Dann hörte ich Telke flüstern: Faß mir bloß nicht untern Rock, heute ist freitag, ich krieg erst morgen reine Wäsche.
Und dann wurde die Tür aufgerissen, und wir konnten heraus und wurden begierig gemustert, und man wünschte sichtlich, daß etwas Besonderes geschehen sei, und es war doch nichts geschehen, nicht mal der befohlene Kuß. Und wir lachten beide laut mit, weil alle lachten, als Emmy fast mütterlich fragte: Seid ihr nun glücklich?
Und sie tanzten um uns herum, und wir hampelten mit, trotz aller Ahnungen noch unbeschwert. Wir waren alle erst um die vierzehn. Und wenn ich bekenne, ich ging dann plötzlich fremd und wie in Eis gegossen davon, kaum ein Gutenacht! herauswürgend, mitten im nächsten Spiel, das da hieß: Eine blanke Dose, was liegt darin verborgen? Drei junge Herren, drei junge Damen ... wird man mir’s als überempfindlich anrechnen.
Gut denn, ich hab’ wie fast jeder später das Geeignete nachgeholt, um hinreichend abgebrüht zu werden. Das nennt man dann Lebenskunst.
Weint
Kindheit
in dir nach,
nimm’s so gelinde,
als sei ein Enkel zu hätscheln.
An einem regnerischen Sonntagabend, als ich von der Abendandacht kam, wo ich in St. Katharinen bis zur Konfirmation im Chor mitwirkte – meine Mutter hatte es so gewollt – da traf ich Telke. Sie stand im Eingang des Torwegs in jener Haltung, die dem Orgelengel in behutsamer Windung die Fähigkeit zu verleihen schien, sich sachte in den Himmel hinauf zu schrauben, auch ohne Flügel. Als ich unschlüssig vor unserer Haustür stehenblieb, kam sie herüber, nicht so schwebend, wie ich hätte meinen mögen, sondern mehr wie leicht hin und her geweht. Ich wollte grad absegeln, erklärte sie, und bloß noch den Guß abwarten. Aber es regnet gar nicht mehr.
Gehst du zu Fuß nach Altona? fragte ich, bereit, sie bis nach Skagen zu begleiten.
Ich fahre mit der Pferdebahn, bis zur Haltestelle kannst du mich längsbringen.
Wir gingen ein Stück Hafen entlang. Bei Blohm & Voss wurde wild gehämmert. Die Nietenwärmer machen sogar sonntags Überstunden, sagte ich schließlich.
Sie erfaßte meinen Arm: Die arbeiten für Ballin, der bezahlt das Tempo.
Die bauen die »Deutschland«, mein Vater weiß den Taufnamen im voraus, erklärte ich.
Telke lachte spitzfindig: Ballin ist ein Jude, der und »Deutschland« und taufen! Weißt du, was die bauen? Ein Panzerschiff, das schenkt er Kaiser Wilhelm, und dann geht’s los. Gegen England.
Warum denn das? fragte ich besorgt.
Weil das ... Sie dachte eine Weile nach, blieb unter einer Laterne stehn, nahm ihre Pomponmütze ab und schüttelte ihr rosablondes Haar: Das ist so ähnlich wie mit dem Kuß im Dunkeln. Alle lauern darauf, daß was passiert. Und dann passiert nichts. Und schließlich ... doch.
Und indem sie das »doch!« mit einem Mützenklaps gegen meine Schulter betonte, lief sie davon, hin und her wehend, gespiegelt in den nassen Platten des Trottoirs.
War’s
gestern,
war’s vor Ewigkeit?
Am Ponton entlang
sprachen wir ins trübe Wasser.
Von Muggi erfuhr ich, wo sie wohnte. Lange getraute ich mich nicht, hatte auch wenig Zeit, war inzwischen konfirmiert und arbeitete nun, von keiner Schulaufgabe mehr behindert, in meines Vaters Werkstatt. Eines Samstags stand ich hinter der Ecke der Planke, um die herum ihre Hausnummer nicht weit weg lag. Ich sah sie mit andern Kindern Abo Bibo spielen. An die Mauer war mit Kreide ein eingeteiltes Feld gezeichnet. In den Abteilungen stand dem Alphabet nach Abo, Bibo, Citronenjett, Dodenkopp, Eierliesch kräftig hingeschrieben, hinunter bis Sirupskringel. Und jedes Kind hatte einen Namen aus dieser Reihe erhalten.
Telke nun nahm einen Ball und warf ihn aus zehn Schritt Entfernung gegen die Mauer und rief: Poppensnut!
Denn in das Feld mit P hatte der Ball getroffen. Alle Kinder und auch sie rannten davon bis auf jenes, das den Namen Poppensnut bekommen hatte. Es ergriff den Ball, jagte hinter den andern her und mußte eines zu treffen suchen, das dann hinwieder gegen die Mauer zu werfen hatte. So ging es ein ums andere Mal. Dann hörte man aus einem Fenster schrill hervortönen: Erna, Mieke, raufkommen, Ahmbrot!
