Flora stand auf dem Flickenteppich, mitten im beigen Feld, na ja, eher isabellfarben, dort stand jetzt Flora, und die schweren, braun geschminkten Augenlider wurden wie kleine Luken hochgezogen.
»Steh auf, Justine!«
Nein. Sie sank immer tiefer, in den Teppich hinab, hinein. Flora hatte Stiefel an, die feinen Stiefel mit den Pfennigabsätzen. Von hier aus sah sie deutlich diese Absätze, sah, wie ein kleines Blatt an einem von ihnen klebte, aufgespießt worden war. Floras Hand auf ihrem Scheitel, anfangs noch leicht wie zur Versöhnung. Dann die Finger, die sich krümmten, die Nägel, das Haar, wie ein Eisbrand in seinen Wurzeln, als sie hochgezogen wurde, aaaah ...
»Du kannst ja doch noch den Mund aufmachen!«
Wie ein Pendel, hin und her, die kurzen, zerbrechlichen Haare, wie sie rissen.
Flora stellte sie auf dem Fußboden ab, es war kalt, sie hatte in ihrem Bett gelegen, aber gehört, wie Flora zur Haustür hereinkam. Nur im Nachthemd war sie dann die Treppe hinuntergegangen.
»Weißt du, was deine Lehrerin mir heute Abend erzählt hat? Weißt du das? Deine Lehrerin sagt, du bist aufsässig. Aufsässig und überheblich hat sie dich genannt. Ich war gezwungen, ihr leider Recht zu geben, ihr zu sagen, Fräulein Messer, leider: Es stimmt.«
»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, sie hasst mich.«
»Nimm nicht solche Worte in den Mund, Justine, niemand hasst dich. Man nennt es Erziehung, und es ist ihre Pflicht gemäß dem Schulgesetz, ihren Schülern Manieren beizubringen.«
Verzeih mir, verzeih, aber sag, wie ich sein soll, wie ich sie dazu bringen kann, mich zu mögen ...
»Wenn mir noch einmal Klagen von deiner Lehrerin zu Ohren kommen, werde ich Dinge mit dir machen, dass nicht einmal dein Vater dich noch wiedererkennt.«
Justine hielt sich die Ohren zu, die Augen traten ihr aus dem Kopf, ihr wurde hässlich und kalt am ganzen Körper, hässlich und siedend heiß. Sie senkte ihr Gesicht. Der gleiche Teppich, dieser?
Floras kleiner Stiefelfuß, ja, er war klein, sie hatte es Papa sagen hören, als sie nachts im Flur stand und die beiden dachten, sie würde schlafen. Drinnen konnte sie Flora erkennen, nackt und dünn wie ein Mädchen, mit ihren Stiefeln auf dem sauberen Laken.
Jetzt drückten die gewebten Ketten des Teppichs gegen ihre Schläfe, jede Erhöhung und Unebenheit, der Geruch von kalt gewordenem Essen. Sie presste leicht mit der Sohle, rieb mit dem Fuß über Justines Wange.
»Ich will, dass du es sagst, laut, dass du ein ekelhaftes und abstoßendes Kind bist, das niemand gern hat!«
Sie konnte es nicht.
»Dass du ein verwöhntes und böses und dreckiges Kind bist, das niemand in der ganzen Welt lieben kann, sag es!«
An mehr konnte sie sich nicht erinnern.
Es war weg.
Der Vogel kam, seine pfeifenden Schwingen. Sie kochte zwei Eier, gab dem Vogel das eine und nahm sich selbst das andere. Es war ein großes und gut gewachsenes Tier. Der Vogel schälte sein Ei mit dem Schnabel, verteilte Schale und Eikrümel in der ganzen Küche.
»Fritz?«, überlegte sie geistesabwesend. »Heißt du vielleicht so?«
Der Vogel schrie auf, schlug mit den Flügeln und flog ihr auf die Schulter. Sie steckte die Finger in seinen grau gefiederten Bauch und fühlte den Körper darunter wie einen warmen und lebendigen Broiler ganz tief unter den Federn.
»Ich sollte vielleicht einen Freund für dich anschaffen«, sagte sie leise. »Wir sind wohl beide etwas zu einsam, du und ich.«
Er schnappte nach ihrem Zeigefinger, nur ganz leicht, hob ihn hoch und stubste ihn wieder weg. Er war einen Tag, nachdem Flora es verlassen hatte, ins Haus gekommen. Justine hatte eine Anzeige in Dagens Nyheter gelesen: »Vogel zu verkaufen aufgrund veränderter Familienverhältnisse, lieb und handzahm.«
Veränderte Familienverhältnisse. Das galt auch für sie.
