Daniel und Oliver hatten die Kartons mit ihrer Habe am Tag zuvor erst einmal in den Schuppen gestellt. Weitere Hilfe von den beiden hatte sie in einem dummen Anfall von Überheblichkeit abgelehnt, den sie nun bitterlich bereute. Wieder einmal kam sie sich unendlich allein vor. Gerade wollte sie sich dem Ausräumen ihres Wagens widmen, als sie ein fragendes Maunzen hörte. Verwundert blickte sie in die bernsteinfarbenen Augen von Paris. Die Katze ihrer Mutter hatte sich majestätisch vor ihr auf den Stufen niedergelassen und schien sie zu fragen, ob sie nun endlich wieder nach Hause könne.
»Paris! Heilige Göttin! Dich habe ich ja völlig vergessen«, stammelte Tilla kleinlaut. Das glänzend schwarze Fell der Katze zeigte, dass sie wohl von Nachbarn bestens versorgt worden war. Nachbarn, die mehr Umsicht als Tilla bewiesen hatten. Die hellen Augen des Tieres ruhten abschätzend auf Tilla, die Schwanzspitze bewegte sich tadelnd hin und her. Tilla streckte die Hand nach Paris aus, doch die entzog sich der Berührung und stolzierte an Tilla vorbei ins Haus, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Tilla sah dem Tier beschämt nach und murmelte: »Ich hab’s wohl verdient!«
Von schlechtem Gewissen geplagt eilte Tilla hinter der Katze her, die nun abwartend vor der Küchentür stand. Sie öffnete ihr, um dann jedoch wie von einer unsichtbaren Wand aufgehalten auf der Schwelle stehen zu bleiben. Auf dem Küchentisch standen noch immer die Utensilien des Ereignisses, das ihr Leben in eine Achterbahn verwandelt hatte. Da die Polizei von Selbstmord ausgegangen war, hatte es keine weiteren Untersuchungen gegeben. Für einen Augenblick bildete Tilla sich ein, ihre tote Mutter an diesem Tisch sitzen zu sehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Ihre Beine wurden so zittrig, dass sich Tilla am Türrahmen festhalten musste.
Paris‘ forderndes Miauen holte sie in die Wirklichkeit zurück. Tilla schluckte und betrat zögerlich die Küche. Sie zwang ihren Blick von dem Tisch weg zu einer Tür, hinter der sich eine kleine Speisekammer befand. Hektisch suchte sie nach Katzenfutter, fand noch ein paar verbliebene Dosen nebst Trockenfutter und nahm beides mit zur Spüle. Nachdem sie Paris’ Näpfe gesäubert und dem Tier eine üppige Ration Futter hingestellt hatte, kehrte ihr Blick widerwillig zum Tisch zurück.
Sie erkannte das alte Porzellan der Wedgwood-Manufaktur aus dem englischen Burslem. Tilla starrte das farbenfrohe Muster verwirrt an. Ihre Mutter hatte das wertvolle Porzellan, das zur Aussteuer ihrer Großmutter Leandra gehörte, nur für Gäste und bedeutende Anlässe hervorgeholt. Tilla betrachtete die komplizierten goldenen Ranken auf türkisfarbenem Grund. Zögernd griff sie nach der bauchigen Teekanne, hob den fein gearbeiteten Deckel und sah hinein. Die unzähligen feinen Risse im Innern der Kanne waren durch Teein verdunkelt. Der Bodensatz des giftigen Suds war eingetrocknet und hatte ein unappetitliches Sediment hinterlassen.
»Du meine Güte, Mutsch, musstest du auch noch das gute Geschirr versauen?«, fragte Tilla säuerlich ins Nichts. Nur mit Mühe widerstand sie dem Drang, alles, was auf dem Tisch stand, im Mülleimer zu zerdeppern. Widerwillig trug sie das Geschirr zur Spüle und betrachtete es unschlüssig. Sie war sich nicht sicher, ob man die Spuren des starken Giftes je wieder vollständig aus dieser Kanne würde entfernen können. »Klasse, Mutsch. Das Geschirr wäre sicher einiges wert gewesen. Wolltest du damit verhindern, dass ich es verkaufe? Ist dir gelungen!«
Immerhin vertrieb der Zorn ihre Schwermut. Zorn, den sie als alten, wohlbekannten Begleiter ihrer Persönlichkeit kannte, war ihr lieber als die depressiven Schübe der letzten Zeit. Tilla stapfte in den Flur, wo ein Stapel von Zeitungen lag, die niemand abbestellt hatte. Sie sortierte Post und Zeitungen auseinander und nahm den Stapel mit in die Küche. Sie würde die Kanne und die Tasse vorerst mit dem Zeitungspapier verpacken und in den Keller stellen, bis sie die Kraft hatte, zu entscheiden, was damit geschehen sollte. Und dann würde sie dieses Haus mit ihren Sachen und ihrer Gegenwart füllen, um sich nicht mehr wie ein Eindringling zu fühlen.
