„Wenn Sie jetzt nicht still sind“, zischte der Direktor. „Sie — — — ich weiß nicht, was ich dann tue!“
„Ich auch nicht“, sagte Kranich und lächelte sanft.
Das Klopfen Hübners enthob Hirschfeld der Antwort.
„Herein!“ brüllte er. „Ah! Die Abrechnung? So? Da! Sehen Sie das mal an, junger Mann!“ Damit warf er Kranich das Papier über den Tisch zu.
In dem Gesicht des jungen Detektivs vollzog sich ein jäher Wechsel. Alles Freudige war daraus wie weggewischt. In seinen hellblauen Augen standen Tränen, und die fast mädchenhaft geschwungenen Lippen bewegten sich in vorwurfsvollem Selbstgespräch.
Plötzlich blickte er flehend auf.
„Ist es wahr, Hübner“, jammerte er. „Der Sommerfield hat nur hundert Mark bezahlt?“
Hübner nickte eifrig.
„So wahr Gott lebt, er hat — ich meine: der Kommerzienrat hat nicht mehr bezahlt!“
„Dann verbleiben mir nach Abzug aller Vorschüsse — sogar bei Berücksichtigung meiner Spesenrechnung — nur drei Mark?“
„Drei Mark dreißig Pfennig“, verbesserte Hübner.
„Aber das ist doch ganz unmöglich!“ rief Kranich verzweifelt aus.
„Bei uns ist nichts unmöglich“, erklärte Hübner, ohne sich des gefährlichen Doppelsinnes seiner Worte bewußt zu werden.
„Herr Direktor“, flehte der junge Mann. „Ich brauche unbedingt Geld …“
„Beruhigen Sie sich doch“, beschwichtigte ihn Hirschfeld. „Wir zahlen stets pünktlich. Sie können noch heute Ihre drei Mark dreißig Pfennig an der Kasse abheben. Nicht wahr, Hübner?“
„Selbstverständlich, Herr Direktor“, bestätigte der Geschäftsführer und verschwand nach einigen tiefen Bücklingen durch die Tür.
Kranich senkte traurig den Kopf. Er war nicht der Mensch, lange über ein Mißgeschick nachzubrüten, aber in Augenblicken wie jetzt kam ihm der ganze Jammer seines Lebens zum Bewußtsein. Die Zimmervermieterin hatte heute zum dritten Male gemahnt, die Milchrechnung war auch noch nicht bezahlt, und die neubesohlten Schuhe lagen seit acht Tagen beim Schuster bereit — aber ohne Geld würde er sie wohl kaum herausgeben. Kranich hatte felsenfest auf diesen Kommerzienrat Sommerfield gebaut. Dessen von ihm mit Glück und Geschick ausgeführter Auftrag versprach endlich einmal einen größeren Geldbetrag einzubringen. So überzeugt war Kranich davon gewesen, daß er gestern sogar für achtzehn Mark einen neuen feinen Hut mit bequemen Teilzahlungen erworben hatte.
„Sehen Sie mal an, Herr Kranich“, erklärte Hirschfeld in dem satten Ton eines Menschen, der am warmen Kaminfeuer Geschichten über Nordpolfahrer erzählt. „Sie verdienen bei mir wöchentlich dreißig Mark. Das ist eine Menge Geld. Außerdem erstatte ich Ihnen auch alle Ihre Unkosten — in vernünftigen Grenzen natürlich — und dann erhalten Sie noch für jeden Erfolg eine besondere Vergütung. Als ich in Ihrem Alter war —“ er seufzte tief auf — „da ging es mir bedeutend schlechter. Ich war froh und dankte Gott, wenn ich genug Brot und wöchentlich ein Päckchen ‚Schwan im Blauband‘ dazu hatte …“
„Die Marke ‚Schwan im Blauband‘ kam erst neunzehnhundertsechsundzwanzig auf den Markt“, warf Kranich bescheiden ein.
„So …“, meinte Hirschfeld ein wenig verblüfft, doch hatte er sich gleich wieder gefaßt. „Na, dann war es eben eine andere Marke. Jedenfalls darbte ich sehr.“
„Dasselbe erzählte mir mein letzter Vorgesetzter“, bemerkte der junge Mann sinnend. „Er ernährte sich ausschließlich von Pellkartoffeln …“
„Sehen Sie! Sehen Sie!“ fiel ihm Hirschfeld hastig ins Wort. Nun hielt er es aber doch für ratsam, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: „Sie haben den letzten Auftrag so weit ganz gut gelöst. Sie entdeckten zwar nicht, daß es nur ein konstruierter Fall war; aber das will ich Ihnen nicht weiter verübeln …“
„Wieso ‚konstruierter Fall‘?“ rief Kranich erstaunt.
