Man wird es daher begreiflich finden, dass auch heute Oswald Freigang gesonnen war, bei seinem ersten Besuch Plagemanns an dessen Arbeitsstätte, die Gelegenheit zu benutzen, um seine Studien nach jeder Richtung hin zu erweitern.
Er hatte den guten Jungen seit zwei Jahren nicht gesehen, glaubte ihn noch immer als Schüler irgend eines Meisters in Düsseldorf und musste durch Zufall vor ein paar Tagen doch die alte Erfahrung machen, dass man recht gut während beinahe jenes Zeitraums in ein und demselben Stadtviertel einer Grossstadt leben und wirken kann, ohne von dieser unmittelbaren Nähe eine Ahnung zu haben.
„Nun, lieber Freund, darf ich bitten —? Du wirst schon bessere geraucht haben, aber so ganz schlecht ist die Sorte nicht. Du weisst, gutes Kraut war von jeher meine Leidenschaft, selbst in den schlechtesten Zeiten unseres Düsseldorfer Martyriums, wo die trockenste Ebbe unserer Kasse mich nicht vor dieser Verschwendung bewahren konnte. Aber wer kann für Leichtsinn beim Künstler!“
Alexander Plagemann musste sein Anerbieten wiederholen, ehe er die Genugthuung hatte, seinen im Anstarren der Aussenwelt versunkenen Freund bedient zu sehen. Erst als er diesem selbst ein brennendes Zündhölzchen hingehalten und das Flackern desselben, das Glühen und Dampfen der Cigarre ein paar Augenblicke beobachtet hatte, schien er befriedigt und zur weiteren Unterhaltung aufgelegt.
Die Erinnerung an Düsseldorf brachte eine Reihe wechselnder Fragen und Antworten hervor, wie sie zwischen einstmals intim gewesenen Freunden, die sich lange Zeit nicht gesehen haben und zum ersten Male Gelegenheit finden, sich aussprechen zu können, leicht erklärlich sind.
Plagemann sollte erzählen, wie es ihm während der Zeit ergangen sei, wodurch er sich habe verleiten lassen, den verführerischen Pfad der Kunst mit dem ganz gewöhnlichen einer halb philisterhaften, an mechanische Arbeitseinteilung gewöhnten Brodstellung zu vertauschen.
Brodstellung—in diesem einen Wort lag die ganze Antwort.
Es war die alte Geschichte eines ehemals für die höchsten Ziele seiner Kunst begeistert gewesenen Jünglings, der mit vollen Segeln der Hoffnung in das Meer seiner Ideale hinausgesteuert war, bis sein Lebensschiff eines Tages an der gemeinen Klippe, die man Kampf ums Dasein nennt, hängen blieb und sich schliesslich von der erlittenen Havarie nicht mehr befreien konnte.
„... So lange Du noch in Düsseldorf warst, ging es. Einer war da immer der Trost des Andern, damit ihm der Glaube an die Fleischtöpfe Aegyptens nicht geraubt wurde. Nach Deinem Fortgehen wurde das anders. Es überkam mich öfters eine Muthlosigkeit, die meinem Streben einen argen Damm setzte. Getheiltes Leid, getheilte Widerwärtigkeiten tragen sich leichter zu Zweien, aber so allein ... Ich hatte Pläne, Ideen zu Bildern, aber male doch etwas, wenn Du nicht einmal die Modelle bezahlen kannst. Da starb die Mutter, die kleine Pension verschwand. Das gab den Rest. Du weisst, ich habe eine Schwester ... Es hiess jetzt verdienen. Ich musste versuchen, meine Kunst handwerksmässig zu verwerthen. Wir gingen nach Berlin. Es ist uns schlecht genug in der ersten Zeit gegangen, ich sage Dir — wer nie sein Brod mit Thränen ass ... Elly machte Stickarbeiten für ein Geschäft, ich schmierte abwechselnd Dekorationen und zeichnete auf Stein. Aber es klapperte doch nur, es war kein richtiges Einkommen. Da wurde hier ein Maler verlangt, der tüchtig im Ornament sei. Du weisst, ich hatte darin etwas los. Es hat mich Mühe genug gekostet, mich in die Arbeit hinein zu finden, aber schliesslich ging es doch ... Mit dreissig Thalern monatlich habe ich angefangen, jetzt habe ich siebenzig. Du lieber Himmel, es ist nicht viel, aber gerade genug, um mit Elly sorgenlos leben zu können.... Ich gestehe, ich bin für die Kunst verloren und zum gewöhnlichen Kunsthandwerker geworden, aber was schadet’s auch! Schliesslich erfüllt jeder seine Mission im Leben, der seinen Platz als tüchtiger Arbeiter einnimmt ... Nicht Jeder hat ein gottbegnadetes Talent wie Du, mit dem er alle Schranken über den Haufen wirft. Lass nur (Freigang machte eine abwehrende Bewegung), ich sage nicht zu viel! Ich wusste schon längst von Deinem aufgehenden Ruhm, man sieht ihn ja in allen Schaufenstern der Kunsthandlungen hängen, aber ich wollte Dich absichtlich nicht aufsuchen, weil meine Laufbahn jetzt eine andere ist, als die Deine ...“
„Oh, deshalb ...“
„Und Dir, lieber Junge, wie ist es Dir gegangen? Dein Alter ist natürlich so vernünftig gewesen, seinen Starrsinn zu brechen und sich wieder mit Dir zu versöhnen. Aus Liebe zur Kunst,“ fügte Alex sarkastisch hinzu.
