Kapitel 2
FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG
Das Klonschaf
Das Klonschaf sprach auf grüner Au:
Ich fühl mich hundeelend mau.
Mir fehlt in meines Erbguts Schatz
der Gegen-Chromosomensatz.
Ich spür’s, ich werde nicht sehr alt!
Tatsächlich starb das Klonschaf bald.
(HI)
Nach Jahren der Forschung in aller Stille
erschien Kadabra, die Wunderpille.
Der Vorstandschef hat zur Presse gesprochen:
Eine neue Zeit sei angebrochen.
Schmerzfreies Wohlsein für jedermann,
das sei es, was die Pille kann.
Kadabra, weil polivalent fokussiert,
viele Leiden auf einmal kuriert:
Darmträgheit und Haarausfall,
Gedächtnisschwund und Hustenqual,
steifes Knie und Knickplattfuß,
Völlegefühl und Bluterguss.
Auf Fragen musste der Vorstand erklären:
Todkrankheit sei nicht abzuwehren.
Unsterblichkeit sei noch nicht in Sicht,
und die Packungsbeilage verspreche das nicht.
Doch Kadabra führe den Zustand heran,
den man als Wohlnis bezeichnen kann.
Die Werbung kam sehr rasch in Fahrt;
an Geldern wurde nicht gespart,
im Fernsehen Werbezeit gebucht.
Für die Spots wurden neue Models gesucht.
Die Models mussten vor allen Dingen
die Vielfalt der Heilung rüberbringen:
Dass Haarausfall und Darmträgheit
verschwinden fast zur gleichen Zeit
mit Knickplattfuß und andren Malaisen, –
und durften das Lächeln nicht vergessen.
Ein Menschheitstraum sei nun erfüllt,
eine uralte Sehnsucht endlich gestillt.
Die Werbung bewegte das Fernsehvolk tief.
Die Nacht nach der Sendung niemand schlief.
Die Zuschauer rannten am nächsten Morgen,
um sich Kadabra zu besorgen.
Die Umsätze stiegen und der Gewinn,
der Aktienkurs auch; die Konkurrenz war hin.
Doch wollte die Konkurrenz nicht ruh’n.
Sie musste was gegen Kadabra tun.
Von Nebenwirkungen bekam sie Wind,
die mit Kadabra verbunden sind.
Wenn einer ohne Haarausfall
Darmträgheit bekämpft, wird er oben kahl.
Ein fleißiger Darm wird rasch gedämpft,
wenn einer nur steifes Knie bekämpft.
Denn Kadabra will alle Übel besiegen,
und wem eins fehlt, soll’s erst mal kriegen.
Ein Sprecher erklärte die Sache genau:
Dies sei »präventiver Symptomaufbau«.
Das nun war leider des Fortschritts Feind.
Die Pille wurde daher redesigned.
Pro Kubiknanometer 2 Teilchen mehr
verbesserten die Wirkung sehr.
Nur vorhandene Leiden wurden nun geheilt,
für Altfälle Schmerzensgeld verteilt.
Doch bald ein neues Übel begann:
Die Pille griff nun den Ohrknorpel an.
Kadabra machte die Ohrmuscheln schlapp;
die hingen dann ziemlich traurig herab.
Ein Wutschrei ging durchs ganze Land.
US-Anwälte kamen gerannt.
Die forderten für der Patienten Schar
10 Milliarden Euro in bar.
Die Firma ging pleite, der Vorstandschef fort
mit 10 Millionen Abfindung an Bord.
Da wurden den Anwälten die Ohren schlapp
und hingen – ganz ohne Kadabra – herab.
Was soll man da sagen, was lehrt die Geschicht’?
Die richtige Pille gibt es noch nicht.
Die Genforscher treibt ihre Forschung ins Rasen.
Der Fahrtwind des Fortschritts umweht ihre Nasen.
Von nichts hat uns die Forschung verschont.
Jetzt hat man auch Mensch mit Huhn geklont.
Der Huhnmensch ward von den Medien umjohlt.
Der Fortschritt hat sich hier selbst überholt.
Nicht viele Huhnmenschen entstanden zum Glück,
doch immerhin wurden es zweihundert Stück.
Der Verband der Huhnmenschen wurde gegründet,
als Sprecher Müller Zwei verkündet.
