Sie ließ mich an der Planke zurück. Ich sah sie davonwehen auf ihren langen dünnen Beinen, für die der Rock zu kurz geworden war, als die Kürze noch nicht zur Mode rechnete. Telke. Ihre Eltern waren früh vom Lande in die Stadt gelangt. Der Vater war das, was man ungelernt werden konnte, Hafenarbeiter, ihre Brüder fuhren alle zur See. Was ist aus ihr geworden? Wo bleibt solche Freimütigkeit?
Nein, Mister Bit, es endet nicht immer im Asyl für flüchtigen Matrosenbedarf. Ich traf meine Exerzitin nach Jahren erst wieder, da war sie Stewardeß auf der Aquitania, noch immer hübsch und sehr zurückhaltend und resolut bei unverwelkt liebreichem Sprechklang. Sie erkannte mich nicht gleich, ich hatte mich mehr verändert als sie, war füllig und bärtig, sie hatte in meiner Kabine auch nichts verloren, ersah dann meinen Namen in der Passageliste, wie sie zugab. Wir erwähnten beide nichts von unserer frühen Begegnung. Sie kam mit einem Tablett Tee den Gang entlang, als ich gerade die Klinke zur Offiziersmesse niederdrücken wollte. Da sagte sie sanft und klar: Für Passagiere verboten, Herr Toppendrall.
Tatsächlich war ich verwirrt und hatte die erste beste Tür gewählt, obwohl ich dort nichts zu suchen hatte. Und mußte über mich selber lachen, faßte mich und sagte so souverän, wie ich meinte, es mir gestatten zu dürfen: Ganz recht, Fräulein Telke. Es gibt Gelegenheiten, die das Übertreten von Geboten sicherlich entschuldigen. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht haben.
Sie nickte, sie lächelte. Sie war kaum gealtert. Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, sagte sie: Sie haben sich damals wohl geschämt und sind nicht wiedergekommen. Da hab’ ich mir gemerkt, was ich nachher auf meine Offenheit zur Antwort gekriegt: Mein ist die Rache, spricht der Herr. Und hab’ es mir für mich ausgelegt. Und hab’ mir meine Freunde ausgesucht, ohne das Gewissen geistlicher Herren nochmals zu belasten. Und hab’ mich nicht gebunden, wenn die Sklaverei der Ehe in Aussicht stand. Nein. Ich hab’ einen Sohn, das reicht mir. Und ich lasse ihn studieren. Er wird Arzt. Wir werden eines Tages eine Klinik einrichten, darauf spare ich. Und wo ginge das Sparen besser als an Bord mit den guten Tips der christlichen Seefahrt und mit Obersteward und Zahlmeister in gutem Einvernehmen? Je nach Linie. Und bei dem reichen Kundendienst, wo jeder meint, endlich mal ausschweifen zu können, falls ihn die Seekrankheit verschont, da ist es wie in der Politik. Da macht sich die hinhaltende Verheißung besser bezahlt als das platte Entgegenkommen. – Mag sein, sie hat das nicht alles auf einmal hervorgesprudelt. Sie vermied lange Aufenthalte. Sie galt, wie mir mein Kammersteward sagte, als tüchtig und gewitzt. In zehn Tagen läßt sich schon hier und da ein Wort erhaschen. Ich schlug ihr vor, in New York irgendwo einander zu treffen. Ich würde im Commodore wohnen. Mir war so beklommen wie mit vierzehn. Sie antwortete nicht. Ich sah sie dann auch an Bord nicht, dachte betreten, sie liebt keine übermalten Bilder, und ich betrachtete mich im Spiegel und rasierte mir ärgerlich den Bart herunter.
Sie fragen: Was dann? Mister Bit. Es kommt immer darauf an, was drübergemalt wird. Das war auch Telkes Meinung, als sie ins Commodore kam. Und sie lachte darüber am Morgen danach und wehte zurück an Bord.
Da stand ich wieder allein. Was war’s denn? Hatte ich mich nicht längst innerst anderweitig verankert? Aber Rischa – Rischa? Davon bald mehr, Mister Bit. Rischa schien mir damals ins Unwahrscheinliche entrückt. So war’s denn aus Verzweiflung geschehen, war Trotz, Vereinsamung, Flucht und auch so etwas wohl wie Wiedergutmachung oder Ergänzung, ein reifer Apfel statt eines grünen und alles in allem ein vollkommener Genuß.
Nach Jahren bekam ich eine Karte aus Vancouver, hübsche Ansicht drauf, modernes weißes Gebäude in schönstem Parkgefilde. Quer drüber hin geschrieben in der steilen Art ihrer Buchstaben, die sich seit der Planke nicht geändert hatten, nichts als: Es ist gelungen! Telke. Weiter nichts. Auch auf meinen Glückwunsch und längeren Brief nichts mehr.
Kürzlich las ich im Wartezimmer von Dr. Möllby in einer medizinischen Zeitschrift den Namen ihres Sohnes. Er schrieb da über die anscheinend gelungene Züchtung von Getreidesorten, die den dringlichen farbigen Bevölkerungsstau unkomplizierter erreichen würden als jede sonstige Maßnahme. Wird das mehr nützen als die übliche Massenvernichtung?
