Die Straße führte leicht bergauf und folgte eine Weile den Windungen eines kleinen Flüsschens, bis sie schließlich Monistrol de Calders erreichte. Hier musste er irgendwo links abbiegen … Er verfluchte im stillen seinen mangelhaften Orientierungssinn und den mindestens ebenso mangelhaften Sinn des katalanischen Straßenbauamtes für Beschilderungen. War es hinter der Kirche? Bestimmt! Solche Straßen ins Nirgendwo zweigten immer hinter der Kirche ab …
Der Zustand der Straße, die durch dichten Laubwald führte, ließ viel zu wünschen übrig. Vidal konnte kaum über den zweiten Gang hinausschalten, und bei jedem Schlagloch befürchtete er, sein alter Toyota Corolla könne irreparablen Schaden nehmen. Endlich kam nach einer leichten Biegung das altmodische, schmiedeeiserne Tor in Sicht. »Clínica Gutierrez Montoya« verhieß das einfache Schild. »Klinik«, nicht »Psychiatrische Klinik« oder gar »Irrenanstalt«!
Auf dem kleinen Parkplatz standen lediglich ein altersschwaches Motorrad und vier Autos – drei Kleinwagen und ein BMW. Vidal sah auf die Uhr; es war kurz vor vier. Freitags um diese Zeit befand sich wohl nur das nötigste Personal in der Klinik; eine gute Gelegenheit, sich in Ruhe alles anzusehen.
Bevor er ausstieg, überprüfte er den korrekten Sitz seines Anzugs. Er war zwar kein Mensch, der großen Wert auf Äußerlichkeiten legte, wusste aber, dass er darin eher die Ausnahme bildete. Namentlich Vorgesetzte – und vor allem zukünftige Vorgesetzte – sahen dies meist anders.
Er schritt durch eine sich automatisch öffnende Glastür und fand sich in einem kleinen Foyer wieder. Es war hell und freundlich eingerichtet, mit drei Besucherstühlen, die sich um einen niedrigen Tisch gruppierten. Am Empfang saß die gleiche junge Dame wie bei seinem ersten Besuch; sie hatte sich ihm damals vorgestellt, aber sein Namensgedächtnis war äußerst mangelhaft ausgeprägt.
»Hallo«, grüßte er betont unkonventionell, »mein Name ist Alberto Vidal, und ich habe einen Termin bei Dr. Delgado.« Er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, das »Dr.« seinem Namen voranzustellen, und eigentlich wollte er das auch nicht. Er fand, es klang einfach zu protzig, vor allem für jemanden, der noch keine 30 Jahre alt war.
»Wir haben Sie nicht vergessen«, lachte die Frau. »Herzlich Willkommen im Klub! Ich bin Ana Simón, falls Sie sich noch erinnern … Dr. Delgado erwartet Sie bereits.«
Dr. Vidal fühlte sich ertappt. »Selbstverständlich erinnere ich mich«, beeilte er sich zu versichern und folgte ihr durch einen kurzen Korridor in das Arbeitszimmer des Leiters der Klinik.
Dr. Delgado erhob sich erfreut, als Ana den zukünftigen Mitarbeiter in sein Büro führte. Er war etwa 45 Jahre alt, trug schwarze Haare und einen gepflegten schwarzen Vollbart, beides mit einigen grauen Strähnen durchsetzt. Er war hochgewachsen – wenn auch nicht ganz so hochgewachsen wie Alberto Vidal mit seinen stolzen 1,83 Metern – und machte einen sehr sympathischen Eindruck. Vidal hatte schon bei ihrem ersten Gespräch das Gefühl gehabt, dass sie sehr gut würden zusammenarbeiten können.
Delgados Büro war ebenso hell, zweckmäßig und freundlich eingerichtet wie das Foyer. Seine Rückwand wurde beherrscht durch eine große Schwarz-Weiß-Fotografie, die einen etwa 60jährigen Mann mit schneeweißen Haaren, ebensolchem Vollbart und Nickelbrille zeigte. Ein beeindruckendes Gesicht mit einem leisen Anflug eines Lächelns – ein Bild, das Vidal sich sehr gut als Frontispiz eines wissenschaftlichen Werkes des ausgehenden 19. oder beginnenden 20. Jahrhunderts vorstellen konnte – vielleicht eines Lehrbuches der Psychiatrie.
