Vergessen zu Unrecht, möchte ich anfügen, Mister Bit. Zu Recht aber hat er seine Bücher einer Stewardeß geschenkt, die bis dahin wenig mehr als Zeitungen gelesen hatte. Er besaß den Spürsinn für Aufgeschlossenheit, er erwischte den Spalt Licht, die Tür tat sich ihm eine Handbreit auf, und er reichte ihr eine Widmung hinein; sie zeigte es mir mit dem Lächeln eines Eisvogels: Flamme d’amour glacial, eine hin und her huschende Eisflamme der Liebe. So war sie. Und gab seinen Namen eisgekühlt weiter, so vermoderte er nicht ganz. Ihr habe er erzählt, er sei für seine erste Veröffentlichung, für nichts als ein paar offenherzige Bettlergedichte, monatelang eingesperrt gewesen. Warum? Weil er so ehrlich war, wie heute jeder Teenager sein darf. Damals nannte man es schamlos. Zwanzig Jahre nach seinem Fiasko versuchten der Kölner Playboy Albert Langen im Verein mit dem dänischen Defraudanten Gretor und dem genialen Zeichner Thomas Theodor Heine in Richepins geschlagene Bresche einzusteigen mit ihrer illustrierten Wochenschrift à la Gil Blas, dem Simplicissimus, und machten gleich ihm deswegen hin und wieder Bekanntschaft mit den schwedischen Gardinen. Der nie ausgestorbene Picaro, der Landstreicher und Landstörzer, hatte sich von Spanien rund um die westliche Welt geheckt, Grimmelshausen, Verlaine, Richepin und so weiter, und heute als irrlichternder Widerschein in den Gammlern und Hippies. Es ist immer nur um ein Haar, wie weit es mit uns kommen kann.
Was man liebt oder haßt,
alles hat seine Weile,
das Etmal und die Meile,
die Eile und die Rast.
Es ist alles dein Gast.
Ich merke, Mister Bit, Sie horchen nach draußen. Nein? Nur zugleich?
So geht es mir auch. Alles Gesagte ist nur zugleich. Und sollten alle Stricke reißen, die uns mit gehabten Ereignissen zu einem Bündel Vergangenheit machen, sollte unsere eigene Mumie sich jählings auswickeln und unsere Gegenwart beschlagnahmen, was tut’s. Wir sprechen: Guten Tag! Und lassen es hingehen.
Was bleibt uns denn viel als die betagte Funkverbindung zur Ewigkeit, die schon war, bevor sich unser erster höherer Primat auf die Hinterbeine stellte und nicht mehr herunterwollte, weil seine Handteller und Fingerknöchel verweichlichten und er erkannte, wie sehr Selbsterhöhung die Rassegenossen einschüchterte. Bis er in der Olduvaischlucht ins Gras biß. Immerhin ins Gras. Das ist seltener geworden. Und an die sechshunderttausend Generationen her gerechnet vom Miozän, soviel ich noch weiß, bis zur direkten Mondbelästigung. Nur für einen Computer übersehbar.
Ich kannte einen Badewärter, der konnte wie ein Bär auf allen vieren gehen und nicht nur im Paßgang, und er äußerte, es sei viel angenehmer auf die Dauer, und er würde immer nur so sich bewegen, wenn es der Anstand nicht verböte.
Wir haben die alten Antennen, die unsichtbar sind wie bei einem guten Transistor, nur ein bißchen verkalken lassen. Mit Stalagmiten ist schlecht senden und empfangen. Darum hat sich unsere Sprache entwickelt und verkalkt nun auch schon wieder. Wir berieseln und werden berieselt und beachten es noch kaum. Was bleibt, ist ein bißchen Gekrächze. Die Musik ist schon soweit. Der Urwald nimmt uns auf, der Urwald der Hochhäuser und Industrie. Nur das eine hat Bestand, die Neigung, sich in Szene zu setzen, Huldigungen einzuheimsen und jede Schuld von sich abzuschieben.
Als ich in jenen Tagen, wo jedes Tischmesser wie ein Seitengewehr aussah, in der Tafelrunde Zum minnigen Seil – oder war’s am Stammtisch der Duftenden Kompaßrose? – egal, und sodann sogar in der Bürgerschaft meine Ansicht also über einen ernsthaft friedlich gewillten Weltvölkerbund darlegte, da fühlte ich eine törichte Vorstellung aus Angelesenem in mir, als sei ich der von Dante so herzlich begrüßte Heinrich der Siebente, begrüßt vom besten aller Italiener als der Herrscher eines freundlich geeinten, kirchlich unabhängigen Europa. Er kam zu Schiff nach Rom wie später mal Ihr Admiral Horatio Nelson, dem ähnliches vorschwebte, von Great Britain aus. Doch der deutsche Heinrich wollte sich alsbald zum Kaiser krönen lassen. Und weil der Weg zum Petersdom versperrt war, begnügte er sich mit dem Lateran. Das war ein Zugeständnis wie von Ost-Berlin anstatt von Moskau. Der Dante-Traum blieb ein Hirngespinst. Heinrich starb unter dem Turm von Pisa. So schief war es gegangen. Er starb jung.
