Milan stand auf, zog seine Lederjacke über und kramte in den Taschen nach Tabak. Noch während er an den dunklen Holztischen voll ernsthaft diskutierender und ernsthaft saufender Gäste vorbeiging, drehte er sich eine Kippe. Vorsichtig taxierende Blicke trafen ihn. Nervig. Er beeilte sich, nach draußen zu kommen. Kaum hatte er die schwere Tür aufgestoßen, fühlte er sich besser. Die Luft roch nach nasser Straße und der Dönerbude nebenan. Fettschwaden, Zwiebelduft und sanfter Sprühregen krochen in seine Nase. Er schlug den Kragen seiner Lederjacke hoch und stellte sich unter die verblasste Markise. Nassglänzende Autos rauschten durch die schmale Seitenstraße, trübe Pfützen aufwirbelnd. Graubraunes Wasser schwappte auf den Gehsteig.
Das Feuerzeug erhellte Milans Handflächen. Auch sie waren von Narben übersät. Glücklicherweise. Hätte er sich damals nicht mit den Händen geschützt, hätte er ein Auge verloren. Lange her. Die Spuren waren verblasst und alt. Wie weiße Blitze schlängelten sie sich über seine Haut, drei auf der linken, eine auf der rechten Hand.
Während er den Rauch tief in seine Lungen sog, erinnerte er sich daran, wie Jules' Zeigefinger diese Linien nachgezeichnet hatte. Vorsichtig, kitzlig. Er konnte es fast spüren. Immer noch. Dabei war das schon wie lange her? Ein halbes Leben? Damals war er sechzehn gewesen und heute fast dreißig. Und er hatte sich in den Jahren nicht gerade gelangweilt. Männer, Abenteuer, furchtbare Abstürze und schwindelerregende Höhenflüge waren dicht aufeinandergefolgt. Doch Jules war Jules. Wie ein hartnäckiger Geist tauchte er immer wieder in Milans Kopf auf. Egal, wie viel Zeit verstrich. 2016 hatte er es drei Wochen lang geschafft, nicht an ihn zu denken. Aber die Erinnerung war zurückgekehrt. Wie immer.
Und das ist gut so , dachte Milan. Wenigstens das habe ich noch von ihm. Meinem … Bruder.
Jules' schräges Lächeln erschien vor seinem inneren Auge. Die ungleich langen Schneidezähne, die ihn frech aussehen ließen, obwohl er ein totaler Streber war. Na ja, bis er Milans Bruder geworden war. Der hatte ihn nicht schnell genug in den Abgrund …
Milan schüttelte den Kopf. »Lass den Scheiß«, murmelte er. »Das ist vorbei.«
Er richtete den Blick in den nachtschwarzen Himmel. Der Regen wurde stärker. Plätschernd fiel er vom Rand der Markise. Milan beobachtete die Rauchwolke, die aus seinem Mund schwebte und sich in der Dunkelheit auflöste. Rob wollte nachher noch in die Manobar . Was Warmes fürs Bettchen finden, hatte er gesagt. Milan würde mitgehen, schließlich war er seinem Zeitplan voraus. Das neue Manuskript ging gut voran. Er hatte heute drei grausame Morde beschrieben: Eine Häutung, eine Verätzung, und das dritte Opfer war qualvoll an einer Einhornspardose erstickt. Er hatte sich eine Belohnung verdient. Laura, seine Agentin, würde begeistert sein …
»Milan?«
Ein Orkan kam aus dem Nichts und fegte durch seinen Magen. Noch bevor er sich umdrehte, wusste er, dass sein Verderben hinter ihm stand. Also verharrte er. Eine endlose Sekunde lang.
Verdammt, wer ist das? , dachte er. Ich kenne die Stimme, aber wer ist das? Warum …
Warum prickelten seine Finger plötzlich so stark, dass die verdammte Kippe ihnen entglitt? Stockstarr sah er zu, wie sie zu Boden segelte und zischend auf dem Pflaster landete.
»Milan? Das … Du bist es, oder?« Eine Stimme wie Rauch und Honig. So köstlich, dass er sich endlich umdrehen musste.
»Bin ich«, sagte er lässig. »Und wer …«
Er erstarrte. Ein Mann stand vor ihm. Ein dunkelblonder, attraktiver, triefend nasser Mann, in dessen Wimpern Regentropfen glänzten. Seine Lippen teilten sich zu einem schrägen Lächeln und zwei ungleiche Schneidezähne erschienen.
Ein Krächzen drang aus Milans Kehle.
