In den Kontoren floß das Diktat emsig und fehlerfrei, die Tippmädchen saßen gereckt und nicht wie welkende Vergißmeinnicht, die man besser hätte im Garten gelassen. Und bei Chef und Direktor funkte die Kalkulation, die Berechnungen und Rechnungen stimmten. Die Maschinen der Industrie rasselten und surrten wie im Tänzertakt, und in den Apotheken und Labors und Kliniken geschah kein Mißgriff, soviel ich gehört, oder aber es geschah zu dienlicher Warnung. Selbst auf den Kasernenhöfen Bundesstraße, Lockstedter Lager und zu Wandsbek erschollen trotz aufgeweichtem Gelände und Dreck und Quälkram die Kommandos zahmer und die Flüche erfrischender als bei trockenem und eisigem Ost. Ich behaupte, alle bedeutenden Ereignisse in dieser Hansestadt – und möchte Bremen gleich einbeziehen und fast auch Lübeck – geschahen bei Westwind; die Einweihung des Freihafens und die des Steubenhöfts zu Cuxhaven, der Stapellauf der Ozeaner und der Besuch der britischen Königin. Und auch das Schlimme Hochwasser anno 64, das klarmachte, wo man zu sparsam gewesen war. Und die Kinder kommen leichter zur Welt.
Western Wind, der Wecker und Mahner zu Einsicht und Anstrengung, Versäumtes nachzuholen, Zustände zu bessern und Großartiges zu planen. Bei Ostwind schrumpfen die Nerven, da sickert Blei in die Arterien, da dunsten die Fabriken, da trübt sich das Gemüt unversehens bei heiterstem Himmel, und die Beine wandeln schwer selbst durch die Blankeneser Parks. Bei solch dürrem und in sich frostigem Gewehe gingen vormals die Segler ankerauf und nahmen die Trossen von den Duckdalben und prangten unter vollgeblähten Lappen elbab, gefolgt von Liebchentränen und von der Dumpfheit keimender Ungeborener. Bei allzu starkem Westwind runksten die Seegefäße träge an Kai und Pfählen und wären lieber weit weg gewesen, draußen, wo Raum genug war, den Pustern von See gegenan zu kreuzen. War es nicht törichte Ungeduld? War doch nur barmherziger Aufschub ungeahnter Strapazen, vergängliche Bewahrung vor Orkan oder Flaute, vor Skorbut, Strandung, Kapseisen, Kap Hoorn und den Hyänen der fremden Häfen und Lues und Gelbfieber und weiß der Teufel, der gar nichts weiß.
Ist heute alles harmloser? Als wenn’s damals trotzdem keine Lockung gewesen wäre für den Unverstand junger Leute und die Unruhe, die hier den Empfindsamen heimsucht und unverschämte Versprechungen säuselt und, bevor er sich auf Näheres einläßt, lächelnd davonpirscht zur Ostsee hin und ins russische Tief und Nirgendwo. Da wachsen denn bei uns die Abenteurer, die unausrottbaren westwindgesäugten Wikinger, die schnuppern begehrlich ins Wo-kommst-du-her und knurren: Na denn will ich mal hin! So erging es mir oft mit dem großen Verführer und Ihnen, Mister Bit, genauso.
Wind von Osten
schlecht auf dem Posten.
Wind von Süden
rasch zum Ermüden.
Wind von Norden –
nichts gut geworden.
Wind von Westen –
immer am besten.
Von Westwind trunken, da brauchte es kaum des Grogs und des beschwichtigenden Behagens in den Tavernen hafenlängs.
Und immer war Westwind, wenn ich mich verliebte, sanfter feuchter West, der den Augen wohltat und den Knospen an den Büschen und in den Blusen und dem Saftstrom der Bäume, der die Siele spülte und die Ströme des Daseins förderte. Aber man frage an der Küste keinen danach! Nach der versponnenen behenden Klarsicht in Niesel und Dunst. Da versagen die Worte, alles ist nur Gefühl, und darüber läßt sich bei uns schwer etwas vernehmen. Viel eher redet man über nasse Füße, übergeklappten Schirm, weggewehten Hut und drohende Mandelentzündung. Und auf See? O Mann, o Meter, auf See im Atlantik! Die südwest grau heranschwellenden Einschnürungen, firmamenthohe Rotunden aus rasenden Lassos oder die schwarze Zerstörungswut nordwestlicher Zyklone. Und wir sitzen hier soweit geborgen über den ruhsam surrenden Turbo-Aggregaten, erträglich gewiegt, kaum daß unser Glas zu entrutschen wagt.
Gischt
zischelt
bedrohlich
am Bug, peitscht über
entwetzt, melusinisch spielend.
