Im nächsten Moment schaltete er die Taschenlampe aus und richtete sich auf. Ein Geräusch! Er hielt den Atem an. Wenn jetzt die Tür aufging … Dann schalt er sich einen Narren. Wenn jetzt die Tür aufging, würde er sagen: »Gestatten, mein Name ist Dr. Vidal, und ich komme hier nur zufällig vorbei!« Oder zumindest so etwas ähnliches. Schließlich war es nicht verboten, in unterirdischen Gängen herumzumarschieren. Und üble Zeitgenossen pflegten sich darin nur in schlechten Romanen herumzutreiben … Dennoch hatte er ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube.
Das Geräusch – ein leises Schleifen – kam eindeutig von der anderen Seite der Eisentür. Und es kam näher. Es klang, als ob etwas in Richtung auf die Tür geschoben würde. Trotz seiner guten Vorsätze machte sich Dr. Vidal fluchtbereit – man konnte ja nie wissen!
Dann verstummte das Geräusch. Einen Moment lang herrschte Stille. Schließlich ertönte das Klirren eines Schlüsselbundes.
Kein Zweifel: Wer sich auch immer auf der anderen Seite der Tür befand, machte sich daran, sie zu öffnen!
5
Der Gong der Türglocke riss Miguel mitten aus der spannendsten Szene des Kapitels, die somit auch die höchste Konzentration verlangte. Wütend schlug er mit der geballten Faust auf den Schreibtisch, so dass die Maus einen Satz machte. Er hasste es, beim Schreiben gestört zu werden, und dann ausgerechnet an so einer Stelle!
Als er die Treppe zum Wohnzimmer hinunterhastete, schoss ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf.
Die Polizei! Ist es die Polizei? Haben sie vielleicht …?
Hinter dem dicken, vielfach gebrochenen Glas der Haustür zeichnete sich eine dunkle, nicht allzu große Gestalt ab.
Keine Polizei, schlussfolgerte er, die sind meistens zu zweit …
Es war Cristina.
»María ist noch nicht zurück«, seufzte er. »Ich hatte doch gesagt …«
Ganz entgegen ihrer sonstigen Zurückhaltung fiel ihm die Sklavin ins Wort. »Bitte, Herr! Ich habe einige schreckliche Tage hinter mir und muss unbedingt mal weg von all den Firmenproblemen! Ich habe morgen frei; sollen die doch sehen, wie sie ohne ihren Sündenbock zurechtkommen! Ich könnte bis Sonntagabend bleiben und …«
»Völlig unmöglich!«, wehre Miguel erschrocken ab. Sie hat einige schreckliche Tage hinter sich? In der Firma?, dachte er ungläubig. Und ich?
Laut sagte er: »Ich kann mich nicht um dich kümmern; ich habe zu arbeiten! Ein neuer Roman …«
»Bitte, Herr! Sie brauchen sich gar nicht um mich zu kümmern, wirklich! Stecken Sie mich einfach übers Wochenende in den Käfig und vergessen Sie mich! Es genügt, wenn Sie mir zweimal am Tag etwas zu essen bringen! Bitte! Ich muss einfach hierbleiben!«
Erneut seufzte Miguel. Er war drauf und dran, ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen, doch dann kam ihm der Gedanke, dass er ebenfalls eine Ablenkung vertragen könne. Er öffnete die Tür weit und wies mit der Hand in den Flur. »Aber nicht bis Sonntagabend, das ist völlig unmöglich! Nur bis morgen früh!«
»Aber …«
»Keine Widerrede! Nur bis morgen früh! Und da du mich gestört hast, werde ich dich bestrafen!«
Cristina schlug die Augen nieder. »Ja, Herr! Vielen Dank, Herr!«
Als sie den Flur in Richtung der Kellertreppe entlangschritten, die rechts von der Wohnzimmertür hinabführte, fragte sie: »Wann kommt Ihre Frau zurück, Herr?«
»Das weiß ich nicht, das hängt von den Umständen ab. Außerdem geht dich das gar nichts an!«
»Entschuldigung, Herr, ich meinte nur … wegen der Blumen!«
Miguel blieb abrupt stehen. »Blumen!?«
Cristina wies auf zwei große, links und rechts des Eingangs zum Wohnzimmer stehende Töpfe mit Gewächsen, von denen Miguel nicht einmal die Namen kannte. Die Blumen sahen in der Tat ziemlich traurig aus; eine hatte bereits zwei Blätter verloren.
»Sie brauchen Wasser, Herr.«
»Ich werde mich darum kümmern! Aber erst …«
Schweigend stiegen die beiden in den Keller hinunter. Am Fuß der Treppe blieb Miguel stehen und sah Cristina bei dem Ritual zu, das María als »Einführungszeremonie« festgelegt hatte und an das sich die Sklavin stets halten musste.