Nach einer halben Stunde stapelten sich bereits etliche Kartons im Flur. Nachdem sie beschlossen hatte, das Obergeschoss unbenutzt zu lassen, wuchtete sie mehrere Kartons mit ihrer Kleidung in ein Zimmer neben der Haustür, das immer als Kombination aus Gästezimmer und Büro gedient hatte. Stöhnend streckte sie ihren schmerzenden Rücken und ging hinaus, um ihren Wagen leerzuräumen.
Laut vor sich hinzeternd zerrte Tilla an Großmutter Leandras Sessel, den Oliver und Daniel ihr in mühevoller Millimeterarbeit ins Heck ihres Wagens gestopft hatten. Für dieses Unterfangen hatte Daniel ihr die Rückbank ausgebaut, die hinter den letzten Kartons im Schuppen lag und die sie wohl nie wieder in ihren Wagen hineinbekommen würde. Kampfbereit stierte Tilla den Sessel mit den im Chippendalestil geschwungenen Beinen an, die ihr wie abweisende Hände entgegenstaken. Egal wo Tilla zog, der Sessel hakte mal an der Fensterkurbel, dann wieder hinter der Wölbung der Radkammer oder an der viel zu kleinen Heckklappenöffnung fest.
»Verdammt! Du bist doch auch reingegangen«, kreischte Tilla den Sessel an und stampfte auf den Boden, bevor sie es mit einer anderen Strategie versuchte. Sie hielt den Sessel mühsam mit einem Knie hoch und zog gleichzeitig ruckelnd an den Beinen. Endlich bewegte er sich knirschend aus dem Wagen heraus. Leider hatte Tilla das Gewicht guter alter Handwerksarbeit sowie ihren unsicheren Stand unterschätzt. Als sich der Sessel zu neigen begann, kippte Tilla mit einem Verzweiflungsschrei nach hinten und lag zwischen den Beinen des Sessels gefangen im Dreck. Das widerspenstige Möbelstück kippelte bedrohlich über ihr hin und her.
Eine Hand legte sich über die Lehne und verhinderte, dass ihr der Sessel auf den Kopf kippte. Ein paar dunkle Augen folgten der rettenden Hand. Tilla musste ihrer Wut zunächst Luft verschaffen und prügelte mit beiden Fäusten auf die Sitzfläche über ihr ein. Der junge Mann betrachtete ihr Tun amüsiert und fragte: »Geht’s Ihnen jetzt besser?«
»Wenn ich dieses Mistding nicht so lieben würde, hätte ich es jetzt zu Kleinholz verarbeitet«, knurrte Tilla und robbte unter dem Sessel hervor.
»Na, dann hat er wohl Glück gehabt«, meinte der junge Mann grinsend und klopfte dem Sessel freundschaftlich die Lehne. »Wo soll er denn hin?«
Tilla rappelte sich auf die Beine und stellte fest, dass sie aussah wie ein Wildschwein nach einem Schlammbad. Leider hatte die Stadtverwaltung für diesen abgelegenen Teil von Bad Harzburg nicht den Luxus von befestigten Wegen vorgesehen und die letzte Schüttung war schon vor Jahren im Untergrund verschwunden, sodass Tilla nun mit einem gelblichen Belag paniert war.
Endlich widmete sie sich ihrem Retter. Als er den Kopf drehte, fiel ihr eine Narbe ins Auge, die sich über sein rechtes Jochbein zog. Zu dieser Narbe fügte sich eine vage Erinnerung an ein lang zurückliegendes Unglück in der Nachbarschaft, die Tilla jedoch gleich wieder entglitt. Um die Narbe herum registrierte Tilla ein Gesicht mit einer hohen Stirn, die an einem dichten, dunklen Haaransatz endete.
»Tut mir leid, aber ich weiß ihren Namen nicht mehr«, entschuldigte sie sich.
Er lächelte. »Ich bin Gerred Assmut.« Er schaute zwischen dem Sessel und der offenen Wohnungstür hin und her. »Sie kommen also zurück?«
»Äh … ja«, antwortete Tilla unwohl. Offenbar wusste er genau, wer sie war, doch sie erinnerte sich so gut wie gar nicht an ihn. Auch der Name sagte ihr nichts.
»Gut. Ich bin auch erst vor einiger Zeit zurückgekommen. Ist ein komisches Gefühl, nicht wahr? Wollen wir?«, fragte er und klopfte auf den Sessel.
Gemeinsam trugen sie ihn die Eingangstreppe hinauf ins Wohnzimmer. »Ich glaube, den hätte ich nie allein hier rauf bekommen«, stellte Tilla fest und bedankte sich nochmals.
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