Die wichtigste Schnittstelle zwischen den Zirkusparteien und der kaiserlichen Regierung war der Stadtpräfekt, so etwas wie Konstantinopels (ernannter, nicht gewählter) Bürgermeister. Die Art und Weise, wie der Präfekt die Stadt regierte, berührte stets die grundlegenden Interessen der Zirkusparteien. Bevor sie das Volk fragte, was es vom neuen Kaiser erwarte, hatte Ariadne es gefragt, was es von ihr erwarte. Die Leute riefen, sie wollten einen neuen Präfekten, und Ariadne – so war es mit Sicherheit vorher abgesprochen – stimmte zu. 2
Die Forderung, der neue Amtsinhaber solle »Römer« sein, hatte in diesem Kontext eine ganz besondere Bedeutung. Sie bedeutete nämlich im Umkehrschluss, der Kaiser solle nicht wie Ariadnes verstorbener Mann Zenon ein Außenseiter aus Isaurien sein. Vor allem einen ganz prominenten Thronanwärter sollte diese Formulierung ausschließen: Longinus, Zenons Bruder. Longinus war mit Zenon durch dick und dünn gegangen – er hatte praktisch dessen gesamte Regierungszeit lang verzweifelt dafür gekämpft, seinem Bruder die Macht zu sichern; er verbrachte sogar zehn Jahre als Geisel in den Händen von Zenons Widersacher, dem isaurischen Kriegsherrn Illus. Als Longinus 485 endlich seine Freiheit wiedererlangte, wurde er von Zenon großzügig belohnt: Er wurde zum kommandierenden Feldherrn der höherrangigen der beiden Praesentalis-Armeen ernannt, bekleidete also nun den höchsten militärischen Rang im Reich, und zum Konsul für das Jahr 486. Zwischen 485 und 491 war er eine prominente Figur im öffentlichen Leben und eines der führenden Mitglieder des kaiserlichen inner circle aus Isaurern. Zu diesem gehörte noch ein weiterer Isaurer namens Longinus; dieser kontrollierte in der zweiten Hälfte von Zenons Regierungszeit (484–491) als oberster Verwaltungsbeamter (magister officiorum) einen Großteil der kaiserlichen Bürokratie. Die übliche Amtszeit für eine solche Stelle betrug tendenziell eher ein, zwei Jahre, nicht sechs oder sieben.
Wenn man also im Hippodrom 100 000 Menschen brüllen ließ, sie wollten einen »echten« Römer als nächsten Kaiser, dann bedeutete das nichts anderes, als dass Longinus aus dem Rennen war. 3Mit anderen Worten: Die Versammlung im Hippodrom war Teil eines sorgfältig inszenierten Staatsstreichs, den Ariadne und ihre Verbündeten in einem ganz entscheidenden Moment des Thronfolgeprozesses initiierten.
Trotzdem war die Strategie der Kaiserin keine sichere Bank: Denn es war immer möglich, dass jemand anderes den Zirkusparteien ein noch besseres Angebot machte; daher konnte man vorher nie genau wissen, was geschehen würde (wie Hypatius im Jahr 532 feststellen musste). Angesichts dieser brisanten Vorgänge ist es fast ein wenig ungerecht, Anastasios als »erfolglosen Kaiser« zu bezeichnen. Im Grunde war es allein schon eine große Leistung, dass er im hohen Alter von 87 Jahren friedlich in seinem eigenen Bett starb.
Dass in der Politik in Konstantinopel so viele Isaurer mitmischten, verdankte sich militärischer Notwendigkeit. Angesichts der massiven Übergriffe der Hunnen im 5. Jahrhundert brauchte Konstantinopel neue Truppen, und zwar schnell. Die Isaurer halfen, dieses unmittelbare militärische Problem zu lösen, aber ihre Rekrutierung in die Feldarmeen und die Beförderung ihrer Offiziere hatten enorme politische Konsequenzen. Ab dem Zeitpunkt, als mehrere Isaurer zu Feldarmeekommandanten (magistri militum) aufgestiegen waren, übten sie beträchtlichen Einfluss auf das Kaiserhaus aus. In den 460er-Jahren gab es unter Leo I., Ariadnes Vater, bereits sehr viele Isaurer bei Hofe, und sie waren so tief in die konstantinopolitanische Politik verstrickt, dass der Kaiser sogar seine Tochter mit einem Isaurer verheiratete – um ein Gegengewicht zu einem übermächtigen Feldherrn namens Aspar zu schaffen, der eine besondere Bindung zu der großen Gruppe der thrakisch-gotischen foederati hatte. Am Ende ließ Leo Aspar ermorden (daher Leos Beiname »der Schlächter«). Die thrakischen Goten wandten sich daraufhin von Rom ab, und die meisten von ihnen schlossen sich in den 480er-Jahren der neuen Koalition an, die der Ostgote Theoderich in den 470er- und 480er-Jahren auf dem römischen Balkan ins Leben rief und mit der er 488/489 kurz vor Zenons Tod in Italien einmarschierte. Um 491 waren die Isaurer nicht nur ein stabiles Element in der Politik von Konstantinopel, sie hatten auch jede Menge extreme Kampferfahrung, und sie nutzten ihre langjährigen Beziehungen zu einzelnen Gruppen isaurischer Soldaten dazu, ihre Macht zu sichern. 4
Zenons Aufstieg zur Macht hatte in den 460er-Jahren begonnen, als er sich gegen rivalisierende Feldherren aus den Reihen der thrakischen Goten durchsetzte, um schließlich ins Kaiserhaus einzuheiraten. 474 wurde er alleiniger Kaiser, nachdem sowohl sein Schwiegervater als auch sein Sohn mit Ariadne, Leo II., gestorben waren; aber das war erst der Anfang der Misere. Bis aufs Messer musste er seinen Thron gegen seine Widersacher innerhalb des konstantinopolitanischen Establishments verteidigen – allen voran seine Schwiegermutter, Leos Witwe Verina –, aber auch gegen mehrere Goten und sogar rivalisierende isaurische Kriegsherren wie Illus, der Longinus zehn Jahre lang als Geisel hielt. Zenon selbst verbrachte während der Usurpation von Basiliscus, Verinas Bruder, Mitte der 470er-Jahre achtzehn Monate im Exil in Isaurien; dort hob er eine Armee aus, mit der er am Ende Konstantinopel wieder einnahm. Gegen einen anderen Usurpator, den Feldherrn Leontius, der sowohl von Verina als auch von Illus unterstützt wurde, führte er vier Jahre lang Krieg.
