“, erwiderte sie trocken. „Wenigstens keine mit Ihrer Unterschrift, da Ihr Konto seit gestern gesperrt ist.“
Friede nickte.
„Stimmt, Sie sagten es mir schon gestern. Verstehe ich übrigens nicht. Ich habe doch erst kürzlich fünfzigtausend Mark verdient …“
„Es stimmt ganz genau“, unterbrach sie ihn sehr bestimmt. „Hier ist die Aufstellung: Dreihundertfünfzig Mark polizeiliche Strafen für zu schnelles Autofahren. Tausendachthundert Mark Schadenersatz für den umgefahrenen Schutzmann, — der zweite war billiger: den zahlte die Versicherungsgesellschaft aus. Ferner ein Damenpelzmantel für viertausend Mark. Der Kaufpreis für das Landhaus derselben Dame betrug achtzehntausendzweihundert Mark. Einen wildfremden schwindsüchtigen Arbeiter schickten Sie nach Davos — Kostenpunkt: neunhundert Mark. Ihre eigene Reise nach Monte Carlo kam auf rund zehntausend Mark. Weiterhin …“
„Genug!“ wehrte Friede ab. „Ich sehe, es hat schon seine Richtigkeit. Da muß etwas getan werden …“
„Sie hätten eben, wie ich Ihnen schon sagte, den Fall des Kommerzienrats Sommerfield nicht ablehnen dürfen“, bemerkte Agnes.
„Davon verstehen Sie nichts“, gab Friede mit leisem Unmut zurück. „Bevor ich den Fall ablehnte, habe ich ihn überprüft. Der ganze Fall war gestellt, verstehen Sie? Der Kommerzienrat wollte meine Fähigkeiten prüfen. Ich habe ihm Bescheid gesagt und natürlich abgelehnt.“
„Das ändert die Sache allerdings …“
„Nein, mit solchen Fällen ist uns nicht geholfen. Ich muß etwas anderes versuchen … Nehmen Sie, bitte, jetzt das linke Bein vom rechten. Ich habe genug gesehen. Wollen Sie meine Geliebte werden?“
„Nein, aber …“
„Dann besorgen Sie jetzt die Briefe und trinken Sie irgendwo eine Tasse Kaffee. Ich habe eine wichtige Besprechung. Sie müssen heute aber auf alle Fälle noch einmal vorbeikommen. Auf Wiedersehen!“
Agnes stand noch im Vorzimmer und knöpfte ihre Handschuhe zu, als es plötzlich klingelte. Sie öffnete vorsichtig einen Türspalt und spähte hinaus. Schnell wollte sie die Tür wieder zuziehen, aber der zerlumpte Strolch, der draußen stand, hatte schon seinen Fuß dazwischengeschoben.
„Hier wird nicht gebettelt!“ rief Agnes ärgerlich. Angst hatte sie nicht. Wenn Friede in der Nähe war, fürchtete sie sich nie.
„Nu’ mach keine Zicken, Kleine“, rief der ungewöhnliche Besucher gemütlich. „Ich muß den Detektiv sprechen. Aber dalli!“
Durch das laute Gespräch herbeigelockt, steckte Friede den Kopf durch die Tür.
„Was ist denn hier los? Wie? Sie wollen mich sprechen?“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Kommen Sie herein, guter Mann. Ihr Schießeisen legen Sie hier auf den Tisch; Sie können es später wieder mitnehmen. Fräulein Agnes, lassen Sie sich nicht aufhalten.“
Er verabschiedete das Mädchen mit einer Kopfbewegung und schloß hinter ihr die Tür.
Der Strolch steckte wortlos die Waffe, die er eben erst gehorsam auf den Tisch gelegt, wieder in die Tasche und betrat rasch Friedes Arbeitszimmer. Am Fenster blieb er stehen und starrte eine geraume Weile durch den Spitzenbesatz des Vorhangs auf die Straße.
„Bist du ihrer sicher?“ fragte er plötzlich in dialektfreiem Deutsch, warf sich in einen Sessel und streckte die mit völlig zerrissenen Schuhen bekleideten Füße weit von sich.
„Vollkommen“, erwiderte Friede kurz.
Der andere nickte.
„Stimmt. Sie hat das Haus sofort verlassen, hat keinen Versuch gemacht, mich zu photographieren, und ging, ohne sich umzuwenden, die Straße hinunter. Immerhin … Man kann nicht vorsichtig genug sein.“
Friede zuckte die Achseln.
