Mutsch, wie hast du es geschafft, in deinem Leben so viele Leute kennenzulernen?, dachte Tilla und spielte kurz mit dem Gedanken, zu einem wilden Lauf anzusetzen, der sie von hier wegbrachte. Vermutlich hätte sie es mal wieder zu irgendeiner überstürzten Dummheit gebracht, hätte Astrid ihr nicht in diesem Moment den Arm um die Schultern gelegt. Endlich erreichten sie eine stattliche Buche, vor der sich ein Rund aus Efeuranken um eine Holzscheibe in den Waldboden schmiegte. Ein Mann in konventioneller Schwarzkleidung, vermutlich vom Bestattungsinstitut, brachte die Urne und stellte das, mit einem Ginkgoblatt verzierte helle Gefäß, auf die Scheibe. Es roch wunderbar nach Waldboden und frischem Holz. Tilla blickte auf die grüne Rosette aus Efeu.
Die Trauergäste bildeten einen großen Halbkreis um die Buche. Als jeder seinen Platz gefunden hatte, trat Tilla an den grünen Kreis heran und nahm einen hellen Stein mit glitzernden Einsprenkelungen aus der Manteltasche. Sie hatte den Stein völlig verkrampft in der Hand gehalten, seit sie ihren Wagen verlassen hatte.
Steine sind die ältesten Wächter der Erde, hörte Tilla die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf wispern, was sie ruhiger werden ließ. Sie dachte an gemeinsame Ausflüge, bei denen sie Steine gesammelt hatten. Der Stein in ihrer Hand stammte vom Elfenstein, einer Klippe oberhalb von Bad Harzburg, die Tilla unzählige Male zusammen mit ihrer Mutter besucht hatte. Behutsam legte Tilla ihn auf die Efeuranken, richtete sich auf und trat zurück, damit die anderen Trauergäste vortreten konnten. Als Erstes legte das kleine Mädchen einen kleinen Tannenzweig nieder und dankte mit vor Aufregung stolpernden Worten dafür, dass Hedera ihrer Mama geholfen hatte. Weitere Äste, Zapfen, ein paar Kastanien und unzählige beschriebene Steine sammelten sich nunmehr um die Efeurosette. Viele waren es, die das Bedürfnis hatten, sich von Hedera Leinwig zu verabschieden. Tilla ließ ihren Tränen freien Lauf. Doch im Gegensatz zu den Tränen der letzten Tage waren diese irgendwie befreiend.
Wie aus weiter Ferne drang Astrids Stimme an ihr Ohr. »Deine Mutter hat viele dieser Menschen kennengelernt, als die sich mit einer Krankheit quälten. Menschen, die an einem Scheideweg standen. Einige haben überlebt und sind heute hier. Du kannst stolz auf deine Mutter sein!«
Tilla blickte in Astrid Volkers blaugraue Augen, die ihr aufmunternd zulächelten. Sie strich Tilla noch einmal über die Schultern, bevor sie sich zu der grünen Rosette begab. Bewundernd sah ihr Tilla zu, wie sie ohne Notizen und Zettel ihre Rede begann. Tilla war ihr unendlich dankbar dafür. Sie selbst war so durcheinander, dass sie nicht einmal einen Dreizeiler ohne zu stottern auf den Weg gebracht hätte.
»Hedera, botanischer Name für die Efeupflanze; Efeu, Immergrün, seit der Antike als Heilpflanze bekannt. Ihr Name war wohl gewählt von ihrer Mutter, die ihr Leben im fernen Wales verließ, um der Liebe nach Deutschland zu folgen. Hederas Vater starb, bevor er seine Tochter in den Armen halten konnte. Ein Schlag für die junge Frau aus Wales. Aber ein wundervoller Glücksfall für meine Familie, denn Leandra Lleynwitch kam mit ihrer Tochter Hedera unter dem Herzen in unser Haus. Meine Brüder und ich bekamen nicht nur eine wundervolle Nanny, wir bekamen in Hedera eine Schwester, die beste Schwester, die man sich nur wünschen kann … meine Seelenschwester.«
Tilla lauschte Astrids Worten, die so voller Liebe daherkamen. Ohne das Pathos der Trauer erzählte Astrid Anekdoten und kleine Begebenheiten, die Hedera besser darstellten, als es jede Beschreibung vermocht hätte. Es gelang es ihr sogar, die Gegensätze zwischen Tilla und ihrer Mutter so versöhnlich zu schildern, dass sich selbst in Tillas verquollene Augen ein Lächeln verlief. Hörte man Astrid zu, gerieten Tillas Rebellentum und Hederas gutmütige Ignoranz desselben geradezu zu einer ergötzlichen Geschichte, auf deren Fortsetzung man förmlich brannte. Astrid kam nun auf Hederas Arbeit zu sprechen. Sie erwähnte einige der Menschen, die gekommen waren, um ihr das letzte Geleit zu geben. Mit glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen wünschte Astrid Hedera auf ihrem weiteren Weg, dass all die Liebe der Anwesenden sie begleiten möge.
