Mit anderen Worten: Die Neuausrichtung des römischen Steuersystems, die den Ausbau des Militärapparats finanzieren sollte, führte unter den Eliten zu einer komplett neuen Organisation ihrer politischen Prioritäten: Die Beteiligung im Stadtrat verlor an Attraktivität, stattdessen drängten die Eliten in den kaiserlichen Dienst. So entstand innerhalb des Imperiums eine ganz neue Personalstruktur, die um einen kolossalen Fluss fiskalisch erzeugten Reichtums herum organisiert war. Detaillierte Aufzeichnungen darüber existieren keine, aber es erscheint immerhin plausibel, dass der Kaiser am oberen Ende und die lokalen Machthaber weiter unten in der Hierarchie die Möglichkeiten der maximalen politischen Einflussnahme manipulierten – ganz so wie König Johann Ohneland und später sein Sohn Heinrich III. im England des 13. Jahrhunderts. Dort wurde über alle Summen, die die Groß- und Kleingrundbesitzer aus diversen Gründen der Krone schuldeten, Buch geführt, aber eine Analyse im Jahresvergleich zeigt, dass die Summe, die ein Individuum dann tatsächlich zu zahlen hatte, zu einem erheblichen Teil von politischem Kalkül abhing. Personen, die beim König oder seinen hohen Beamten wohlgelitten waren, mussten selbst dann, wenn sie eigentlich gewaltige Schulden hatten, nur geringe Summen zahlen. Wer es sich aber mit der Obrigkeit verscherzte, von dem verlangte der Staat, dass er seine Schulden sofort komplett beglich. 39
Das Römische Reich – und sogar nur die östliche Hälfte ab 476 – war viel größer als das mittelalterliche Königreich England, wo es nach 1066 nur rund 2000 bedeutende Grundbesitzer-Familien gab. Die römischen Kaiser hatten somit an einem viel kleineren Anteil der Elite ihres Reiches ein direktes Interesse als Johann Ohneland; stattdessen hing das Schicksal vieler eher von den zwischengeschalteten kaiserlichen Beamten ab. Aber die Grundprinzipien waren hier und da durchaus vergleichbar. Die Besteuerung der besonders wohlhabenden und gut vernetzten Bürger ist stets eine Angelegenheit von großer politischer Relevanz, und das neue Steuersystem des späten Kaiserreichs sorgte dafür, dass sich der Fokus der lokalen politischen Eliten darauf verlagerte, sich so zu vernetzen, dass man auf möglichst effiziente Weise durch das neue System navigieren konnte.
So sah, grob umrissen, das politische System des oströmischen Kaiserreichs aus, das Justinian 527 erbte. Das Berufsbild des Kaisers hatte noch weitere wichtige Komponenten, insbesondere war er für die Aufrechterhaltung der religiösen Orthodoxie und der für die civilitas notwendigen Strukturen zuständig, doch tendenziell zeigte sich vor allem auf dem Schlachtfeld, ob ein kaiserliches Regime Bestand haben würde oder dem Untergang geweiht war. In ideologischer Hinsicht war der militärische Sieg der ultimative Härtetest der Legitimität des Monarchen. Die Armeen des Kaisers konnten nicht verlieren, wenn der göttliche Schöpfer des Kosmos seine Hand über ihren Dienstherrn hielt, doch das tat er nur, falls der jeweilige Kaiser wirklich für seine Aufgabe geeignet war. Jede militärische Niederlage rief daher sofort Gegner des Kaisers auf den Plan, die seine Legitimität anzweifelten, und heizte unter den Mächtigen die immerwährende politische Diskussion an, was immer wieder in handfeste Verschwörungen mündete. Zudem konnte das Regime sich durch militärische Erfolge vor äußeren und inneren Feinden schützen. Doch die immensen Kosten für den ausgebauten und umgestalteten Militärapparat der römischen Spätantike sorgten zugleich dafür, dass die fiskalischen und administrativen Strukturen des Staates komplett neu organisiert wurden, und das veränderte von Grund auf die Art und Weise, wie sich die Elite des Imperiums politisch engagierte.
Der Erfolg oder Misserfolg jedes einzelnen Kaisers hing davon ab, inwieweit er in der Lage war, diese Systeme und die darin vorherrschenden Bedingungen zu nutzen, um effektiv auf die Bedrohungen und die Chancen zu reagieren, die sich während seiner Herrschaft ergaben. Die Expansionspolitik von Kaiser Justinian testete die Strukturen des Reiches bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit aus – und wie viele fanden, sogar darüber hinaus. Bevor wir uns jedoch mit diesem Thema befassen können, müssen wir zunächst einmal die politischen Prozesse untersuchen, die Justinian auf den Thron brachten, und die Auswirkungen dieser Prozesse auf die Entwicklung der politischen Strategien seiner Regierung.