„Sie arbeitet seit einem Jahr bei mir. Ich habe sie sozusagen auf Herz und Nieren geprüft. Während dieser Zeit hatte sie drei Liebschaften. Der erste Freund war ein Banklehrling und plünderte wie üblich die Portokasse, um ihr Geschenke zu machen. Sie ersetzte die unterschlagenen Gelder und schob ihn ab. Der zweite war Student. Er studierte ein halbes Jahr lang auf ihre Kosten, bis sie dahinter kam, daß er seine ‚Studien‘ in Berliner Nachtlokalen betrieb. Aus. Der dritte, gegenwärtige, ist Schnürsenkelfabrikant und ‚Kavalier‘. Er zahlt alles.“
„Deswegen kann sie dennoch …“
„Nein, denn ich habe noch mehr Beweise. Ein sehr netter junger Mann hat ihr in meinem Auftrag den Vorschlag gemacht, ihm bestimmte Abschriften aus meinem Briefwechsel zu verschaffen. Für schönes Geld, versteht sich’s. Sie weigerte sich.“
„Sie wird den Schwindel durchschaut haben. Natürlich hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als dir von der bestandenen Prüfung zu berichten.“
„Sie tat es nicht, mein lieber Metzner. Die Sache kam ihr bestimmt viel zu selbstverständlich vor.“
Der Besucher seufzte.
„Hoffentlich hast du recht. Vermutlich hängt mein Leben davon ab.“
„Ist es so schlimm? Aber erzähle endlich: was hast du in den zwei Monaten deiner Abwesenheit ausgerichtet?“
„Deine Vermutung stimmt: die Bande, deren Vorhandensein die Polizei abstreitet, besteht tatsächlich. Seit drei Wochen bin ich ihr Mitglied.“
Die Züge Friedes wurden bei diesen Worten gespannt. Mit keinem Wort unterbrach er den Bericht seines Helfershelfers.
„Man ist in jenen Kreisen sehr mißtrauisch“, fuhr Metzner mit gleichförmiger, etwas müder Stimme fort. „Mich verwendeten sie bis jetzt nur als Photographen. Erst als ich erwähnte, daß ich mit deinen Gewohnheiten und der Örtlichkeit hier vertraut sei, gaben sie mir einen gefährlicheren Auftrag: dir mit List oder Gewalt das Schriftstück ‚R. Brand‘ zu entwenden.“
„Fauler Zauber“, sagte Friede bedauernd. „In diesem Schriftstück ist keine Zeile, für die es sich lohnen würde, sie geheim zu halten.“
„Ich ahnte es! Also haben die Kerle schon Verdacht geschöpft. Natürlich kehre ich jetzt nicht mehr zu ihnen zurück.“
Friede holte aus einem Fach seines Schreibtisches eine Weinbrandflasche, goß zwei Gläschen voll und trank Metzner zu.
„Hm …“ murmelte er sinnend. „Ich kann es dir nicht verdenken, wenn du deine Haut nicht länger zu Markte tragen willst. Dein plötzliches Ausbleiben würde die Leutchen aber erst recht stutzig machen, und dann …“
„Habe ich alles überlegt. Sobald wir das Nötige besprochen haben, rufst du die Polizei an und läßt mich festnehmen. Das weitere laß meine Sorge sein. Zweifellos wird die Verhaftung von unseren Feinden beobachtet werden, und niemand wird mehr glauben, daß ich dein Kundschafter sei.“
„Der Gedanke ist nicht übel“, stimmte Friede zu. „Nun berichte aber, was du weißt. Wenn’s auch wenig ist, — das Geringste kann hier wichtig sein.“
„Höre zu: die Bande befaßt sich eigentlich nur mit Giftmorden. Wenn je zu anderen Mitteln gegriffen wird, dann handelt es sich immer um ein unvorbereitetes, plötzlich notwendig gewordenes Verbrechen. Das Oberhaupt der Bande — man nennt es ‚die Viper‘ — muß ein ganz gerissener Kerl sein; wie mir gesagt wurde, kennt ihn niemand. Die Arbeit ist genau verteilt: Einige haben nichts anderes zu tun, als Gifte zu beschaffen oder herzustellen; andere werden nur als Kundschafter verwendet; wieder andere — das sind die angesehensten — haben sich an die Leute heranzumachen, die von den Kundschaftern als ‚geeignet‘ befunden wurden: an Leute, die auf den Tod eines Erbonkels, eines reichen Gatten oder Mündels warten und hoffen. In der Regel erklären sich diese Leute sehr bald bereit, für den Fall des plötzlichen Ablebens ihres Verwandten einen bestimmten Betrag zu bezahlen. Bei diesen Abmachungen wird nie das Wort ‚Mord‘ gebraucht, obwohl die Beteiligten genau wissen, worum es sich handelt. Die Beträge, die sie zu entrichten haben, sind …“
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