Wann gliche das Unsere jemals etwas anderem? Sie hatten viele Schwestern, Mister Bit, und haben diese alle geliebt und fragen mich, ob ich meine einzige Schwester auch geliebt habe. Sie war fünf Jahre älter als ich. Ich liebte sie nicht wie euer Lord Byron die seine, Mister Bit. Ich vermochte nicht einmal, aus einer Tasse zu trinken, die sie benutzt, mit keinem Löffel zu essen, mit dem sie gegessen, geschweige denn von anderen.
Ich muß sehr benommen gewesen sein, als ich eines Tages, der ich sonst ablehnte, in den Familien meiner Freunde je etwas zu mir zu nehmen, zögernd beflissen in ein Butterbrot biß, das mir ein Mädchen hinhielt, das mir bis dahin unbekannt gewesen. Ich war zur Geburtstagsfeier bei meinem Schulfreund Muggi Wimp eingeladen. Er hatte zwei hübsche Schwestern, hübscher als meine, glaube ich, aber dieses Mädchen mit der dicken Stulle war mir fremd, und ich biß hinein, obwohl keine Butter, sondern Margarine drauf war und dazu rohes Beefsteakhack mit Zwiebeln, was ich bislang nicht kannte und zu Hause auch schaudernd abgelehnt hätte.
Aber hier überwältigte mich etwas, ohne daß sich ein Widerstand in mir regte. Ich war verwandelt unter den aufmerksam mich musternden grauen Augen dieses Mädchens, das Telke hieß und aus Altona zu Besuch war.
Eine Kusine, sagte mein Schulfreund.
Sie sah überdies einem Engelpaar ähnlich; mein Vater hatte es für eine Kirchenorgel geschnitzt, für irgendwo in Holstein, wo man keinen richtigen Bildhauer bezahlen konnte, ich weiß den kleinen Ort nicht mehr, und der Pastor lehnte dann ab; die Engel, behauptete er, seien zu weltlich geraten im Gesichtsausdruck und ohne Flügel. Die Flügel waren aber auf dem Transport abhanden gekommen, und so gelangten die beiden flügellos an uns zurück. Sie zierten bald darauf eine der damals noch gängigen Karussellorgeln.
Ob die sich dort wohl gefühlt haben? Mister Bit, wenn Engel allgemeiner Auffassung nach nicht nur zum Lobsingen, sondern zu Schutz und Wächteramt auserlesen sind, so waren sie bestimmt in ihrer Anstellung bei einem ambulanten Gewerbe notwendiger als auf der Empore einer Dorfgemeinde. Mein Vater hatte damals noch die sichere Hand, die ihm nach seinem Unfall nicht mehr so gehorchte. Nie wieder ist ihm solche Lieblichkeit gelungen.
Und diese Telke sah aus, als sei einer dieser Engel lebendig geworden, und der Eindruck schwand auch kaum, als sie die blutig belegte Schnitte leicht schmatzend vertilgte und noch eine weitere zu sich nahm, diesmal, ohne mich zu beteiligen oder mich noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
Meine Mutter war übrigens keineswegs erbaut von meiner Bekanntschaft mit gerade diesem Spielgefährten und seiner Familie, die auf der Gegenseite unserer Straße in einer sogenannten Terrasse hauste. Man mußte durch das untertunnelte Mietshaus wie durch ein geteertes Ausflußrohr, wo es immer nach Wasserlassen und Katzendreck roch, und auch dahinter roch es selten besser auf dem Kopfpflaster und aus den grauen Kellereingängen.
Darüber gab es hinter grauen kahlen Mauern billige Wohnungen, durch enge Treppenschluchten erreichbar. Hier war in den Gründerjahren nach 1870 auf übermäßigen Gewinn gebaut worden, der sich aber verrechnete, weil aus diesen Grüften keine Mieten von Belang zu pressen waren. Und Muggi Wimps Vater war nun Nachtkellner mit viel Kindern und starkem Eigenverbrauch an Alkohol, da war jeder Groschen wie eine Mark. Aber Muggi hatte denselben Schulweg, daher unsere nähere Bekanntschaft.
Er war in allem ein braver Junge, ging später freiwillig zu den Lüneburger Dragonern und wurde schließlich Polizeioffizier in seiner und meiner Vaterstadt. An jenem Beefsteakbrotabend wurde übrigens sein Geburtstag gefeiert. Ich hatte ihm drei Bleisoldaten und eine Kanone aus Eigenbestand geschenkt.
Aber den Abend kamen wir zu keiner Kriegshandlung mit Erbsen als Granaten. Seine Schwestern veranstalteten Pfänderspiele. Manchmal schon hatte ich hier dicke Luft erlebt, wenn sein Vater verkatert und fettbäuchig in Hemd und Hose dasaß, das übermäßig genossene Bier ausschwitzend und mit Rülpsern jonglierend wie Rastelli mit den Bällen. Und jählings unsere Schlachtordnung vom Tische fegte.
