»Ja ... angezogen«, knurrte Tilla und rief damit ein Kichern bei den Zuschauern hervor.
Die Staatsanwältin zeigte sich dagegen unbeeindruckt. »Ich hörte, dass jeder Besuch in der Natur für Sie etwas Religiöses hat?«
Zögernd gab Tilla zu: »Ja, schon … «
Tilla wurde nun von der zur Hochform auflaufenden Staatsanwältin gefragt, ob sie einer Wicca-Vereinigung angehörte, wo dieser Coven praktizierte, wer ihm angehörte und ob Nina Kontakt zu diesen Personen gehabt habe. Tilla funkelte die Staatsanwältin böse an und schüttelte in einem fort den Kopf, bis es aus ihr herausbrach.
»Heilige Göttin! Nicht jede Altgläubige ist in einem Coven. Nina hatte nie Kontakt zu anderen Altgläubigen.« Böse blitzte sie die Staatsanwältin an und schob trotzig hinterher: »Und wenn, dann hätte es ihr nicht geschadet.«
»Ach, tatsächlich?« Die Staatsanwältin drehte sich so vehement zu Tilla um, dass ihre Robe sie wie einen unheilvollen Geist umwehte. »Angehörige der Wicca nennen sich Hexen. Hexen sind also völlig ungefährlich?«
»Hexen schaden niemandem«, fauchte Tilla und fügte sarkastisch hinzu: »Ich hoffe, Ihre Mutter hat Ihnen nicht zu viel von den Grimm’schen Märchen vorgelesen. Was da drin steht, ist Mist!«
»Wie interessant«, antwortete Staatsanwältin Bleibtreu ungerührt. »Und Sie praktizieren Ihren Glauben im Stillen? Wissen Sie, ich hege ein gewaltiges Maß an Misstrauen gegenüber Glaubensvereinigungen, die im Stillen, also fernab staatlicher Kontrolle praktizieren. Damit folge ich nicht etwa den Ausführungen der Gebrüder Grimm – übrigens geschätzte Juristenkollegen von mir, sondern den neusten Einschätzungen des Bundeskriminalamtes, das gerade zurzeit ziemlich schlecht auf religiöse Fanatiker zu sprechen ist …«
»Frau Dr. Bleibtreu! Ermüden Sie uns nicht mit Ihren Ansichten, die nichts zur Sache beitragen«, wetterte Peter Ehlers. »Meine Mandantin ist keine religiöse Fanatikerin. Sie hängt lediglich einem weniger verbreiteten Glauben an. Einem Glauben, der übrigens länger in dieser Region verwurzelt ist als das Christentum.«
»Im Gegensatz zu Ihnen, werter Kollege Ehlers, halte ich die Wiccaner für eine moderne Sekte, die keinesfalls harmlos ist«, zischte die Staatsanwältin zurück.
»Ich bitte Sie, Frau Kollegin«, ließ Peter Ehlers deutlich abfällig hören. »Eine sektiererische Vereinigung zeichnet sich durch eine pyramidenförmige Hierarchie mit einem strengen Sanktionssystem gegenüber Kritik aus den eigenen Reihen aus. Die meisten Altgläubigen beten allein, und selbst ein Wicca-Coven beinhaltet keines dieser Merkmale.«
Bevor die Staatsanwältin etwas entgegnen konnte, mahnte Richter Jürgens: »Vielleicht sollten wir an dieser Stelle etwas mehr Sachlichkeit in diesen Gerichtssaal zurückbringen und erörtern, was Wicca eigentlich bedeutet.«
Als seien diese Worte ein Einsatzzeichen für die Staatsanwältin gewesen, hob diese nun zu einer ausführlichen Erklärung an. Ihr diskreditierender Vortrag über Wicca und Neuzeithexen überschritt bei Tilla das Maß des Erträglichen.
Vehement sprang sie auf die Beine und brüllte durch den Saal: »Ihr Pseudo-Wissen über Altgläubige strotzt geradezu vor Lücken, Ungenauigkeiten und schlichtem Schwachsinn!«
Jegliches Geräusch erstarb.
Richter Jürgens donnerte in die Stille hinein: »Frau Leinwig! Wagen Sie es noch einmal, ungefragt das Wort zu erheben, werde ich ein Ordnungsgeld gegen Sie verhängen, das ganz schnell zu einer Ordnungshaft werden kann!«
Tilla holte schon Luft für eine weitere Verbalattacke, als Peter Ehlers sie nachdrücklich am Arm fasste und auf ihren Stuhl zurückzwang.