Der trat leicht gefiedert vor die Presse
und stieß natürlich auf größtes Interesse.
Stehend auf nur einem Bein
– das andre zog er artig ein –,
zeigte er ruckartig den Kopf von der Seite,
beäugte die Presse und blickte ins Weite.
Der Kamm schwoll ihm unmerklich an,
als er zu reden nun begann.
Wir Huhnmenschen sind keine Zellspenderknechte
und pochen auf unsere Huhnmenschenrechte.
Therapeutische Zellspenden lehnen wir ab,
die Zellen nehmen wir mit ins Grab.
Die Genforscher haben versagt, das ist wahr:
Des Huhnmenschen Leben währt nur acht Jahr!
Müller Zwei schwoll stärker nun der Kamm;
er forderte ein Lebensverlängerungsprogramm.
Wir wollen achtzig Jahr’ wie die meisten!
Ein moderner Sozialstaat muss so was leisten!
Man sieht doch, wie wenig die Genforscher taugen!,
rief er mit funkelnden Huhnmenschaugen.
Für uns sind die achtzig nicht mehr zu schaffen,
wir können statt acht vielleicht zwölf Jahre raffen.
Doch wollen wir uns nicht entmündigen lassen.
Das Recht ist entsprechend anzupassen:
Volljährig mit zwei, volles Bürgerrecht,
Rente ab sechs wäre nur gerecht.
Reichlich muss die Rente fließen,
den Lebensabend bis zwölf zu genießen,
mit Golfclub, Kreuzfahrten, Bildungsreisen,
in schönen Restaurants zu speisen!
Hier riss den Zuhörern die Geduld,
die Pressekonferenz geriet zum Tumult.
Doch viele sagten, man müsse verstehen
und auch den Huhnmitmenschen sehn.
Der Huhnmensch sei zu integrieren,
neue Wege zu probieren.
Doch Müller Zwei wies alles zurück:
Kein Kompromiss, hier geht es ums Glück!
Der Streit begann die Gesellschaft zu spalten.
Was soll man von Huhnmensch-Schulen halten?
Von praktischen Kursen zum Eierlegen,
um liebevoll die Brut zu pflegen?
Die Vogelgrippe begrub das Problem.
Die Genforscher sind vorsichtiger seitdem.
(HI)
Die Herrgottsschnitzer vom Boitzburger Wald,
die schnitzten Krippen, Kochlöffel, Elche.
Mal hungerten sie, mal verkauften sie welche.
Doch waren sie glücklich und wurden alt.
Da kam in ihre Waldeinsamkeit
eines Tages Herr Hollerith.
Der brachte die Lochkartentechnik mit
und neue Arbeit und Fröhlichkeit.
Die Boitzburger Wäldler durften beschnitzen
Millionen Karten nach Kundenangaben.
Bestimmte Löcher sollten die haben,
die mussten sie in die Karten ritzen.
Die Karten gingen in alle Welt
und halfen beim Rechnen und Daten-Erfassen.
Die Boitzburger feierten ausgelassen.
Denn nun hatten sie endlich Geld.
Doch leider ward der Computer erfunden.
Der Markt brach zusammen fast über Nacht.
Die Boitzburger wurden ums Brot gebracht.
Sie hatten zuletzt nur noch einen Kunden
in einem Bergdorf bei Bad Gastein,
der bot Elektroklaviere an,
die man mit Lochstreifen spielen kann.
Da schnitzten die Boitzburger Mozart rein.
Doch kaufte Toyota das Bergdorf auf.
Man hat die Klaviere digitalisiert,
die Lochstreifentechnik ausrangiert.
Für die Schnitzer ein übler Verlauf.
Sie berieten: Schnitzen wir Schweine, Kälber,
Zwerge und Hirsche, Igel und Mäuse,
Krippen oder Puppengehäuse?,
bis einer rief: Wir schnitzen uns selber!
Lochkartenschnitzer geschnitzt sind der Hit!
Man sieht sie auf allen Touristikmessen,
auch in Marzipan, dann kann man sie essen.
Sie kommen nicht mit der Nachfrage mit.
Die Kinder, mit i-Pods und Laptop gewitzt,
kommen aus dem Staunen nicht heraus.
Seht, Kinder, so sah es früher aus:
Steinbeile gab’s damals – und Lochkarten geschnitzt!
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