Junger Wald kann wieder wachsen
Nach einigen Jahren war das Rot- und Rehwildproblem gelöst. Der Rotwildbestand wurde bis 1975 im Nationalpark auf 120 Tiere im Winter reduziert. Die Rehe wanderten in der schneereichen Jahreszeit ins Vorfeld. Dass wir unsere Pläne umsetzen konnten, war der Entscheidung von Minister Eisenmann zu verdanken, der 1971 die Zuständigkeit für die Tiere des Parks an das Nationalparkamt übertragen hatte.
1974 kam in der Regierung von Niederbayern in Landshut die Idee auf, mit der Abruzzen-Region in Italien ein Partnerschaftsabkommen zu schließen. Der Nationalpark Bayerischer Wald und der Abruzzen-Nationalpark sollten darin eine wichtige Rolle spielen. Mit einem Festakt wurde 1975 im Bayerischen Wald eine Patenschaft zwischen beiden Nationalparken beschlossen. 1974/75 wurden 19 Stück Rotwild als Patengeschenk in den Abruzzen-Nationalpark transportiert. Sie fühlten sich in der Bergregion, in der es noch Wölfe und Bären gab, offensichtlich sehr wohl. Die Hirsche haben sich rasch vermehrt, so dass heute dort wieder einige hundert Stück Rotwild leben. Gemeinsam mit Horst Stern habe ich 1978 in den Abruzzen an einem sonnigen Nachmittag eine eindrucksvolle Hirschbrunft erlebt. Da dort seit Jahrzehnten nicht mehr gejagt wurde, sind die Großtierarten nicht mehr so scheu und lassen sich auch tagsüber beobachten. Sogar ein Bär zeigte sich eines Abends.
Allerdings kam der Transport von Bayerwaldhirschen nach Italien nicht bei allen gut an. Im Magazin „Stern“ wurde darüber berichtet, dass eine Vertreterin des „Kampfbundes gegen den Missbrauch der Tiere“ den für die Ausbürgerung zuständigen Ulrich Wotschikowsky beschimpfte, weil er es wage, „deutsche Hirsche italienischen Wölfen zum Fraß vorzuwerfen.“
Was ich damals noch nicht ahnte und was wir im Nationalpark Bayerischer Wald im Laufe der Jahre lernten, war die Tatsache, dass das Rot- und Rehwildproblem nur für Wirtschaftsforste gilt. In Naturwäldern, in denen Windwürfe und tote Bäume liegen bleiben, können Rehe und Hirsche nicht überall hinsteigen. So können genügend junge Bäume einzeln oder gruppenweise ohne Verbiss aufwachsen. Es entsteht auf diese Weise ein strukturreicher, ungleichaltriger, wilder Wald von viel größerer Stabilität als die Wirtschaftsforste. Naturwälder im Schutzwaldbereich der Hochgebirge dort, wo noch Wirtschaftsforste vorhanden sind, wieder entstehen zu lassen, wäre wohl eine bessere und billigere Lösung als die heute dort übliche „Schutzwaldpflege“, vorausgesetzt, die viel zu hohen Wildbestände würden zunächst aber einmal angemessen reduziert.
4|ZWEI SCHRITTE VOR – EIN SCHRITT ZURÜCK
DER WEG ZUM WILDEN WALD BEGINNT
In manchen katholischen Regionen gab es einst die sogenannte Springprozession: Zwei Schritte vor – einen Schritt zurück… Ähnlich mühsam gestalteten sich die Veränderungen, die nötig waren, ehe aus dem bewirtschafteten Forst schließlich ein sich selbst überlassener Wald im Nationalpark wurde.
1840 wurden im Bayerischen Wald, nachdem sie in Staatsbesitz übergegangen waren, erstmals die damals vorhandenen Waldtypen dokumentiert. Dreiviertel der Flächen wurden als Urwald bezeichnet. Oberhalb 1.100 Meter wuchsen noch ursprüngliche Bergfichtenwälder. Die Hanglagen waren mit Fichten-Tannen-Buchen-Bergmischwäldern bedeckt. In den kalten Talmulden und an den Moorgebieten gab es sogenannte „Aufichtenwälder“, weil es dort für die Rotbuche zu kalt und zu nass war. Der Tannenanteil der Wälder im Nationalparkgebiet betrug damals 24 Prozent. Um 1850 begann nach Erlass von Wirtschaftsregeln für den Bayerischen Wald eine systematische Forstwirtschaft. Sie führte in wenigen Jahrzehnten zu einem massiven Rückgang der Weißtanne, deren Anteil zur Zeit der Nationalparkgründung nur noch vier Prozent betrug. Die strukturreichen ursprünglichen Wälder wurden großflächig in gleichaltrige Fichtenforste umgewandelt.