»So ein Zufall«, sagte Jules und dann noch etwas, das Milan nicht verstand, weil Jules so verdammt heiß aussah, dass der Regen auf seinem Körper sich in Dampf hätte verwandeln müssen. Schmale Hüften in Jeans, die sich so eng darum schmiegten, dass Milans Kehle austrocknete. Ein kräftiger Oberkörper in einer grauen Wolljacke und dieses Lächeln, dieses umwerfend schöne, schräge, schiefzahnige Lächeln in dem scharfgeschnittenen Gesicht.
Er hat keine Brille mehr , dachte Milan, was immerhin ein vernünftiger Gedanke war. Oder hat er sie abgenommen, weil sie sonst beschlagen würde? Und er hat … einen Dreitagebart, nein einen Zehntagebart, mindestens …
Verdammt, den Anblick würde er nie wieder aus dem Kopf bekommen. Da war kein Babyspeck mehr, nur noch kantige Züge und dieses fröhliche Leuchten, das er damals schon …
Jules sagte etwas, und Milan hätte ihm wirklich zuhören sollen, allein schon, um den Klang seiner Stimme zu genießen. Mit geballten Fäusten zwang er sich zurück in die Wirklichkeit.
»… ich hätte nicht gedacht, dass du jetzt auch hier wohnst«, sagte Jules.
»Hier?«
»In Berlin.« Jules fuhr sich durch die Haare, so dass sie noch chaotischer wurden. Milans Finger zuckten vor Verlangen, hindurchzufahren und sie in Ordnung zu bringen. Oder noch mehr zu verstrubbeln. Oder sie zu packen und Jules an sich zu ziehen.
»Ah, das.« Milan räusperte sich. Betont cool griff er in seine Jackentasche, befahl seinen Fingern, mit diesem dämlichen Zittern aufzuhören, und holte den Tabak heraus. »Ich bin vor ein paar Jahren hergezogen. Damals gab's noch billige Wohnungen und ich hatte kein Geld.« Irgendwie brachte er ein Lächeln zustande. »Das war lange vor meinem ersten Buchvertrag. Ich … he. Du wirst lachen: Ich bin jetzt Autor.«
Jules lachte nicht. Er nickte und lächelte, eine Geste, die so vertraut war, dass sie einen Dolch direkt durch Milans Herz sandte.
»Ich weiß. Ich habe dein letztes Buch gelesen.« Jules verzog den Mund, als wäre es ihm ein wenig peinlich. »Ehrlich gesagt habe ich alle gelesen. Beim … beim ersten wusste ich noch nicht, dass du das bist. Der Nachname und so. »Stein« passt zu dir.«
»Klingt halt besser als »Wurstbader«.«
»Ein wenig. Ich bin fast umgekippt, als ich dein Foto auf der letzten Seite gesehen habe.«
»Darauf hast du mich erkannt?« Milan sah auf seine Finger, die eine jämmerlich krumme Zigarette drehten. »Das ist doch fast nur Schatten. Man sieht nicht mal die Narben.«
»Ich würde dich immer erkennen.« Jules klang so aufrichtig, wie nur er es konnte. All die Jahre und in dem göttlichen Männerkörper vor Milan steckte immer noch ein kleiner Pfadfinder. »Ich meine, so sehr hast du dich auch nicht verändert.«
»Echt? Ich finde, ich bin viel hübscher geworden.« Milan grinste.
Innerlich machte er eine Zeitreise, zurück in sein erbärmliches, sechzehnjähriges Ich von damals. Unsicher, panisch und halb ruiniert von dem Gedanken daran, Jules irgendwann, eines Tages zu küssen. Und das alles hatte er kompensiert, indem er jedem auf's Maul gehauen hatte, der ihn irgendwie provoziert hatte. Früher war er ein noch größerer Trottel gewesen als jetzt.
Ich sollte etwas sagen. Etwas Unverfängliches. Etwas Gewöhnliches.
»Und was machst du jetzt so?«, fragte er. Eine normale Frage unter Erwachsenen. Sehr gut.
»Ich? Oh, ich bin Backend Developer in einer Gamesfirma«, sagte Jules. Sein Blick huschte zum Boden und zurück. »Hammerplay. Die haben mich letztes Jahr hergeholt. Ich …« Er verstummte. Ein Kleinwagen brauste vorbei und überschwemmte den Bürgersteig. Die Brühe floss fast bis zu ihren Füßen, Milans derben Stiefeln und Jules' schmalen schwarzen Sneakers.
»Klingt gut«, sagte Milan schließlich, weil ihm nichts Besseres einfiel. Sag was Interessantes , schrie er sich innerlich selbst an. »Und, zahlen die gut?«
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