Zunächst zog Cristina sich langsam aus, Stück für Stück. Ihre Kleidung – hellblaue Bluse, ebensolcher Rock, Strümpfe, Stöckelschuhe, Büstenhalter, Slip und zuletzt zwei Klammern, die ihre schwarzen Haare in Zaum gehalten hatten – legte sie penibel auf den dafür bereitstehenden Stuhl. Miguel betrachtete ihren Körper, ihre Bewegungen. Wieder faszinierte ihn das Spiel ihres Keuschheitspiercings. Ein Jammer, dass er dafür keinen Schlüssel besaß … Ob María ihn bei ihrer Entführung bei sich getragen hatte? Vielleicht in ihrer Handtasche? Plötzlich fiel ihm ein, dass der »große Unbekannte« ja auch Marías Handtasche mitgenommen hatte – war das nicht verrückt? Na, egal, seinen Briefen nach zu urteilen handelte es sich sowieso um einen kompletten Irren.
Doch er nahm sich vor, sich bei nächster Gelegenheit auf die Suche nach dem Schlüssel zu Cristinas Heiligtum zu machen.
Als die Sklavin bereit war, öffnete Miguel die Eisentür, die ins »Spielzimmer« führte, und schaltete darin das Licht ein. Cristina, Marías Ritual gehorchend, senkte den Blick, ließ sich auf alle viere nieder und begann dann, in den Raum hineinzukriechen. Miguel folgte ihr, wobei er den Blick nicht von ihrer nackten Kehrseite mit dem Piercing wenden konnte.
Innen angekommen stand sie auf und legte die Hände auf den Rücken. Den Blick hielt sie nach wie vor gesenkt, denn sie durfte Miguel – oder María – nicht in die Augen sehen.
Auch das gehörte zum Ritual .
Miguel ließ seinen Blick durch das »Spielzimmer« schweifen. Cristina sollte für ihre Aufdringlichkeit eine Strafe erhalten, die sie so bald nicht vergessen würde – und die sie hoffentlich davon abhielt, so etwas allzu bald zu wiederholen. Doch er hasste es zu improvisieren. Wenn er mit seiner Frau für einige »entspannende« Stunden in den Keller ging, hatte er stets einen bis ins Detail ausgearbeiteten Plan dessen im Kopf, was er mit ihr anzustellen gedachte. Dieser fehlte ihm nun.
Das »Spielzimmer« war Marías ganzer Stolz. Viele der darin enthaltenen Gerätschaften hatte sie, die – im Gegensatz zu Miguel – handwerklich begabt war, eigenhändig zusammengeschreinert oder zumindest eingebaut. Der Raum lag direkt unter dem Wohnzimmer und hatte daher genau dessen Ausmaße, also etwa zehn Meter Länge und vier Meter Tiefe. Erhellt wurde er am Tag durch vier kleine und hoch gelegene Fenster mit Milchglasscheiben; jeweils zwei an den schmalen Seiten des Raums. In der breiten, dem Eingang gegenüberliegenden Rückwand gab es keine Fenster, da sich dort im Erdgeschoss die Terrasse anschloss.
Unmittelbar rechts der Tür befand sich in Augenhöhe der kleine Kasten, mit dem der Elektromotor der Aufhängung gesteuert wurde. Die zugehörigen, an stabilen Eisenhaken befestigten ledernen Hand- und Fußfesseln hingen nun wieder knapp unter der Decke des 2,30 Meter hohen Raums, etwa in der Mitte der nördlichen Hälfte.
In der vom Eingang aus gesehen rechten Ecke stand ein alter und hoher Schrank – Miguels und Marías ehemaliger Schlafzimmerschrank –, der nun als Aufbewahrungsort für eine Unzahl von Utensilien aller Art, die man in so einem »Spielzimmer« benötigte, diente. Daneben stand ein großer Karton mit Erwachsenenwindeln, denn María konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ihre Sklavin bei einer länger dauernden Sitzung den von ihr selbst verlegten Parkettboden beziehungsweise den Käfig oder die enge Holzbox beschmutzte.
Der auffälligste Gegenstand an der sich anschließenden schmalen Wand, genau zwischen den beiden Oberlichten, war eine hässliche, große und runde Uhr mit Sekundenzeiger. Miguel pflegte sie die »Bahnhofsuhr« zu nennen, obwohl die dort verwendeten noch ein gutes Stück größer waren. María hatte auf der Uhr bestanden, damit ihre Sklavin in bestimmten Situationen sehen konnte, wie viele Minuten oder gar Stunden sie in ihrer jeweiligen Position noch auszuharren hatte.
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