Der Ausbau der Bürokratie erfolgte zunehmend auch aufgrund des steigenden Drucks seitens der Beamten selbst. Von den 330er-Jahren an versuchten die Kaiser immer wieder einmal, den Prozess zu kontrollieren, doch sie scheiterten regelmäßig und sahen sich infolgedessen gezwungen, die Anzahl der Bürokraten zu erhöhen und ihnen weitere Privilegien zu gewähren; im Zuge dessen wurden ganz neue Arten der Entlohnung eingeführt – auch dadurch stieg die Zahl der Personen mit einem direkten Anteil am kaiserlichen System weiter. Amtsanwärter wurden schon im Kindesalter auf Wartelisten gesetzt, als Ehrenbekundung verlieh man bestimmte Ämter pro forma, später wurde sogar der Status des ehemaligen Amtsinhabers verliehen (ein solcher galt als ebenso wichtig wie jemand, der das betreffende Amt tatsächlich versah, so erstaunlich das auch erscheint), und im Gegenzug wurden die Dienstzeiten deutlich verkürzt und längere Abwesenheiten immer öfter toleriert. 34
All das bedeutete letztlich, dass das Ausmaß der Teilhabe der lokalen Eliten am kaiserlichen Verwaltungssystem insgesamt massiv stieg. Aus den 250 leitenden Verwaltungsbeamten, die es Mitte des 3. Jahrhunderts gegeben hatte, waren um das Jahr 400 herum 6000 geworden – je 3000 in West- und in Ostrom. Diese 3000 Beamten dienten lediglich für zehn Jahre, sodass innerhalb einer politischen Generation jede Stelle von mehr als einer Person besetzt wurde. Und diese Zahl beinhaltet nicht einmal all die ehrenhalber verliehenen Ämter. Die Leute, die in irgendeiner Form in die kaiserliche Bürokratie involviert waren, waren die, die in den Gemeinden vor Ort Einfluss hatten, und für die Ehrgeizigeren unter ihnen war dies der neue Weg zu Reichtum und Einfluss. Zu den besonders interessanten Arbeitsplätzen, die ehemalige Bürokraten und sogar Beamte ehrenhalber Ende des 4. Jahrhunderts zugewiesen bekamen, zählten die Stelle des Beisitzers des örtlichen Provinzstatthalters (der Beisitzer half dem Statthalter, bei Gerichtsverfahren das korrekte Urteil zu fällen) und die Aufgabe, auf städtischer Ebene eine periodische Neubeurteilung der reichsweiten Besteuerung durchzuführen, was theoretisch alle fünfzehn Jahre erfolgte. Zudem hatte man bei einigen Jahren Dienst im Beamtenapparat zahlreiche Gelegenheiten, neue Bekanntschaften zu machen und Menschen gezielt zu beeinflussen, mit allen daraus resultierenden Gefälligkeiten. Rechnet man noch die Tatsache hinzu, dass die meisten Städte keine unabhängigen Einnahmen mehr zu kontrollieren hatten, kann man leicht nachvollziehen, warum die Stellen als kaiserlicher Beamter im 4. Jahrhundert so begehrt waren.
Insofern scheint die Steuerreform dem alten Adel und den regionalen Aristokraten nicht, wie man früher dachte, den Einfluss genommen zu haben, sondern sie veränderte lediglich die Anreize, die die vorherrschenden Lebensmuster der Elite bestimmten. Die neuen fiskalischen Strukturen des Imperiums, die ursprünglich zur Finanzierung der Expansion des Militärapparats dienten, wurden schnell zum neuen Organisationsprinzip der Karriereentscheidungen der lokalen und regionalen politischen Eliten des Römischen Reiches. 35
Eben diese Strukturen machten sehr viele römische Politiker der Spätantike sehr reich, was sich schnell auch auf die privaten Angelegenheiten der lokalen, regionalen und sogar kaiserlichen Eliten des Imperiums auswirkte. Selbst wenn sie kein Amt (mehr) bekleideten, wurde es für Angehörige der landbesitzenden Elite zu einer der obersten Prioritäten, sich eine möglichst gute Position innerhalb des größten Stroms von Reichtum zu sichern, den jemals eine Gesellschaft des antiken Mittelmeerraums erzeugt hat. Die naheliegendste Reaktion für jeden, der eine öffentliche Position bekleidete, bestand darin, sich durch Betrügereien verschiedenster Art einen Teil dieses enormen Reichtums zu sichern. Das geschah im kleinen Stil, wenn beispielsweise Militärkommandanten auf ihre offiziellen Dienstlisten Soldaten setzten, die es gar nicht gab, und deren Sold selbst einstrichen (was einer der Gründe dafür war, dass es im Vorfeld großer Feldzüge stets zu so verzweifelten Rekrutierungsmaßnahmen kam). Das Ausmaß der potenziellen Veruntreuung stieg in direkter Relation zum Dienstgrad der betroffenen Beamten. In einem Fall aus dem 4. Jahrhundert teilte sich ein vertrauter Handlanger das Geld, das ihm anvertraut worden war, um den römischen Soldaten in Afrika den ausstehenden Sold auszuzahlen, mit dem regionalen Befehlshaber; solche Gelder konnten auf jeder Ebene der Hierarchie »verloren gehen«. 36Auf der Mikroebene besitzen wir nicht so viele Informationen, aber wenn man ein wenig darüber nachdenkt, fallen einem diverse Möglichkeiten ein, wie sich der Staat betrügen ließ. Ein beliebter Trick im ländlichen Bereich, den man auch weit zurückverfolgen kann, bestand darin, den Steuerbeamten gegenüber den vollen Umfang der Agrarproduktion zu verschweigen, und die Tatsache, dass die Bemessensgrundlage nur alle fünfzehn Jahre neu errechnet wurde, wird es für jene, die mit einer gewissen »Flexibilität« an die Sache herangingen, nahezu unwiderstehlich gemacht haben, bestimmte Posten gar nicht erst zu erfassen und so an der Steuer vorbei auf die sichere Seite zu bringen.