Die Kinder liefen auseinander. Und Telke kam geradeswegs an meine Plankenecke. Hab’ dich da längst gesehn, Bojer, sagte sie.
Es klang sonderbar herausfordernd. Ich wußte nichts darauf zu sagen. Sie erfaßte meinen Arm wie schon einmal, und mir war damals schon gewesen, als binde sie mich mit Strick und Kette, so war’s diesmal nicht minder. Sie blickte sich um in der hereinsickernden Dämmerung. Und sagte dann hart, als entgegne sie einem Widerspruch: Komm!
Ein paar Schritte weiter stieß sie eine Brettertür auf, zog mich hinein und schloß mit einem Riegel. Es war ein Abstellplatz für leere Kisten und Fässer, dazwischen wuchs spärlich Gras und Franzosenkraut. Und nun plärrte sie mit einer zephirsäuselnden Stimmlage einen der Hinterhof-Kinderreigen: Trauer über Trauer, hab’ verloren meinen Ring ... Der ländlich Holsteiner Beiklang darin war mir schon von den beiden anderen Begegnungen her als höchst beunruhigende Musik in meine Träume geflossen. Und dann zog sie das Stück Kreide aus ihrer Schürze, sagte auch, sie habe es aus dem Wandtafelkasten in der Schule, und dann schrieb sie mit sehr deutlichen Buchstaben an die Planke: K ..., P ..., D ..., Schw ... ist der beste Rosenkranz.
Ich starrte erschrocken darauf hin. Und dann zeichnete sie auch noch, indem sie die Lippen verkniff und die Brauen zusammenzog, ungeschickt daneben, was gemeint war. Danach sagte sie mit einem himmlischen Lächeln: Das ist die Rache.
Die Rache? stotterte ich benommen: Was hab’ ich dir denn getan?
Lächerlich! Du doch nicht! Ihre Stimme war nun wie matte Seide. Ich raffte mein Bewußtsein zusammen: Muggi sagt, du bist katholisch.
Eben darum! erwiderte sie und wickelte Silber in die Seide ihres Tonfalls.
Dann mußt du diesen Schweinkram doch beichten. Sie kam dicht an mich heran und flüsterte wie Westwind: Ich hab’ dem Pfarrer hinter seinem Gitter im Beichtstuhl gesagt, als er mit unanständigen Fragen nicht aufhörte: Ja, ich hab’ mit der Hand dran gespielt bei mir. Und dann hat er gefragt, ob ich das mit Lust getan hab’. Und dann hab’ ich geantwortet: Ja, es hat süß gekitzelt. Und dann ist er böse geworden und hat mir aufgegeben, täglich zwanzig Rosenkränze zu beten. Du hast keine Ahnung, wieviel das ist, und das hab’ ich Hugo erzählt, der ist hier vom Krämer nebenan, und da hat er mir den Vers gesagt, und den hab’ ich hier angeschrieben.
Sie blickte mich durch das halbe Dunkel hellfeucht an wie der Himmel im Frühling, wenn es von See her weht. Und sie legte mir einen Arm um den Nacken und küßte mich und nahm meine Hand und führte sie, und mir wirbelte alles durcheinander, der Platz und die Dampferschreie vom Hafen und das freche Mädchen und das Lied, das wir zu den Trauungen sangen und das ein Lieblingslied meiner Mutter war: So nimm denn meine Hände ... Unser Kantor hatte uns erzählt, daß die Dichterin dieser Verse dieser Tage gestorben war, eine arme alte fromme Lehrerin mit Julie als Vornamen. Den Nachnamen hatte ich nicht behalten. Wir sanken auf ein paar Kisten hin. Es krachte und rumpelte, aber Telke ließ sich nicht stören. Für mich war es das erste Mal.
Sie hauchte mich an: Stell dich doch nicht so dumm! Da nahm ich mich zusammen. Es ist in diesen Dingen ja mehr Natur im Menschen, als es klarer Verstand zuwege bringt. Sie nicken, Mister Bit. Es ist überall dasselbe.
Draußen ging der Laternenanzünder vorbei. Man hörte, wie er mit seiner langen Hakenstange den Gashahn aufdrehte. Pff! sagte es; das Licht ging an. Telke hielt mir den Mund zu, weil ich in diesem Augenblick laut hätte losbrüllen mögen, ich wußte nicht mehr, wie mir war. Der Mann schlurfte aber schon weiter, indes über die Plankenkante die Mauer erleuchtet war, uns aber der Schatten ziemlich einhüllte. Ich erkannte das Engelsgesicht unter mir. Es sah mich ruhig an. So ist das, sagte sie mit einem kleinen Seufzernachhall: Nun weißt du es. Und jetzt gib mir dein Taschentuch.
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