Wir aber leben noch, Mister Bit. Und es hat sich nichts geändert in siebenhundert Jahren. Die alte Bestie bleckt noch immer die Zähne, so falsch sie auch sind. Wir weinen nicht? Sehr zum Wohl, Mister Bit! Versuchen wir zu lachen, solange unser Zwerchfell nicht gänzlich zum Trommelfell hinauf- und herabgewürdigt ist und, von Doktrinen und Parolen gewalkt, nur noch die paar Begriffe und Zustände weitergibt, die schon lange auf uns lauern und die da lauten: vermummt, verdummt, verstummt.
Als ich die jetzige Firma aufmachte, mit Eintragung ins Handelsregister, versteht sich, und mit Börsenstand, da schrieb ich nach hansischer Sitte auf die erste Seite meines Hauptbuches: Mit Gott! Wir haben trotz aller Eigenständigkeit nie ganz auf Verbündete verzichtet. Ich war mir allerdings klar, welche Verantwortung ich damit einem imaginären Vorgesetzten zuschob, ohne doch geneigt zu sein, mir viel dreinreden zu lassen. Es war ein Verhältnis, wie wir es in Hamburg zum deutschen Reiche pflegten. Wir erwarteten Schutz und Beistand und taten, was allein wir für löblich erachteten. Die weite Welt vor uns, das Vaterland im Rücken, manchmal tiefer.
Kalkül und Macht und Recht,
wer damit handelt frei
und hat noch Glück dabei,
dem geht es niemals schlecht.
Manchmal blieb das Glück aus. Derlei passiert überall mit und ohne Reich. Bei uns vorübergehend. Denn wir liegen günstig an einem Fährweg zwischen gutem Hinterland und allen Kontinenten. Und wir dachten nicht kleinlich, nachdem wir die großen Entdeckungen verpaßt hatten und uns Freie und Hansestadt nannten, wir lernten, in Kontinenten zu denken. Gen West, woher aller Zonen Dunst und Duft wehte, gen West, wo der Abendhimmel sich in Farbspielen gefiel, gemischt aus Polarlicht und Tropenzauber, und so unsere Reichweite spiegelte, dahin ging unser Kalkül und fand sich auf die Dauer gesegnet.
Das menschliche Wohlbefinden als belanglos hinzustellen, mag einer Abendmahlspredigt zum Thema dienen, einem hansischen Kaufmann steht es nicht zu Gesicht. Auch die These, niemand soll mehr haben als der andere, mag für den Mond gelten, wo sowieso keiner etwas hat. Auf Erden regiert der Tüchtige. Und der Tüchtigere löst ihn ab. Und der weniger Tüchtige hat sich anzupassen. Wer klug genug ist, macht auch aus der Anpassung einen schicklichen Unterschlupf. Wer dumm ist, hilft sich auch mit Pöbelei auf keinen grünen Zweig. Er entblättert ihn höchstens. Selbstredend gehn wir an unsern klimamilden Küsten nicht so weit wie unsere südamerikanischen Abnehmer, die da sprechen: Der Kluge lebt von den Dummen. Und die Dummen? Von der Arbeit.
Wir sind fleißig von Natur. Angeheizt vom Atem der alten Midgardschlange, dem Golfstrom. Das sagte ich schon. Insgeheime Treibhausblüten sind wir, aber wir haben gelernt, uns einigermaßen auch im Freiland zu behaupten. Dazu eben bedarf es der ständigen Umsicht und Fürsorge. Das braucht uns niemand beizubringen, immer auf dem Kiwiev zu sein. Das turbint sich unaufhörlich über West herein, kleine dienliche abseitige Wirbelschleife, uns sowenig bewußt wie die sausende Drehung des Erdballs
Wir sitzen auf golfischem Teufelsrad,
wo jeder sich mühsam zu halten hat.
Das hangelt und rangelt zur Mitte juchhe
oder wird abgeschnippt gen Übersee.
Gibt wohl keinen von uns, der einiges geworden ist, ohne mal draußen und drüben gewesen zu sein, quer übern Atlantik, Nord oder Süd, und um Kap Hoorn herum oder um die Gute Hoffnung oder durch den Panama oder – solange euer England noch Grips und Bizeps besaß, die Fellachen in Zügel zu halten, und Rußland noch nicht deren Steigbügelhalter und Raketenlieferant war – durch den Suez in die indische See und übern Pazifik und rund um die Welt.
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