Ohne lange zu überlegen, griff sie zum Telefon. Der Vogel befand sich draußen in Saltsjöbad, und zuerst wollte das Auto nicht anspringen, aber nachdem sie eine Zeit lang mit »Startpilot« unter die Motorhaube gesprüht hatte, sprang er doch noch an. Es war ein alter Opel Rekord, und sie war immer ein wenig nervös, wenn sie ihn fahren sollte, er war ein wenig unzuverlässig.
An der Kreuzung bei Slussen verfuhr sie sich und kutschierte geraume Zeit planlos durch die Gegend, bis sie die Abfahrt Richtung Nacka entdeckte. Mit großen Bleistiftstrichen hatte sie sich eine Karte gezeichnet. Sie lag neben ihr auf dem Vordersitz, und ihr war es zu verdanken, dass sie schließlich den richtigen Weg fand.
Das Haus sah gepflegt und freundlich aus wie alle Häuser hier. Sie parkte am Zaun und klingelte. Einen Augenblick später kam ein Mann zur Tür und öffnete ihr. Am Telefon hatte sie mit einer Frau gesprochen. Der Mann war in ihrem Alter, das Gesicht streng und verschlossen.
Scheidung, dachte sie.
Er wusste sofort, wer sie war, und bat sie, einzutreten. Im Haus herrschte Chaos. Halb gepackte Kartons standen im Flur verteilt, etwas entfernt sah sie den Boden des Wohnzimmers. Er war mit verstreuten Büchern übersät, so als habe jemand in einem Wutanfall alles aus den Regalen gerissen, was sich in ihnen befand. Aus der Küche drang der Geruch von etwas Angebranntem.
Dort in der Küche saß auch der Vogel, in einem hohen und verschnörkelten Bauer. Er döste, ignorierte sie völlig.
»Oh«, sagte sie. »Ich hatte gedacht, es wäre ein Papagei.«
»Wie sind Sie denn darauf gekommen?«
»Papageien sind als Haustiere in der Regel etwas weiter verbreitet.«
»Ja, mag sein. Und jetzt haben Sie kein Interesse mehr?«
»Doch, doch. Die Art spielt eigentlich keine Rolle.«
Der Mann zog eine Glaskanne mit tiefschwarzem Kaffee vom Herd.
»Verdammter Mist, den habe ich in der Eile völlig vergessen.«
»O je ...«
Er warf ihr ein schiefes Grinsen zu.
»Es ist alles ein bisschen viel im Moment.«
Sie sollte wohl etwas sagen, sich nach den Eigenheiten und Essgewohnheiten des Vogels erkundigen. Sie brachte es nicht fertig. Irgendetwas an diesem Vogel, an seiner struppigen, schwarzgrauen Gestalt brachte sie den Tränen nah. Als sähe sie sich selbst da drinnen, zusammengekauert, anderen zur Pflege überlassen.
Der Mann räusperte sich und zog einen Karton zur Seite.
»Wir sind im Aufbruch begriffen«, sagte er.
»Ja ... Ich verstehe.«
»Ja, so ist das. Nach vielen gemeinsamen Jahren ist man eines Tages nicht mehr Mitglied einer Familie. Man hat das immer selbstverständlich gefunden. Sie! Finden Sie niemals etwas selbstverständlich. Tun Sie das bloß nicht!«
»Das tue ich auch nicht.«
»Das tuen aber viele. Ich zum Beispiel, ich habe es getan. Bis jetzt.«
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Mann schwieg eine Weile, dann sagte er:
»Wie gesagt, hier haben Sie den Vogel. Er hat viele Jahre mit uns zusammengelebt ... Er ist ein Teil der Familie gewesen. Meine Frau fand ihn als Küken hier draußen im Garten. Er war wahrscheinlich aus dem Nest gefallen. Eine Katze hatte ihn gefangen, eine Katze, die ein Spielzeug haben wollte. Wissen Sie, was ich mit dieser Katze gemacht habe? Ich habe sie erschossen.«
»Sie haben die Katze erschossen ...?«
»Mit einem Luftgewehr. Sie war sofort tot.«
»Ist das denn erlaubt?«
»Das ist mir scheißegal. Es war in meinem Garten, und in meinem Garten mache ich, was ich will.«
»Und der Vogel ...?«
»Um den haben wir uns dann gekümmert und ihn aufgezogen. Aber jetzt sind wir, wie gesagt, unterwegs in verschiedene Richtungen, meine liebe Frau und ich. Und der Vogel braucht ein Zuhause.«
»Er sieht ein wenig, wie soll ich sagen, mitgenommen aus ... Er ist doch gesund und so?«
»Ja, wissen Sie, Tiere bekommen mehr mit, als man glaubt. Er hat monatelang unsere Diskussionen mit angehört. Er trauert, er ahnt, dass die Stunde des Aufbruchs naht. Er hat meine Frau immer geliebt. Sie konnte es übrigens nicht ertragen, dabei zu sein, als Sie kamen.«
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