Ueber Freigangs Lippen presste sich ein kurzes Lachen, dessen Bedeutung Plagemann am besten zu würdigen verstand.
„Was Du Dir denkst! Da kennst Du meinen Vater schlecht. Er hat es mir bis heute nicht verziehen, dass sein einziger Stammhalter, als Sohn eines begüterten rheinischen Maschinenfabrikanten, vor die Alternative gestellt, entweder sich zum dereinstigen Nachfolger des Herrn Papa vorzubereiten und die Kasse desselben stets zur Verfügung zu haben, oder seinem Kunstdrange zu folgen und als verlorener Sohn zu gelten, das letztere vorziehen und aus Liebe zu seiner Neigung allem Ueberfluss entsagen konnte. Uebrigens ein Starrsinn des Alten, den man ihm verzeiht, wenn man seine rauhe Seite kennt. Er ist Praktiker durch und durch und hat es nie begreifen können, wie Leute, die es nicht nöthig haben, die Kunst zu ihrem Berufe wählen können. Es ist das eine Folge seines self-made manthums, das er nie ganz verleugnen kann. Aber es ist auch so gegangen, ich habe es ihm bewiesen! Und wenn er mich enterbt — was kümmert’s mich? Ich habe Glück genug gehabt, ich kann von Pinsel und Palette leben. Jetzt wird er sich rächen und meine Schwester an einen Mann verheirathen, der in seine Fusstapfen tritt und das Soll und Haben seines Hauptbuches besser wahrzunehmen im Stande ist, als ich. Die gute Schwester! Sie hat mich auch fernerhin noch redlich mit ihrem Nadelgeld unterstützt — Du weisst, wir nannten es „Pinselgeld“ in Düsseldorf. Was soll ich Dir weiter erzählen! Ich war ein Jahr in Paris, habe am Tage bei Meissonnier studirt und Abends Modekupfer für wenige Centimes das Hundert colorirt, und Alles aus Liebe zur Kunst. Jetzt hause ich in einem ehemaligen Photographenkasten in Deinem Viertel und befinde mich mitten in meinem Element. Mein Nachbar ist ein Heiligenmaler Namens Hannes Schlichting, ein westphälischer Hüne mit dem Gemüthe eines Kindes, ein Schwärmer edler Art, ein Naturmensch, der die Dinge mit andern Augen betrachtet wie wir, und deshalb auch nie zu etwas kommt, aber ein Prachtkerl, Du wirst ihn kennen lernen.“
Alexander Plagemann nickte und zog seine Uhr. Dabei sagte er:
„Es ist gleich Zwölf. Noch wenige Minuten und Herr Fritz Vetter wird uns das Vergnügen seiner Aufwartung schenken, um pflichtschuldig die gesammelten Neuigkeiten des Vormittags über uns ergehen zu lassen.“
Da Freigang eine fragende Miene machte, fuhr Plagemann gleich fort
„Du kennst Fritz Vetter nicht? Ich habe noch nicht von ihm gesprochen? O, den musst Du kennen lernen! Ich sage Dir, mindestens derselbe Prachtmensch wie Dein Heiligenmaler, wenn auch in etwas verkleinertem Massstabe. Die reine Gliederpuppe an Beweglichkeit. Augenblicklich sitzt er noch unten hinterm Pult und giebt sich als wohlbestallter Comptorist der Firma Rother und Sohn die redlichste Mühe, für seine dreissig Thaler monatlich seine Hose auf dem ewigen Drehschemel, auch Marterbock genannt, so viel als möglich zu schonen. Er hat nur einen Fehler, der gute Junge: er leidet an Erfindungen. Kein Tag vergeht, ohne dass er nicht irgend eine Verbesserung an einer unserer Maschinen erfunden haben will, die ihm nach einer besondern Steigung in der Achtung des alten Chef die endliche lukrative Aussicht gäbe, seinen längst geplanten Heimstand zu gründen, was augenblicklich auch noch an der unerbittlichen Thatsache scheitert, dass Freund Fritz gewöhnlich immer nur bis zum Zehnten eines jeden Monats im Besitze von Baarmitteln ist, bis zum Fünfzehnten an der schrecklichen Geldkrankheit, die man Dalles nennt, laborirt, und von diesem Tage an aus dem sogenannten Vorschuss nicht herauskommt. Der gute Junge, er ist wie zum Ehemanne geschaffen. — Du darfst nämlich, lieber Freund, getrost Fritz Vetter als meinen Schwager in spe betrachten,“ schloss Plagemann lächelnden Mundes seinen kurzen Bericht.
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