Zenons Herrschaft war geprägt von Exil wie auch von Krieg, Intrigen und Attentaten – alle diese mal mehr, mal weniger erfolgreich. Der springende Punkt ist, was die jetzt anstehende Thronfolge anbelangt: Die Isaurer würden niemals einfach so klein beigeben, nur weil Ariadne und ihre Spießgesellen am Morgen nach Zenons Tod die Menschenmenge im Hippodrom dazu brachten, nach ihrer Pfeife zu tanzen. 5
Binnen eines Jahres trennte das neue Regime Zenons Bruder Longinus von seiner Familie und schickte ihn in die Verbannung in ein ägyptisches Kloster; die übrigen Angehörigen wurden gezwungen, nach Bithynien am Schwarzen Meer überzusiedeln. Aber der andere Longinus, Zenons ehemaliger magister officiorum, war nach wie vor auf freiem Fuß, und Zenons Schergen ließen sich nicht ohne Weiteres aus den inner circles der Macht entfernen.
492 erhob sich ein Großteil der Isaurer innerhalb des Militärapparats gegen den neuen Kaiser. Rädelsführer waren ein gewisser Konon, der früher der Bischof von Apameia gewesen war, und der damalige Statthalter von Isaurien, Lilingis. Es war eine gefährliche Situation, aber das Regime hatte in den östlichen und den Praesentalis-Feldarmeen ausreichend loyale Truppen zur Verfügung, um die Rebellen in der Schlacht bei Kotiaion (dem heutigen Kütahya) besiegen zu können. Lilingis fiel in dieser Schlacht. Der Versuch, mit Gewalt einen neuen Kaiser zu installieren, war nun passé, und die überlebenden Rebellen flohen zurück in die Berge, wo sie im verbliebenen Jahrzehnt immer wieder für Unruhe sorgten. Nach und nach wurden die Anführer der Rebellen aber zur Strecke gebracht. Konon wurde 493 getötet, vier Jahre später wurde Longinus gefasst; seinen Kopf steckten die Häscher auf eine Stange und schickten ihn nach Konstantinopel, wo er mit großem Jubel empfangen wurde. Zwei weitere Rebellenführer, die noch auf freiem Fuß waren (darunter schon wieder ein Longinus), gingen den Truppen des Kaisers schließlich im Jahr 498 ins Netz. Sie brachte man nun lebendig nach Konstantinopel und führte sie durch die Straßen, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben; den dritten Longinus schickte man dann nach Nicäa, folterte ihn und richtete ihn hin. Erst jetzt war der Isaureraufstand endgültig niedergeschlagen. 6
Dass Anastasios’ Regime gleich zu Beginn eine solche Krise meisterte, war keine geringe Leistung. Eine ganze politische Generation einflussreicher Isaurer, die dafür gesorgt hatten, dass im Herzen des Imperiums das Mächtegleichgewicht aus den Fugen geriet, war ausgerottet. Man darf durchaus behaupten, dass Anastasios’ weitere Herrschaft durch sorgfältige und – zumindest für spätantike Verhältnisse – relativ effiziente administrative Kompetenz gekennzeichnet war. Unter anderem gab es eine Steuerreform, im Rahmen derer ein Großteil der bisherigen Sach- in Barzahlungen umgewandelt wurden, was es erheblich erleichterte, Steuern zu erheben und zu verteilen (wenn auch nicht unbedingt zu bezahlen). Die Quellen urteilen durchweg positiv darüber, wie Anastasios das Imperium regierte. 7In einem ganz zentralen Punkt hatte er allerdings überhaupt kein glückliches Händchen: bei der Thronfolge.
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