Er grinste. »Na, dann hätten Sie doch sicher irgendwo geklingelt und da alle anderen Nachbarn schon ohne Sessel auf dem Arm recht hinfällig sind, wären Sie eh bei mir gelandet.«
Tilla lachte. »Es ist mir wahnsinnig peinlich, dass ich mich so gar nicht an Sie erinnern kann. Sie müssen wohl gewachsen sein!«
»Nun, das sind Sie auch«, stellte er belustigt fest. »Wir sind weggezogen, da trugen Sie noch Zöpfe. Es sollte mich wundern, wenn Sie sich an mich erinnern. Unser Haus stand jahrelang leer. Da haben sich die Nachbarn alle aufgeregt. Nun hab ich es umgebaut und nun regen sie sich noch mehr auf.«
»Oh, der graue Würfel an der Ecke«, rutschte es Tilla heraus.
»Genau der«, schmunzelte er und fügte hinzu: »Ich bin Architekt.«
»Ah, Architekt«, wiederholte Tilla dümmlich und zermarterte sich den Kopf nach etwas Nettem, was sich zu diesem merkwürdigen Wohngebilde sagen ließ. »Äh, wie schön, dass die Bäume bei diesem Umbau nicht weichen mussten«, brachte sie schließlich hervor.
»Ja, ich denke, den Bäumen hat’s gefallen«, antwortete er grinsend. Dann sah er die Straße hinunter und erklärte: »Ich muss los. Wir sehen uns sicherlich noch.«
»Ja, natürlich. Vielen Dank noch mal«, antwortete Tilla und sah ihm nach. An seinem Haus angekommen begrüßte er eine sehr schmale Frau mit kurzen dunklen Haaren. Tilla schloss nachdenklich die Tür. Trotz dieser Narbe im Gesicht sah dieser Mann recht gut aus. Die plötzliche Stille umgab sie wie ein schlechter Geruch. Nun bedauerte sie es, dass sie ihn nicht hineingebeten hatte. Doch dann maßregelte sie sich selbst: »Quatsch! Was hätte wohl seine Freundin dazu gesagt. Wahrscheinlich hatte dieser römische Imperator recht, mich wegen sexuellen Übereifers zu verurteilen.« Endlich war er zurück, ihr Zorn. Sie stampfte in die Küche.
Gurgelnd meldete die Kaffeemaschine, dass der Kaffee fertig war. Tilla öffnete den Küchenschrank, um sich einen Becher herauszuholen, doch ihre Hand verharrte in der Luft. Eine einzelne Tasse mit goldenen Ranken auf türkisfarbenem Grund stand dort. Verwundert nahm sie die Wedgwood-Tasse in die Hand. Eine zweite Tasse? Hier im Schrank? Das Wedgwood-Porzellan gehörte in die Vitrine im Wohnzimmer. Sie musterte die Tasse nachdenklich. Innen waren noch hellbraune Schlieren zu sehen. Jemand hatte sie nur flüchtig abgespült und in den Küchenschrank gestellt. Die Polizei? Das konnte nicht sein. Hätten dort zwei Tassen auf dem Tisch gestanden, hätten die doch sicher nach dem Besucher gefahndet. Hatte Tilla damals eine zweite Tasse gesehen? Hatte dieser Kamenz eine zweite Tasse erwähnt? Nein, da war sich Tilla sicher.
Einer Eingebung folgend wickelte sie auch diese Tasse zusammen mit der Untertasse in Zeitungspapier. Sie starrte das Paket sinnend an. War das die Lösung? Ein Besucher? Hatte der ihre Mutter zu diesem Entschluss getrieben? Oder gar gezwungen?
»Vielleicht sollte die Polizei davon erfahren«, murmelte Tilla nachdenklich. Sie stellte das verpackte Geschirr in die Ecke der Küchenbank und beschloss, sie in allernächster Zeit zur Polizei zu bringen. Tilla füllte ihren Kaffeebecher, warf einen scheelen Blick auf die Sitzecke, an der ihre Mutter gestorben war, und ging mit dem Kaffee ins Wohnzimmer.
Lustlos blätterte sie die Post ihrer Mutter durch und ließ sie auf dem Wohnzimmertisch liegen. Ihr Blick fiel auf ihre Handtasche, aus der ein Packen brauner Umschläge ragte. Ihre Mutter hatte ihr in den vergangenen Monaten regelmäßig weitere Fortsetzungen von der Harcylugh-Geschichte geschickt. Offenbar hatte Hedera wieder angefangen, an ihrer Sagensammlung zu arbeiten. Die Historie und die Sagenwelt zu verbinden, war immer Hederas große Leidenschaft gewesen. Und dann plante sie die eigene Beerdigung? Tilla ließ den Kopf hängen.
Als sie den Blick wieder hob, starrte sie auf die Vitrine mit dem restlichen Wedgwood-Porzellan. Die Polizei würde sagen, dass ihre Mutter einfach zu faul gewesen war, die Tasse ins Wohnzimmer zu bringen. Tilla wusste es besser. Hedera hatte an ihrem letzten Tag im Leben einen Besucher gehabt. Jemand, der versucht hatte, seinen Besuch zu vertuschen. Wer tat so etwas? Ein Mörder?