Ich sah mich um, sie schacherten wie je
begierig nur auf Mehrung ihrer Konten,
und lieferten die Waffen Übersee
bar gegen Scheck zugleich an alle Fronten.
Ich fürchte, Mister Bit, aber was kratzt es mich, Sie werden einwenden, Ihre verkappten Lieferungen ändern nichts an der Aussicht, für den weißen Mann so oder so eines Tages von der gelben Welle überspült zu werden. Unser Willem zwo hatte doch schon mal die Vision, und wie hat man ihn deswegen veruzt. Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter! Es ist mißlich, Parolen auszugeben, ohne zu erläutern, was genau gemeint ist. Aber gerade das ist Sinn und Wirkung der Parolen? Was waren denn die heiligsten Güter Europas? Worauf beruhte denn die Vorherrschaft des weißen Mannes? Worauf denn war der Hohenzoller so selbstsicher stolz? Auf seine schimmernde Wehr? Auf seine Industrie? Auf sein Christentum? Auf seine Flotte? Oder gar auf sein Geistesleben? Er kam nicht weit damit. Selbst England nicht. Und alle übrigen machten die gleiche Erfahrung oder werden sie machen, ganz gleich, welchen Parolen sie sich ausliefern. Sprechen Sie nicht von weißer Kultur, Mister Bit. Die farbige war in mancher Hinsicht unserer weit überlegen. Und hätten die neuen Machthaber des Ostens sich besser von westlichen Errungenschaften abschirmen können, hätten wir ein erneutes Rokoko und jene nicht unsern Jugendstil und was danach kam. Und jeder bliebe in seinen Grenzen. So aber übernehmen jene anderen unsere schlechtesten Eigenschaften, nämlich die Mordlust und die Angst, was beides sich zu den Erfindungen der Rüstungsindustrie verdichtet. Sie gingen bei uns in die Lehre wie Hermann der Cherusker bei den Römern. Sie wurden von Abnehmern zu Übernehmern und wurden zu Unternehmern auf gleicher schiefer Ebene.
Was bleibt eines Tages von der Flickenkiste Europa übrig, ehe noch die Stoffreste sich zu einem gemeinsamen Narrenkleid oder Totenhemd hätten zusammensteppen lassen? Ein paar weiße Flitter im Ostwind, die noch ein paar Spiralen drehn, ehe sie von den farbig heranrollenden Brandungen verschluckt werden.
Ganz recht, Mister Bit, spülen wir solche trüben Ahnungen mit einer Rotsponwelle hinunter. Koordinieren wir unsere Entwicklungshilfe mit der günstigen Abstoßung unseres Schrotts an Kriegsmaterial und mit den rührenden Bemühungen des Roten Kreuzes, dann haben immer alle etwas zu tun, und wir werden unsere schwellenden Läger an Milchpulver und Medikamenten und Textilien und unsere Ärzte und Krankenschwestern an den Mann bringen und einen goldenen Stuhl im Himmel erben. Zum Wohl denn!
Sie weichen aus, Mister Bit. Auf die rosablonde Haarwelle Telkes anzustoßen erweckt nochmals, was lieber schlafen sollte. Erwähnte ich die Yvette Guilbert? Ich sah sie in der Moulin Rouge, so, wie der Zwerg Toulouse-Lautrec sie gemalt hat, wie auf den alten Steindruckplakaten, kraß grün zu rotem Haar und langen schwarzen Handschuhen. Sie hatte einen Deutschen namens Schiller geheiratet, ohne sich dadurch ins Klassische zu verirren. Ich hörte sie das berühmte Muttermörderlied vortragen: C’était une fois un pauvre gas ..., darin es dann heißt: Und hast du mich lieb, so bringe zur Stund / das Herz deiner Mutter für meinen Hund!... Ich vermochte diesem armen Burschen die blöde Willfährigkeit so fürchterlich nachzuempfinden, daß ich fast erstickte und von dem Saaldiener aus dem Kabarett geführt wurde. Es ist nicht freundlich eingerichtet, daß der Mensch auch aus Liebe zu jeder Schandtat fähig ist. Der Mann, der jene grausige Ballade verfaßte, paßt sonst nicht schlecht in unsern Streifen, meine ich. Kennen Sie seinen Gedichtband La mer? Oder sein Bühnenstück Le Flibustier? – Ich auch nicht. Aber Telke hatte diese Bücher an Bord, auch eines über bizarre Todesarten. Ein greiser Herr sei mal mitgefahren, der habe die Bücher dagelassen und habe ausgesehen wie Joseph Conrad, den habe sie auch gekannt, der sei auch mal mitgereist, habe aber keine Bücher verschenkt, sei viel zu berühmt gewesen; aber der Franzose, wie hieß er noch, Jean Richepin, der fühlte sich vergessen; darum also. O ling long laire, o ling long la ...
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