3
Regimewechsel in Konstantinopel
Am 1. August 527 folgte Justinian seinem Onkel und Adoptivvater Justin I. auf den Thron und wurde Kaiser der römischen Welt. Eine Überraschung war das nicht, schließlich hatte Justin ihn bereits am 1. April zum Mit-Augustus erklärt und Justinian damit formell einen Teil der Herrschaft übertragen. Drei Tage später war Justinians Frau Theodora zur Augusta gekrönt worden. Es war das erste Mal, dass ein direkter Nachkomme des Kaisers den Thron von Konstantinopel übernahm, seit der junge Theodosius II. im Jahr 408 seinem Vater nachgefolgt war, vor nunmehr fast 120 Jahren.
Um die schwierige politische Vorgeschichte zu verstehen, die Justinian zu einem direkten, aber dennoch höchst ungewöhnlichen Thronerben machte, und nachzuvollziehen, wie sehr diese Vorgeschichte die ersten politischen Entscheidungen seines Regimes diktierte, werfen wir zunächst einen Blick auf die Regierungszeit des unmittelbaren Vorgängers seines Onkels: Anastasios I.
Anastasios, der glücklose Kaiser
Ein ausführlicher Bericht über die Wahl von Anastasios zum Kaiser ist in einem Text aus dem 10. Jahrhundert, dem sogenannten Zeremonienbuch, überliefert. Nachdem im April 491 der isaurische Kaiser Zenon gestorben war, begab sich dessen Witwe Ariadne, die Tochter von Zenons Vorgänger Leo I., zum Hippodrom, das 100 000 Zuschauer fasste. Es war wahrscheinlich voll besetzt, wie bei einem Anlass wie diesem üblich, wenn die Kaiserin vor die versammelte Bevölkerung der Reichshauptstadt trat, um sie zu fragen, was sie von ihrem neuen Kaiser erwartete. Die Untertanen kommunizierten mit ihrer Kaiserin in Form von Zurufen. Es begann ganz konventionell:
Ariadne Augusta, mögest du siegen!
Heiliger Vater, gib ihr ein langes Leben!
Herr, erbarme dich!
Viele Jahre für die Augusta!
Bis hierhin erinnerte das Ganze stark an die Akklamationen, mit denen die versammelten Senatoren Roms am Weihnachtstag 438 die Veröffentlichung eines neuen kaiserlichen Gesetzesbuches, des Codex Theodosianus, bejubelt hatten. 1Doch genau wie bei der Codex-Zeremonie wurden die Akklamationen bald spezifischer. Die Bevölkerung der Hauptstadt erwartete von ihrem neuen Kaiser zweierlei: Er sollte ein orthodoxer Christ sein, und er sollte ein Römer sein. Diese Wünsche nahm Ariadne mit in den nahe gelegenen Kaiserpalast; ein geschlossener Gang führte von der Königsloge des Hippodroms direkt in den Palastkomplex. Es folgte eine Diskussion mit den versammelten Senatoren, und am Ende wurde vereinbart, dass die Kaiserin die endgültige Entscheidung selbst treffen würde. Ihr Votum fiel schließlich auf den sechzigjährigen Anastasios, einen langjährigen Palastmitarbeiter, der als silentarius für die Überwachung des Personals im Palast zuständig war. Kurze Zeit später heiratete sie ihn, um dem neuen kaiserlichen Regime den Anschein der Kontinuität zu verleihen und es damit zu legitimieren.
Wie bei den meisten öffentlichen Zeremonien der späten Kaiserzeit haben wir Grund zu der Annahme, dass der Austausch zwischen Ariadne und der konstantinopolitanischen Gruppe, der ihr Fokus galt, sorgfältig choreografiert war. Um bei einer solchen Versammlung die Antworten zu bekommen, die man hören wollte, musste man sich vorab an die Zirkusparteien wenden, die das Geschehen im Hippodrom kontrollierten. Diese (die Blauen, Grünen, Roten und Weißen) waren die Fanklubs der großen Wagenrennteams, zugleich aber Mafia-ähnliche Organisationen, die in »ihrem« Teil der Stadt eine ganze Reihe von Geschäften entweder selbst betrieben oder zumindest am Gewinn beteiligt waren. Im Gegenzug sorgten sie in der Stadt für Recht und Ordnung. Wenn man wollte, dass die Menschen im Hippodrom etwas Bestimmtes brüllten, musste man den Chefs der Zirkusparteien ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen konnten. Meistens ging es um Geld, aber in diesem Fall deuten die Akklamationen auf etwas Spezifischeres hin.
Читать дальше