Jetzt waren wir unter uns. Denn die Mutter hatte einen Posten als Garderobenfrau angenommen. Das Pfänderspiel ging so vor sich: Emmy, die Älteste, tänzelte vor der Stuhlreihe, auf der wir saßen, hin und her und trällerte: Ich bin die Frau von Hechtlepecht, hab’ lauter schöne Sachen, Samt, Seide, Rips, Kattun. Was woll’n Sie davon haben?
Dann kniete sie der Reihe nach vor jeden, und jeder mußte sagen, was er haben wollte. Sagte einer zum Beispiel Rips, dann kam er gelinder davon als jener, der Samt oder Seide verlangte. Denn je nach Kostbarkeit wurde ihm an den Beinen gekitzelt unter dem perfiden Hinweis: Lache nicht, spreche nicht/zeig mir deine Zähne nicht! – Das konnte natürlich keiner auf die Dauer einhalten und mußte dann ein Pfand ’rausrücken, irgendwas aus seiner Tasche oder eine Haarschleife, einen Gürtel, einen Bleistiftstummel, die dünne Geldbörse, ein Taschentuch oder sogar einen Schuh. Emmy tat das alles in ein Körbchen. Ich kam ziemlich zuletzt dran und hatte schon erspitzt, bei der Wahl von Kattun am glimpflichsten davonzukommen, hielt aber dennoch nicht lange durch unter den gewitzten Emmy-Fingern. Mußte also ein Pfand geben. Ich durchstöberte meine Taschen und fand nichts Rechtes außer einer kleinen Meerschnecke, die ich als Amulett bei mir trug und die noch von Willy Molten stammte, der jetzt als Bootsmann fuhr. Ich gab sie nur zögernd aus der Hand. Emmy, noch kniend, betrachtete sie verkniffenen Auges. Dann zischte sie vergnügt: So einer bist du? So was tragen doch nur die Chinesen bei sich, um ... Hier stockte sie und errötete. Aber da vollendete Telke mit feierlich getiefter Stimme: um es besser zu können.
Ihr Lachen, Mister Bit, vereinigte sich mit dem Gelächter, das damals über mich herfiel. Ich war vierzehn und ziemlich ahnungslos, was da gemeint sei. Es schwante mir nur so eben, es müsse etwas Anrüchiges, aber hinwieder auch mächtig Kitzliges sein. Und dann sagte dieser Engel Telke auch noch: Und jetzt ist er so rot wie ein Insche.
Als nun alle dran gewesen waren, wurde Muggi bestimmt, anzugeben, was mit den Pfandgebern zu geschehen habe. Sodenn mußte er vor einem Stuhl hinknien und, die Hände vorm Gesicht, seinen Kopf darauflegen. Sein Entscheid mußte wie durch die Göttin Justitia ohne Ansehen der Person erfolgen. Und Emmy nahm eins nach dem andern die Pfänder aus dem Korb, wobei sie jedesmal fragte: Tickticktack, was soll der tun, dem dies Pfand gehört?
Worauf Muggi aus einer üblichen Liste zu wählen hatte zwischen Ofenanbeten, drei Fragen hinter der Tür, Gedichtaufsagen, Liedsingen und Kuß im Dunkeln. Als Emmy nun mein Pfandstück als allerletztes emporhob, konnte sie sich ein gelindes Gnickern nicht verbeißen, und in einem öffentlichen Rechtsfalle hätte man wohl von Befangenheit und Einflußnahme sprechen dürfen. Ihr Bruder, mein Freund, verfügte denn auch, wie sie erwarten mochte: Kuß im Dunkeln. Und da derartiges nicht solo zu tätigen ist, setzte er hinzu: mit Telke.
Na schön, mir war nicht ganz gut und dennoch, wer kennt das nicht, dieses unmündige Gefühl, schwebend süß und bedrohlich, was man viel später ein Befinden etwa zwischen Zahnarzt und Brautbett nennen möchte.
Die beflissen grienende Runde beschloß, Telke und mich zur Ausführung in die Besenkammer zu sperren. Da war es stockdunkel und roch abscheulich nach nassen Feudeln und Stiefelwichse. Was nun? Ich wagte mich nicht zu rühren. Und Telke hielt sich von mir ab. Ich hörte, wie die Gesellschaft draußen vor der Tür sich drängte und die Ohren daranlegte. Da denn wagte ich, eine Hand auszustrecken, aber ich ertastete nur einen glitschig feuchten Lappen, und ein Leuwagen oder Schrubber fiel um, was außerhalb ein zufriedenes Gekicher auslöste.
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