Dr. Delgado hatte den Blick des jungen Assistenzarztes verfolgt. »Das ist Dr. Dr. Anselmo Gutierrez Montoya«, erläuterte er, »hier allgemein bekannt als ›Don Anselmo‹. Er hat diese Klinik 1975 begründet und sie beinahe 30 Jahre lang geleitet, bis ich ihn vor zwei Jahren in dieser Position abgelöst habe. Ein großer Mann! Es ist ihm nicht leichtgefallen, sein Lebenswerk in andere Hände zu legen, aber wir werden schließlich alle nicht jünger …« Er lachte freundlich. »Die Bilder hier an den Seiten stammen aus seiner Sammlung. Ein seltsamer Wandschmuck für eine moderne psychiatrische Klinik, gewiss, aber ich habe es bisher nicht gewagt, sie abzuhängen. Vielleicht tritt er ja eines Tages plötzlich durch diese Tür …«
Die vier Bilder waren in der Tat ein »seltsamer Wandschmuck für eine moderne psychiatrische Klinik«! Es handelte sich um Kupferstiche, die allesamt Behandlungsmethoden von Geistesgestörten im frühen 19. Jahrhundert zeigten.
Da war zum einen der »Drehstuhl«, eine käfigähnliche Vorrichtung, in die der Patient – in diesem konkreten Beispiel eine Patientin, nackt, mit langen Haaren und großen Brüsten – mit Hilfe von ledernen Fesseln geschnallt wurde. Anschließend wurde der Käfig durch Betätigung einer Kurbel in Rotation versetzt – vom Prinzip her nicht unähnlich den Zentrifugen, die heutzutage beim Training von Astronauten verwendet werden. Was dadurch allerdings »geheilt« werden sollte, blieb das Geheimnis des Erfinders dieses Geräts.
Auf dem nächsten Bild war ein »Sturzbad« zu sehen; die Irre – wieder war es eine nackte Frau – saß, mit ledernen Brust- und Armriemen befestigt, in einem hölzernen Badezuber, während ein Wärter, geschützt durch einen Bretterschirm, ihr aus einiger Höhe einen vollen Eimer kalten Wassers über den Kopf goss. Vidal erinnerte sich, im Studium über diese »Behandlungsmethode« gelesen zu haben. Ein Irrenarzt hatte darüber im Jahre 1818 geschrieben: »Ein Brunnen steht mit einer nebenstehenden Badewanne in Verbindung und erhält sie stets so mit Wasser gefüllt, dass die anderen Gehilfen dasselbe mit Eimern schöpfen und den höher Stehenden ohne Unterbrechung mit vollen Eimern schnell genug versorgen können, um die Übergießungen viertel- und halbe Stunden lang fortzusetzen, wie es bei großer Unempfindlichkeit vieler Kranker durchaus erforderlich ist.«
Das dritte Bild zeigte eine im hölzernen Zwangsstuhl an Leib, Armen und Beinen festgeschnallte Frau, und Vidal fiel auch hierzu wieder ein Zitat des gleichen Irrenarztes ein: »Ein mit einem hohen Sitze und starken Armen aus festem Holze verfertigter Lehnstuhl mit beweglichem Rücken, in welchen der Irre vermittels eines breiten Brustgurtes, Arm-, Hand- und Fußriemen befestigt wird. Zugleich ist eine Vorrichtung angebracht, durch welche die Rückenlehne höher und niedriger gestellt werden kann, für solche Fälle, in denen der Kranke ungestüme Bewegungen mit dem Kopfe macht, welche durch Hinablassen des oberen Stückes der Rückenlehne sogleich unschädlich gemacht werden können.« Oh ja, die Leute damals hatten keinerlei Mühen gescheut, Geisteskranke zu »kurieren«!
Das vierte und letzte Bild schließlich stellte das »Zwangsstehen« dar; auch hier war wieder eine junge Frau zu sehen, wenngleich sie umständehalber nicht nackt war: »Ein breiter Brustgurt von Drillich oder Leder, vorn und hinten und zu beiden Seiten mit eisernen Ringen versehen, an welchen starke Stränge befestigt werden, die wieder an eiserne Haken, die an den Seitenwänden des Zimmers angebracht sind, geknüpft werden. Ein Seil, welches in der Decke und am Fußboden an eisernen Haken Befestigungspunkte findet, läuft durch einen am hinteren Teil des Brustgurtes befestigten eisernen Ring und erhält den Kranken in ein und derselben Stellung. Nachdem die gewöhnliche Zwangsjacke mit verlängerten Ärmeln überzogen worden ist, werden, zur Erhaltung der Arme in einer fast horizontalen Lage, die Enden an die Seitenhaken des Zimmers geknüpft. Um die Füße in einer ruhigen Stellung zu erhalten, werden solche mit einem gewöhnlichen Fußriemen befestigt«.
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