Die Quellen zeigen auch, wie sich viele römische Adelige und aristokratische Großgrundbesitzer politisch positionierten, um die internen Abläufe des Systems so für sich zu nutzen, dass sie steuerlich besonders gut dastanden. Alle wichtigen Informationen wurden auf lokaler Ebene verzeichnet. Die Stadträte verfügten über Register, die den gesamten Grundbesitz innerhalb des Territoriums der Stadt enthielten. Beigefügt war jeweils eine Erklärung des Eigentümers über den angenommenen Jahreswert der Überschüsse, die das jeweilige Grundstück erzeugen konnte, mitsamt der Steuerschuld, die sich daraus ergab. Folglich war die örtliche Neubewertung, die alle fünfzehn Jahre stattfand, von immenser Bedeutung. Und wer ein besonders gutes Verhältnis zu den Beamten hatte, die mit diesem Prozess betraut waren – das waren, wie wir gesehen haben, in der Regel pensionierte Bürokraten, die oftmals auch aus der Gegend stammten –, dessen Grundstück wurde nicht selten steuerlich besonders niedrig bewertet. Aus eben diesem Grund genossen diese Beamten in ihren lokalen Gemeinden einen enormen Einfluss, und man darf durchaus annehmen, dass sie diesen Einfluss in vollem Umfang zu nutzen wussten.
Was es genau bedeutete, einen entsprechenden Beamtenposten zu bekleiden, wird aus einigen konkreten Fallstudien deutlich. Der Aufstieg der ägyptischen Familie Apion vom lokalen zum kaiserlichen Adel im 5. Jahrhundert beruhte beispielsweise ganz eindeutig auf der neuen Rolle, die die Dynastiegründer Strategios I. und Apion I. in der kaiserlichen Steuerverwaltung spielten. Ebenso beruhte die fortgesetzte Bedeutung der Familie im 6. Jahrhundert zumindest im Gau Oxyrhynchos darauf, dass sie gegenüber den zentralen Behörden Rechenschaft abzulegen hatte über die Besteuerung eines großen Teils der vom gesamten Gau geschuldeten Summe – eine zweifellos recht lukrative Aufgabe. 37
Das System, nach dem die Steuern tatsächlich bezahlt wurden, bot ebenfalls interessante Betrugsmöglichkeiten. Die Steuern wurden im Laufe eines Jahres in drei getrennten Raten bezahlt, und wer besonders gut vernetzt war, der setzte seinen ganzen Einfluss dafür ein, diese Zahlungen hinauszuzögern, indem er zum Beispiel auf ungünstige Wetterbedingungen verwies. Es gab einen guten Grund dafür, so wenig wie möglich direkt zu bezahlen und die Auszahlung der ausstehenden Steuerschuld mit allen Mitteln so weit wie möglich hinauszuschieben: Die Kaiser gerierten sich gerne als Wohltäter, und um sich bei den politisch einflussreicheren Landbesitzern im Reich besonders beliebt zu machen, erließen sie regelmäßig Steueramnestien, bei denen alle derzeit in den Büchern verzeichneten Steuerschulden erlassen wurden. Sowohl auf städtischer Ebene, wo tatsächlich Bargeld floss, als auch auf den höheren Hierarchieebenen, wo die ausstehenden Steuerrückstände kontrolliert wurden, so gut vernetzt zu sein, dass sich die jährlichen Zahlungen so weit wie möglich minimieren ließen, war ganz offensichtlich strategisch von hoher Priorität. 38
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