Hirschfeld erklärte ihm mit knappen Worten, welche Bewandtnis es mit diesem Scheinauftrag hatte.
„Ich selbst hatte das natürlich gleich erkannt. Aber warum sollte ich nicht das gute Geld — es ist nicht viel, gar nicht viel — des Kommerzienrats nehmen? Gleichzeitig wollte ich dadurch Ihre Fähigkeiten prüfen. So, und nun ist hier ein Aktenstück, das Sie bis morgen noch genau durchsehen wollen. Wenn Sie morgen imstande sind, mir Ihre Mutmaßungen über diesen Fall zu entwickeln, und wenn Ihre Vermutungen dem wahren Sachverhalt — den ich so ziemlich durchschaue — entsprechen, dann soll Ihnen dieser Fall übertragen werden.“
„Und? … Und wegen Vorschuß …“
„Sie können dann auch Vorschuß bekommen“, sagte Hirschfeld gnädig. „Wie immer zwanzig vom Hundert des uns bezahlten Betrages. Und der Kommerzienrat versprach — ehem — zweihundertfünfzig Mark zu bezahlen. — Nehmen Sie also jetzt die Schriftstücke, gehen Sie nach Hause und machen Sie sich gleich an die Arbeit.“
Zwanzig Minuten später verließ Kranich das Geschäft. In der Tasche hatte er nur drei Mark dreißig Pfennig, im Herzen aber tausend große Pläne und Hoffnungen. Er strahlte übers ganze Gesicht und rannte so schnell, daß er an der nächsten Ecke heftig gegen einen alten Bettler anprallte, und beide zu Boden stürzten.
„Entschuldigen Sie, lieber Mann“, sagte Kranich höflich. „Es geschah wirklich nicht mit Absicht.“
Der Bettler brummte mürrisch etwas Unverständliches und half Kranich, die aus dessen Aktenmappe gefallenen Papiere zusammenzusuchen.
„Ich hab’ heute meinen guten Tag“, erklärte Kranich, nachdem er seinen Anzug sorgfältig abgestäubt hatte. „Hier haben Sie zwei Groschen Schmerzensgeld.“ Mit einem freundlichen Nicken schritt er davon.
Der Bettler betrachtete eine Weile verblüfft die zwei Münzen in seiner Hand. Dann lachte er kurz auf und begab sich zu einer Fernsprechzelle. Mit Kranichs Geld bezahlte er zwei Ferngespräche, wobei er jedesmal nur kurz meldete, daß sich die bewußten Papiere jetzt in Kranichs Aktentasche befänden.
Der berühmte Detektiv Egon Friede lag leise gähnend auf der Ottomane in seinem geschmackvoll eingerichteten Wohn- und Arbeitszimmer und blätterte ohne sonderliche Teilnahme in einer Bilderzeitschrift. Ab und zu tat er einen tiefen Zug aus seiner kurzen Pfeife und blies den Rauch in einer dichten grauen Wolke weit von sich.
Ihm schräg gegenüber saß an einem Schreibmaschinentisch Agnes Wieland, seine Stenotypistin. Sie war so hübsch, wie es die Stenotypistin eines Mannes von Geschmack unbedingt sein muß; ihre graublauen Augen strahlten stets so, als wenn deren Inhaberin gerade Gehaltserhöhung erhalten hätte; und ihre zierlichen Füßchen wippten so unternehmungslustig hin und her, wie man es bei anderen Stenotypistinnen nur abends und auch dann erst nach dem dritten Glas Wein beobachten kann.
„Wir brauchen Geld, Herr Friede“, sagte sie plötzlich und rückte die Papiere beiseite, an denen sie nun schon volle zwei Stunden gearbeitet hatte.
Friede hob kaum merklich die Augenlider. Die Blicke, mit denen er ihre geschmeidige Gestalt streifte, waren nachdenklich.
„Wer braucht Geld?“ fragte er langsam. „Sie oder ich?“
„Sie und ich!“ gab sie schlagfertig zurück und warf einen vorwurfsvollen Blick in die Gegend, wo sie hinter dem dicken Qualm sein Gesicht vermutete.
Friede gähnte laut.
„Bitte, verallgemeinern Sie nicht immer, Fräulein Agnes“, sagte er ruhig. „Also etwas genauer: Sie brauchen Geld. Wozu, geht mich nichts an. Wieviel?“
„Siebenhundertfünfzig Mark.“
„So viel auf einmal?“
Das Mädchen warf so geschickt ein Bein über das andere, daß ein guter Teil der seidenen Unterwäsche nunmehr deutlich zu sehen war.
„Es ist mein Gehalt für die letzten drei Monate“, sagte sie einfach. Alles weitere sollten die Beine sagen.
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