Eine solche Nachlässigkeit verletzte Papa mehr, als der Tod es je hätte tun können.
Er wollte eigentlich zurück nach Chinn Ridge in Virginia, wo alles um seinen Tod herum von der Wärme und dem Staub der Road Songs sowie von einer gewissen Süße durchdrungen gewesen wäre. Hier lagen heimliche Erinnerungen, wie Schätze versteckt in den schwellenden, ockerfarbenen Hügeln. Auch Leute hatte er in diesen Hügeln. Die meisten von ihnen waren schon lange tot, aber manche lebten noch und erzählten von Dingen, die nur er noch wissen und beurteilen konnte. Ob wahr oder falsch, konnte nur er sagen. Mein Papa sehnte sich danach, von Menschen umgeben zu sein, die ihm seinen Raum ließen. Zum Schluss war er aber einfach zu schwach für die Reise.
So sehr er sich auch anstrengte, das letzte Flüstern des Winters abzuwarten und davonzukommen, starb mein Papa kalt. Zitternd wie ein Windhauch starb er in seinem Bett, während meine Mutter, die die Sonne war, an seinem Kopf stand und immer wieder »Pennies from heaven« auf dem Grammophon abspielte, um ihn zu wärmen. Mit Branntwein und Musik bekämpfte sie seine Fieberschauer, denn die Depression war in dem Jahr so unerbittlich, dass wir einfach keine Zusatzdecke mehr hatten. Ohne nachzudenken, hatte ich all unsere Decken an meine Patienten weggegeben, eine nach der anderen. Ich war eine derart schlechte Tochter, dass ich nicht einmal eine einzige warme graue Decke behalten hatte, auf der mein Vater sterben konnte.
Ich schämte mich für meinen Egoismus und meine Gedankenlosigkeit. Um all das irgendwie wettzumachen, umsorgte ich ihn und versuchte Sachen aufzutreiben, die er nicht brauchte: eine gar nicht jahreszeitliche Aprikose, ein wenig weichen, himmelblauen Kattunstoff, Tannenzapfen, die er sich über den Bart und die runden, geröteten Wangen streichen und anschließend auf die Kohlen im Ofen werfen konnte. Die Wohnung roch dann nach Holz, so wie er es als Junge gekannt hatte. Er lächelte und ließ mich all diese Dinge tun, denn er liebte mich mehr, als ich je gedacht hatte, ihn zu lieben. Aber mir war klar, dass ich ihn vernachlässigt hatte. Ich war abgelenkt gewesen durch meine Arbeit, in meine eigenen Gedanken verkrochen und mit anderen Dingen beschäftigt. Ich hatte einfach nicht Acht gegeben.
Jedes Mal, wenn meine Mutter an seinem Bett vorbeiging, formte Papa mit seinem Mund ihren Namen … Lulu . Sein Blick folgte ihr und verschlang, was er kriegen konnte – ihre schwarzen Augen, ihre butternussfarbene Haut, ihre Ruhe.
Um ihr nahe zu sein, weilte sein Geist immer noch im Raum, als er sich körperlich schon lange verabschiedet hatte. Papas Fleisch war da schon aufgedunsen, fett und überreif vom Verfall. Trotzdem blieb er. Nach einer Weile begann sich meine Mutter Sorgen zu machen, nicht um das Wohlbefinden seines Körpers, sondern um den Weg seiner Seele. Eines Abends schließlich setzte sie sich an den Rand seines Bettes und nahm seine Hand. Sie beugte sich über ihn, küsste seine Augenlider und flüsterte: »Es ist gut, William. Du kannst gehen. Geh.«
Sie erlöste ihn.
Und er, nach all der Warterei, ging einfach.
Kein Wort wurde mehr zwischen ihnen gewechselt, nur ein Blick, mit einem Ausdruck des Erstaunens, der sich über Vaters Gesicht legte, als er losließ. Es war ein Ausdruck der Dankbarkeit der sagte, es sei ihm nicht klar gewesen, dass Sterben so leicht sein kann.
Meine Mutter sprach erst wieder, als wir Papa in der Kirche aufgebahrt hatten. Sie strich seine Haare glatt und zog seine Krawatte fest, wie um ihn auf die Härte des Erdbodens vorzubereiten. Aber auch da konnte sie nur sagen: »Wenn die Schatten fliegen, bedecken sie die Steine unter sich. Denk dran, May.«
Dann verschwand alles Negroide aus ihrem Gesicht, und sie wurde eine Chickahominy, so still, dass ich ihren Atem nicht mehr hörte, so uralt und gewaltig, dass ihre Gegenwart sich so unausweichlich und doch unberührbar anfühlte wie der morgendlich violette Himmel. Als schwarze Frau zeterte und sang sie, schaute sie einen scharf an. Als Chickahominy war sie frei. Lulu wurde immer dann eine Chickahominy, wenn sie auf meinen Vater wütend war. Als sie nun am Fußende des Sarges stand, die Hände in die Seiten gestemmt, und frei wurde, war mir klar, dass auch sie ihn vermisste.