Ungerührt schulmeisterte die Staatsanwältin weiter. »In einem Coven kommen dreizehn Hexen zusammen. Eine von ihnen ist die Anführerin. Ein Coven unterliegt der Allmacht der Priesterin.« Sie zeigte Tilla ein spitzes Lächeln. »Nach Ihren Worten brauchen die Altgläubigen keinen Pastor, weil sie Hierarchien ablehnen, Frau Leinwig. Sind Hierarchien in Ihrem Wortschatz etwas anderes?«
Tilla biss die Zähne aufeinander. Ihre Antwort glich einem mäßig unterdrückten Knurren. »Einem Coven treten Altgläubige bei, die sich etwas mehr Struktur, aber auch Gesellschaft für ihren Glauben ersehnen. Deshalb wird eine Lehrende aber noch lange nicht zu einem Guru oder so was.«
»Guru … ein sehr passendes Stichwort«, antwortete die Staatsanwältin zufrieden. »In allen bekannten Sektenstrukturen sind die Mitglieder die letzten, die zugeben würden, von jemandem manipuliert worden zu sein. Darin liegt ja gerade das Perfide. Wie gefährlich der Wiccakult letztlich ist, wird nicht hier und nicht heute entschieden. Die Vorgehensweise dieser Sekte ist jedoch durchaus bedeutsam für die Beweisführung. Wichtig ist nämlich die Frage: Wie viel hat der von der Angeklagten praktizierte Neo-Hexenkult mit dem von ihr selbst eingebrachten Terminus ›Naturreligion‹ zu tun? Geht es dabei womöglich um rüde Sittenlosigkeit unter dem verharmlosenden Mantel einer Religion?« Die Staatsanwältin ließ den Blick kurz durch den Saal schweifen. »Frau Leinwig fungierte als Bezugsperson für Nina von Steinfels. Die Einlassungen des Antragsstellers, der Frau Leinwig als promiskuitiv und krankhaft sexsüchtig beschreibt, haben überzeugend gezeigt, wes’ Geistes Kind die Antragsgegnerin ist. Fraglos wird eine solche Bezugsperson ihre abstrusen Ideen weitergeben und eine unschuldige Zwölfjährige von den gesellschaftsüblichen Werten abbringen!«
Tillas Beine stemmten sich wie von selbst hoch. Ihre verschiedenfarbigen Augen funkelten in unmäßigem Zorn. In klarem, überraschend ruhigem Ton fragte sie in den Saal: »Hatte ich hier eigentlich je eine Chance?«
»Hatte ich Ihnen erlaubt, das Wort zu ergreifen?«, donnerte Richter Jürgens zurück.
»Nein, aber Sie hätten es mir wohl auch kaum erteilt, oder?«, schrie Tilla.
Richter Jürgens’ Gesicht verfärbte sich weiß. Dr. Bleibtreu und Achim von Steinfels starrten Tilla mit offenen Mündern an. Doch die achtete längst nicht auf die spitzen richterlichen Schreie, die Worte wie »Schweigen Sie« und »weiteres Ordnungsgeld« enthielten. Sie stach mit ihrem Zeigefinger Löcher in Richtung des Richterpultes.
»Das hier zu fällende Urteil stand doch schon fest, als Sie alle heute Morgen vor Ihrem Frühstücksbrötchen gesessen und Ihren blödsinnigen Schulaufsatz über die Wicca auswendig gelernt haben! Sie alle machen diesen Gerichtssaal zu Ihrer persönlichen politischen Bühne und diesen Prozess zu einer Farce …«, brüllte Tilla.
Bevor sie jedoch auch noch mit der anderen Hand bekräftigend auf den Aktenberg ihres Anwaltes schlagen konnte, wurde sie von vier kräftigen Händen hochgehoben. Die vom Richter herbeigerufenen Gerichtsdiener packten Tilla grob und brachten sie aus dem Saal, während diese laute Verwünschungen ausstieß.
Als sich Peter Ehlers nach dem Ende des Prozesses zu ihr in den Flur gesellte, sah er alles andere als zufrieden aus.
»Du kommst mit einer Geldstrafe davon. Vor allem aber musst du dich von Nina fernhalten«, verkündete er.
Tilla reagierte nicht. Sie blickte stattdessen die gegenüberliegende Flurwand an, als versuchte sie, diese in Brand zu setzen.
Peter Ehlers setzte sich seufzend neben sie. »Tilla, tu mir den Gefallen und halte dich daran«, bat er sie eindringlich. »Richter Jürgens machte in der Urteilsbegründung deutlich, dass er den Verdacht der Förderung der Prostitution einer Minderjährigen ebenfalls hatte, dies aber nicht hinlänglich bewiesen werden konnte.«
Tilla traute ihren Ohren nicht. »Was? Verdammt, ich liebe Nina wie eine eigene Tochter! Ich habe mich fast zwei Jahre ausschließlich um sie gekümmert. Achim dagegen glänzte mit chronischer Abwesenheit. Selbst ihr Schulbusfahrer kannte Nina besser als ihr Vater. Ich würde doch nie etwas tun, was ihr schadet! Wie kommen die nur auf so was?«
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