Als wir uns im Frühjahr 1970, wie bereits erwähnt, ein erstes Bild von den Waldbeständen im Nationalpark machten, stellten wir fest, dass die ursprünglichen Fichten-Tannen-Buchenwälder nur noch auf wenigen hundert Hektar existierten. Nur fünf Prozent dieses Bergmischwaldes waren erhalten geblieben. Anfang 1971 erklärte sich das Ministerium einverstanden, dass auf den Bergmischwald-Flächen keine alten Bäume mehr gefällt werden sollten. Minister Eisenmann entschied auf unseren Vorschlag hin außerdem, dass keine weiteren Forststraßen mehr gebaut werden durften. 115 Kilometer LKW-befahrbare Forststraßen waren damals noch geplant. Dadurch wurde der Einschlag in den noch nicht mit Forststraßen erschlossenen Waldbeständen, vor allem im Bergfichtenwald, eingeschränkt. So erreichten wir, dass die Forstamtsleiter – vor allem die der Staatsforstämter St. Oswald und Mauth-Ost ärgerte es besonders – in den naturnahen, ursprünglichen Altbeständen keine Bäume mehr fällen lassen durften. Oberforstmeister Franz Cronauer vom Staatsforstamt St. Oswald führte im Oktober 1971 aber trotzdem einen großen Kahlschlag im alten Bergfichtenwald am Lusen im „Naturschutzgebiet Simandlruck“ durch. Er ließ das Stammholz mit Pferden und Schleppern durch die angrenzenden Waldbestände talwärts zu den Forststraßen ziehen.
Im „Grafenauer Anzeiger“ wurde über den Kahlschlag am Lusen und die „Empörung“, die er hervorrief, ausführlich berichtet. In einem Leserbrief begründete Franz Cronauer den Kahlhieb dann damit, dass in dem „Vollnaturschutzgebiet“ die „ordnungsgemäße forstwirtschaftliche Nutzung uneingeschränkt zulässig“ sei. Bei einer Ortsbesichtigung bedauerte Ministerialdirektor Hermann Haagen zwar den Einschlag, wies aber die „Angriffe“ der Naturschützer als „maßlos übertrieben“ zurück. Landrat Karl Bayer aus Grafenau meinte: „Dieser Nationalpark gehört dem gesamten Volk und nicht einem Oberforstmeister. Wer gegen diesen Nationalpark handelt, der soll und muss aus dem Nationalpark verschwinden.“
Wir hatten zu der Zeit auch Besuch von Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl, haben ihn zum Lusen begleitet und ihm diesen Kahlschlag gezeigt. Auch er war entsetzt über dieses Vorgehen in einem Nationalpark. (Übrigens ist es auch heute noch immer in großen Naturschutzgebieten in den Bergwäldern der Bayerischen Alpen erlaubt, Holznutzung durchzuführen, und die Bayerischen Staatsforsten betreiben diese auch alle Jahre wieder mit der fadenscheinigen Begründung, damit würden naturnähere Waldbestände geschaffen!)
In den Jahren 1970 und 1971 wurde von der Oberforstdirektion Regensburg zusammen mit den fünf Staatsforstämtern vor Ort ein „Waldpflegeplan“ – so wurde das Forsteinrichtungswerk benannt – für das Nationalparkgebiet erarbeitet. Er sollte für die nächsten zehn Jahre, vom 1. Januar 1972 bis zum 1. Januar 1982, gelten. Wir vom Nationalparkamt hatten darauf kaum Einfluss. Immerhin wurde aber der Jahreshiebsatz im Nationalparkgebiet, der in den 60er Jahren bei 68.000 Festmeter pro Jahr lag, auf 55.000 Festmeter reduziert. Tatsächlich betrug er dann in den ersten zehn Jahren im Durchschnitt nur 45.000 Festmeter, bei einem Zuwachs von über 80.000 Festmeter pro Jahr. Dass es dazu kam, war vor allem Dr. Hubert Zierl als neuem Leiter des Nationalparkforstamtes St. Oswald zu verdanken. Darüber später noch mehr.
Nach Inkrafttreten des Waldpflegeplans wurde vom Landwirtschaftsministerium öffentlich behauptet, dass die „nicht genutzte Fläche“ im Nationalpark über 4.000 Hektar betragen würde. Tatsächlich waren es nur 1.800 Hektar. Aus 1.320 Hektar war wegen fehlender Rückewege und Forststraßen kein Holzab-transport möglich und nur 480 von 13.000 Hektar wurden um des Naturschutzes willen als Naturwaldbiotope geschützt. Im Dezember 1976 stellte ich den Antrag, auf weiteren 1.800 Hektar naturnaher Altbestände in felsigen Regionen und auf Feuchtgebieten den Holzeinschlag einzustellen. Der Antrag wurde abgelehnt. Noch im November 1977 vertrat der zuständige Ministerialrat Seitschek bei einer Inspektion des Ministeriums die Auffassung, dass „der Landtagsbeschluss von 1969, den Wald naturgemäß zu pflegen, für die ganze Fläche des Nationalparks verstanden werden müsse. Wenn nach dem gegenwärtigen Stand auf rund 2.500 Hektar keinerlei Nutzungen mehr stattfänden, so gehe dies bereits zugunsten des Naturschutzes über die ursprüngliche Konzeption hinaus.“
Читать дальше