Nach einer Weile fragte ich: »Was willst du damit sagen, Mama?«
Nicht, dass ich das unbedingt wissen wollte, aber die unglaubliche Dauer ihrer Einsamkeit war einfach zu viel für mich. Ich wollte ihr das abnehmen, es wie eine Stoffbahn in meinen Armen abrollen. Ich wollte den gedämpften Bumms hören, wenn sie wirbelnd und drehend auf dem Boden zu meinen Füßen aufschlug. Aber ich konnte nicht. Der Raum, den sie füllte, war zu groß, zu dicht, mehr wie das fließende Wasser eines Flusses als wie irgendein trockenes Stück Stoff.
Neben meiner Mutter zu stehen, fühlte sich an, wie mit den Füßen durch den Sand am Grunde eines Stromes zu waten. Ihre Einsamkeit nahm noch zu und erfüllte das reifende Rot des Teppichs, den samtigen Faltenwurf der Vorhänge und sogar die grauen Aufschläge von Papas Anzug. Sie seufzte ganz leicht, und ich merkte, dass dies eine Mal ihre Erinnerung an meinen Vater rein gar nichts mit mir zu tun hatte.
»Ich glaub«, erwiderte sie langsam, »ich meine einfach, man kann die Vergangenheit nicht von der Gegenwart trennen.« Sie griff hinter sich, streckte sich energisch und seufzte noch einmal. »Na ja, immerhin war das eine gute Liebe, und sie hielt lange. Viel mehr kann man nicht verlangen.«
Ich war da anderer Meinung, sagte aber nichts. Das musste ich auch nicht – sie wusste bereits, was ich dachte. Sie wusste das immer. Die letzten vierzig Jahre hatte sie es gewusst.
Wie zum Beweis hüstelte Mama höflich in ihren Handrücken, hob den wollenen Saum ihres Hauskleides und humpelte Richtung Hinterausgang. Als sich die Tür öffnete, spürte ich einen Luftzug durch den Bestattungsraum wehen. Er fuhr durch die schweren Vorhänge, hob die alten Spitzendecken von den Mahagonitischen in der Ecke, wirbelte durch die Sitzreihen – ein Luftzug mit genügend April darin, um Schmetterlinge zu fangen. Trotz der Kälte hatte mein Vater es geschafft, für seine Beerdigung einen Nachmittag hinzukriegen, der viel zu schön war für die Jahreszeit. Ich musste lächeln.
»Ich seh mal kurz nach dem Wagen. Bin gleich zurück, Ladybug.«
Der Kutschwagen stand hinten schon bereit und wartete darauf, uns von Harlem zum Woodlawn-Friedhof in der Bronx zu bringen. Das wussten wir beide. Aber so gab sie mir Gelegenheit, einen Moment lang allein zu sein und mich meiner Trauer hinzugeben.
Ich starrte hinunter auf meinen Vater William und berührte seine weiche, feste, bleiche Haut. Mein Vater hatte sich geweigert, die gekringelten Äderchen um seine Nase und auf seinen Wangen zur Kenntnis zu nehmen. In meinen Gedanken sah ich in seine strahlenden, haselnussbraunen Augen, und ich nahm mir einen Moment Zeit, mich daran zu erfreuen, wie sie tanzten.
Es waren seine Augen. Die gaben den Ausschlag. Als ich schließlich nicht mehr so tat als ob, sondern wirklich hinuntersah auf seine Augen. Die eingesunkenen Lider, von Adern durchzogen, so zerbrechlich, wie Papier, als ob mein Finger, würde ich auch nur leicht draufdrücken, geradewegs hindurch stoßen würde. Da dämmerte es mir, dass mein Vater mich nie wieder ansehen würde. Es war vorbei. Er war von uns gegangen.
Für einen Augenblick dachte ich, ich sei tot. Es wurde schwarz um mich – kein Licht mehr, kein Geräusch, kein Atem, keine Haut. Kein Herzschlag, kein Schmerz. Und aus dem Nichts, aus dieser Abwesenheit aller Dinge erwuchs ein Gedanke, nicht aus mir heraus, sondern von irgendwo anders her, ein Kinderspielzeug auf dem Ozean, das langsam vorbeizog: Das ist wunderbar .
Ein Schmerz brach aus im Inneren meines Körpers. Er explodierte mit einem fürchterlichen Schlag, der mich zusammenknicken ließ, als hätte man mich in die Brust getreten, stärker als Papa je gewagt hatte, mich zu schlagen. Ich brach über dem Sarg zusammen, krallte meine Fingernägel in seine Seitenkerben und verharrte ohne sicheren Halt, zitternd vor Schmerz. Ich wollte laut weinen für meine Mutter, tat es aber nicht. Ich konnte nicht. Stattdessen öffnete ich mich für die Trauer. Ich ließ sie hereinkommen und mich abwaschen, reinigen.
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