Nein, das konnte nicht sein. Den giftigen Sud hatte eindeutig ihre Mutter gekocht. Wer hatte schon Eisenhut in seinem Besitz? Oder eine Verabredung zum gemeinsamen Selbstmord? Es war aber keine zweite Leiche da. Hatte dieser rätselhafte Besucher sie zum Selbstmord getrieben? Oder nur vorgegeben, das Gift zu trinken? Hatte er sie ermordet? Mit Giftsud, den Hedera selbst gebraut hatte?
Tilla erstickte in Fragen, auf die sie keine Antwort wusste.
Bei den Celtae sind sowohl die Welt als auch die Seele des Menschen unvergänglich. Aber eines Tages werden nur noch Wasser und Feuer herrschen.
– Strabon IV, 4 –
Nach seiner Rückkehr von den Feuerklippen sammelte Thurizan die Seinen um sich. Er erzählte ihnen von seiner Zwiesprache mit den Göttern und ließ den Stein herumgehen. Fehuz, die Rune des Feuers, die darin zu sehen sei, stehe für einen Neuanfang, erklärte ihnen der alte Druide. Für Neuanfang, aber auch für Kampf. Aus dem Feuer werde er eine Waffe entstehen lassen, mächtiger als alle Waffen der Feinde zusammen. Gemeinsam dankten sie den Göttern für deren Rat. Alle betrachteten den Stein voller Ehrfurcht und nickten einträchtig. So deutliche Götterzeichen waren selten.
Thurizan kannte jeden Winkel seiner Heimat. Er wusste genau, wo er jenes Gestein fand, welches Metall enthielt. Es brauchte nur einen einstündigen Marsch, es zu finden. So brach er mit den Männern des Dorfes auf, um Erz zur Waffenherstellung zu bergen. Dieses Mal sammelten sie nicht, wie sonst, das Gestein mit den hellen Spuren des silbrigen Mondmetalles, sie suchten nach dunklem Erz mit roten Spuren darin. Es enthielt ein Metall, hart wie Alisannos’ Fels. Fast zwei Monde lang hatten alle zu tun, bis unzählige Körbe hin und her gewandert waren und ein großer Berg des schweren Erzgesteins vor dem irdenen Ofen im Dorf lag. Frauen und Kinder zerstießen das Erz in kleine Stücke.
In der Vollmondnacht des Gottes Lugh, der Nacht des Feuers, heizte Thurizan den irdenen Ofen mit geschwärztem Holze aus neunerlei Bäumen. Der Rauch stieg auf und Thurizan betrachtete ihn prüfend. Er wartete, bis die wirbelnde Säule weißer und grauer kleiner Wolken eine gerade Linie ergab. Nun wusste er, die Himmelsgöttin Brigidh nahm seines Feuers Atem ohne Umwege auf und schenkte ihnen damit ihr Wohlwollen. Nach einer Zeit begann Thurizan das zerkleinerte Gestein in den Schlot des Schmelzofens zu füllen. Weise in seinem Handwerk blies er die Glut, hielt inne, blies wieder und hielt wieder inne. Nach einer Weile prüfte er die Temperatur und betrachtete dazu die Glut. Alle sahen ihm interessiert zu. Er erklärte den Seinen, dass ihm die Farbe der Flammen verriet, wann jene Hitze erreicht sei, an dem das Eisen aus dem Erze zu rinnen beginne. Lächelnd wies er auf eine Grube unterhalb des Lehmschlotes. Unter großem Jubel der Dörfler begann sie sich mit einer feurigen Masse zu füllen, die sich einer Schlange gleich aus dem Rennofen wand. Die Fließfähigkeit des heißen Metalls behagte Thurizan wohl und er wusste, dies würde auch ohne Magie eine starke Waffe werden. Thurizan hatte weitere Erze mit anderen Mineralanteilen gesammelt, die, in wohl bemessenen Mengen dazugegeben, dem späteren Schwert genau die richtige Dichte zwischen spröde und biegsam geben würden. Keine andere Klinge würde dieses Schwert zum Bersten bringen, wohl aber vermochte diese Klinge ein anderes Schwert mit einem beherzten Streich zu entzweien.
So schmiedete der Druide die mächtige Waffe aus den Schätzen des Harces, welche ihm durch den Herrn der Elemente gegeben. Und Crodo war großzügig in seinen Gaben gewesen. Immer wieder hatte Thurizan das Schwert dem heiligen Feuer anheimgegeben und seine machtvollen Worte in den Rauch geraunt. Als letzten Schritt schmiedete er am Ende des Griffstückes eine eiserne Klaue aus kunstvollen Ranken, die den Sonnenstein sicher an seinem Platze hielt und doch genug des Lichtes hindurch ließ, auf dass das Zeichen des Feuers zu sehen sein würde. Nun war es vollbracht. Ein Kleinod von unvergleichlicher Schönheit und von großer Macht war entstanden. Ein Schwert nach Manier der Celtae, länger als das Gladium der Römer, schwerer als derer viere, glänzend, als habe der Sonnengott Belenus höchstselbst es berührt, der Griff verziert mit dem Metall des Mondes, endend in dem magischen Stein, der Feuer spie, wurde das Schwert in großem Zorn geführt.
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