Tilla schaute sich leicht verunsichert um. Doch die Leute störten sich offenbar nicht an dem ungewöhnlichen Ende einer Trauerrede, die wirkte, als würde man eine Reisende mit besten Wünschen auf seine langersehnte Tour schicken. Die, die gekommen waren, wussten, wer und was Hedera gewesen war. Dass einige Trauergäste aufgeschnittene Äpfel nach vorne streckten, das Zeichen der Wicca, während sie Astrids Wunsch wiederholten, empfand Tilla als wohltuend. Sie trat nach vorn und nahm Äpfel sowie liebevolle Blicke entgegen. Es sollte für lange Zeit das letzte Mal sein, dass Tilla von so viel Toleranz gegenüber ihrem glaubensbedingten Anderssein umgeben war.
Die Druiden benutzten die Schrift, um die Ewigkeit zu beeinflussen. Obwohl die Schrift einen magischen Aspekt hatte, war den Kelten das gesprochene Wort am wichtigsten.
– Jean Makale 238 –
Tilla stand vor Empörung der Mund offen, als die Staatsanwältin mit theaterreifem Timbre und wohldosierten Gesten aus den E-Mails vorlas, die Tilla seinerzeit an Nina geschickt hatte. Die Zitate waren aus dem Zusammenhang gerissen und beschworen ein so unheilvolles Bild herauf, dass Tilla zu einer religiös verklärten Terroristin mutierte, bevor die Verhandlung richtig begonnen hatte.
Belästigung und Bedrohung einer Minderjährigen lautete die Anklage, in deren Verlesung die Staatsanwältin Begriffe wie Stalking, Sektierertum und den Verdacht der Förderung von Prostitution einer Minderjährigen zwischen die spröden Paragraphenreihen eingearbeitet hatte. Natürlich hatte Tilla in der für sie so typisch temperamentvollen Art sofort zu einem energischen Protest angesetzt, woraufhin Dr. Bleibtreu jene unseligen E-Mails hervorgezogen hatte. Die Staatsanwältin drehte sich nun um und ließ die Prozessakte mit den Mails auf den Tisch fallen, als ekele sie sich davor.
»Haben Sie das geschrieben?«, fragte sie und bedachte Tilla mit einem vernichtenden Blick.
Genau in diesem Moment verstand Tilla, warum keltische Druiden dem geschriebenen Wort nicht trauten. Unschlüssig irrte ihr Blick zwischen der Staatsanwältin und dem unbeugsam dreinschauenden Richter hin und her. »Ja schon … aber nicht so, die Zitate sind völlig aus dem …«
»Ah«, fiel Dr. Bleibtreu ihr ins Wort. »Und dann wollen Sie immer noch behaupten, Sie hätten der Tochter meines geschätzten Kollegen Dr. Achim von Steinfeld nicht schaden wollen?«
Tilla erstarrte förmlich, wobei Zorn und Verwirrtheit sich die Waage hielten. »Ich würde Nina nie schaden!«
»Gut«, ließ Richter Konrad Jürgens in sonorem Bass hören. Er schenkte seiner Kollegin von der Anklage ein zufriedenes Nicken. »Vielen Dank, Frau Staatsanwältin. Die Angeklagte bestreitet offenbar sämtliche Vorwürfe und ich denke, dann können wir auch mit der Beweisaufnahme und der Zeugenvernehmung beginnen.«
Die Haartracht des Richters erinnerte wegen der Stirnfransen an die römischer Imperatoren. Ein paar Mal bildete sich Tilla tatsächlich ein, er würde mit einem plötzlichen Hochziehen der linken Schulter und rascher Bewegung der linken Hand eine unsichtbare Toga zurückwerfen.
Tilla wechselte einen zornigen Blick mit Peter Ehlers. Auch er war am Morgen zuversichtlich in diesen Gerichtssaal gekommen. Nun verdüsterte sich sein Blick zusehends.
»Die Geschädigte, Nina von Steinfels, wird als Jugendliche später allein im Richterzimmer vernommen werden. Ich rufe Dr. Achim von Steinfels auf«, tönte der Richter in ein Mikrofon.
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