Melusinisch wie die Mädchenaugen küstenlängs, in Southampton wie in Cuxhaven, Passataugen, im Passat gaukelnd, in der Verhaltenheit des Südost und Nordost, heitere Beständigkeit, Zuversicht, Zutraulichkeit, Gelassenheit, Janmaats freundlicher Seesalon, wo die federnde Anspannung sich lockert und die mißtrauische Wachsamkeit sich ein inneres Nickerchen gönnt, auch Zeit hat, dem gelinden Heimweh ausgeliefert zu sein nach Haus und Gärten und den blaßblauen Augen und dem verführerischen unaufdringlichen Liebchenlachen zwischen Amsterdam und Kopenhagen und Stockholm, Kap Landsend und Nordkap. Aber seien wir nicht engherzig, Mister Bit! Das Melusinische taucht an allen Küsten aus der See und schweift weit in die Lande. Und wie die Farbe der See nur in den Schnulzen festgelegt ist, sind in Wahrheit auch die Melusinenaugen an keine Farbskala gebunden. Da wird jeder das Seine erlebt haben. Ich für meinen Teil bin’s dankbar zufrieden.
Doch noch waren wir beim Wind. Bringt nicht der Ost oft gutes Wetter? Aber Joseph Conrad, der große Schriftsteller der See, der Pole, der auf französischen Seglern lernte und britischer Kapitän wurde und wissend und willens zum Engländer, der sagte: »Ostwind, das ist ein Eindringling in unsere Breiten, kalt, verschlagen und undurchschaubar.« Dieser euer östlicher Wahllandsmann, Mister Bit, hat sowieso alles gesagt, was über Wind und See zu sagen ist. Er sprach aus, was schon damals galt und wohl immer gelten wird und nicht nur für »Wolken, Luft und Winde«: »Der Gegensatz heißt nicht Nord und Süd, sondern vielmehr West und Ost.« Nahost, Nahwest, Fernost, Fernwest in zügigem Wechsel. Noch war des zwielichtig ungeschickt gottgnadenbetonten letzten Hohenzollern verlachtes und doch so merkwürdig prophetisches Panier gegen die gelbe Gefahr nicht gehißt. Noch bauschte sich kein vergänglich Ludendorffscher Germanenkult, da sah jener Ukrainer Theodor Joseph Conrad Korczeniowski den Ostwind als schwarzäugigen Fremdling, der lächelnd, den Dolch hinterm Rücken, darauf aus ist, mörderisch zuzustoßen.
Den Westwind aber sah er als einen wikingschen König blauäugig und blondbärtig thronen, das blanke Schwert der Gerechtigkeit auf den Knien.
Nun gut! Wir halten nicht mehr viel von thronenden Monarchen und blanken Schwertern, Mister Bit. Aber horchen Sie, was da draußen braust, klingt nicht heimtückisch, sondern offen und ehrlich, so, wie es zu sein hätte zumindest in Europa. Und hier war wahres Heldentum, hier auf See, als es noch durch Want und Rahen pfiff, West zu Süd dreiviertel West oder so, und gegenan geknüppelt wurde, auf Gedeih und Verderb um jeden Preis ein paar Seemeilen voraus zu tun. Da ging’s mit zerfetztem Shanty ans Brassenreißen und über Stag auf den anderen Bug, da schwappten die Brecher um die Knie, möbelwagengroß preschten die Seen herein, gezackt von den verblichenen Kronen aller Zeiten, weiß von wirbelnden Leichentüchern. Holl di fast, Jung! Und wenn es steifer wurde als zehn hanseatische Senatoren vor der Bewilligung eines Kulturetats, dann drückte sich noch eben vernehmlich ein Gebrüll durch den Lärm der Natur: Mok de Royals fast! Oder: Dohl mit de Oberbrams! oder so.
Ist lange her, daß ich’s gehört. Und dann klommen sie hinauf, hin und her geschwungen, die glitschigen Wanten hoch und über die Saling, als sollten sie, den Rücken nach unten, eben an der Kante zur nächsten Strickleiter noch abgeschnippt werden. Aber wann wurde es nicht geschafft mit heraustretenden Sehnen und krallenden Gelenken, links und rechts nichts als sausende Luft, die an ihnen zerrt mit Untierhauern. Sie haben Fäuste wie Stahlklammern, diese wunderlichen Überwinder, sie ließen nicht nach, und ihre Füße ertasten die Peerllien unter der ihnen zugewiesenen Rah durch die dicksten Seestiefelsohlen selbst in stockdusterster Nacht, ihre Körper schmiegen sich über das glatte trommeldicke Rundholz, ihre Bauchmuskeln werden zu Saugnäpfen oder möchten es wohl, sie schieben sich an ihren Platz, die starren Finger in das triefnasse brettige Segeltuch ...
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