Bevor er sich dem Gang widmete, wollte er den Turm aufsuchen. Langsam bahnte er sich seinen Weg durch den Wald, wobei er diesmal sehr sorgfältig darauf achtete, wohin er seine Füße setzte. Er war sich durchaus bewusst, dass er am Freitag sehr viel Glück gehabt hatte. Ebenso gut hätte er an einer Stelle einbrechen können, wo er nicht mehr herausgekommen wäre. Die Aussicht, langsam zu verhungern und zu verdursten, war alles andere als angenehm, und man würde ihn wahrscheinlich überall suchen, nur nicht hier, so nahe bei der Klinik. Der Wagen war von der Straße aus ja auch nicht zu sehen.
Es dauerte mehr als eine Viertelstunde, bis er auf den Turm stieß. Seiner Schätzung nach befand er sich etwa 500 Meter von der Straße entfernt. Es handelte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den ehemaligen Wohnturm einer kleinen Burg, denn von dieser waren weit und breit keine Überreste mehr zu erblicken. Der Turm war rund und aus Bruchsteinen erbaut. Vidal schätzte seinen Durchmesser auf 15 und seine Höhe einschließlich der noch erhaltenen Zinnen auf mehr als 30 Meter. Er mochte um das Jahr 1000 herum erbaut worden sein, war aber eindeutig in jüngerer Zeit restauriert worden. Kleine, schießschartenähnliche Fenster befanden sich erst im oberen Drittel des Turms. Auf der Südseite gab es in etwa einem Meter Höhe einen Eingang, zu dem eine verrostete Eisentreppe hinaufführte. Ohne zu zögern erklomm Dr. Vidal die Treppe, die in einer kleinen Plattform vor einer stabil aussehenden Holztür endete. Zwei große, alte Schlösser sicherten den Zugang. Probeweise rüttelte Vidal an den Schlössern, aber er sah beinahe sofort, dass hier ohne schweres Werkzeug kein Durchkommen war. So weit, die Türe aufzubrechen, konnte er natürlich nicht gehen.
Er umrundete den Turm abermals, konnte aber keinen weiteren Eingang entdecken. Aus verschiedenen Anzeichen schloss er, dass der Turm irgendwann im 19. Jahrhundert restauriert worden war. Mittlerweile bröckelten bereits wieder einige der Zinnen, und eine von ihnen lag gar auf dem Boden, etwa drei Meter vom Mauerwerk entfernt. Es war wohl nicht ganz ungefährlich, hier herumzustreifen. Vidal nahm an, dass der Turm schon lange nicht mehr benutzt wurde.
Nachdem er zu seinem Wagen zurückgekehrt war, machte er sich »höhlenfertig«: Er setzte einen Helm mit übergestreifter Elektrolampe auf, und an seinen Gürtel klinkte er eine große Taschenlampe. Über die Schulter hängte er ein acht Millimeter starkes und 40 Meter langes Seil. Als er gerade die metallene Strickleiter aufnahm, ertönte das SMS-Klingelzeichen seines Handys – er hatte wieder mal vergessen, das verdammte Ding auf Vibrationsalarm umzuschalten.
Er las die Nachricht: Der Astro-Service machte ihn im allmorgendlichen Horoskop darauf aufmerksam, dass er drauf und dran sei, eine Entdeckung zu machen, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf seine Karriere nehmen könne. Er seufzte. Das war wieder mal so eine typisch sibyllinische Formulierung à la »Wenn du den Rubikon überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören …«!
Dr. Alberto Vidal hätte natürlich niemals öffentlich zugegeben, Horoskope zu lesen – sich selbst redete er ein, dass er allenfalls an solche glaubte, die Positives verhießen. Den Astro-Service hatte er abonniert, weil er im ersten Monat kostenlos war, und danach konnte er ihn ja wieder kündigen.
Das Loch, durch das Vidal am Freitag in den unterirdischen Gang gestürzt war, war gar nicht so einfach wiederzufinden. Als er es endlich entdeckt hatte, suchte er sich in der Nähe einen passenden Baum, an dem er das eine Ende der Strickleiter befestigte. Das andere warf er in das Loch. Bloß nichts mehr dem Zufall überlassen! Vorsichtig kletterte er hinunter und schaltete dann die Taschenlampe ein. Wie er bereits festgestellt hatte, bestanden die Seitenwände des Gangs aus offensichtlich sehr altem Mauerwerk. Die Ziegel fühlten sich feucht an, und auf dem naturbelassenen Boden des Gangs fanden sich einige Pfützen. Die Gummistiefel waren jedenfalls durchaus angebracht.
Wie er bereits zwei Tage vorher festgestellt hatte, wurde die Decke durch eine einfache Holzverschalung gebildet, die stark vermodert war. Der Gang war knapp mannshoch, so dass sich Dr. Vidal mit seiner stattlichen Größe etwas bücken musste. Die Breite betrug weniger als einen Meter.
Vidal leuchtete den Gang in beiden Richtungen aus. Bevor er herabgestiegen war, hatte er sich nochmals die Lage des Turms in Erinnerung gerufen, und er war nun überzeugt, dass der Gang in nördlicher Richtung mit diesem verbunden war. Wohin er in der anderen Richtung führte, ließ sich nicht sagen, und Vidal interessierte es im Moment auch nicht besonders. Sein Hauptaugenmerk galt dem Turm. Vielleicht gab es ja einen unterirdischen Zugang, der nicht verschlossen war.
Ein Schatten huschte an ihm vorbei. Mit einem erstickten Laut fuhr er herum und ließ den Lichtkegel tanzen. Dann ein Quieken: Ratten! Erleichtert lachte er auf. Vor ihnen hatte er keine Angst. Aber wenn er hier nicht mehr herauskäme, würden sich die Biester bestimmt über den unerwarteten Leckerbissen freuen …
Langsam folgte er dem Verlauf des Gangs in ungefähr nördlicher Richtung und zählte dabei seine Schritte. Er hatte diese Art der Entfernungsmessung schon lange nicht mehr angewandt, wusste aber, dass sie sehr verlässlich sein konnte, wenn man seine Schrittlänge kannte und sich ebenerdig und gleichmäßig bewegte. Er brauchte nur die Anzahl der Schritte mit siebzig Zentimeter zu multiplizieren, um auf die zurückgelegte Entfernung zu kommen.
Nach 362 Schritten, also etwa 250 Metern, erreichte er eine Stelle, an der nach rechts ein weiterer Gang abzweigte. Vidal blieb stehen und leuchtete den Seitengang aus. Er bog genau im rechten Winkel ab und verlief scheinbar ebenso schnurgerade wie der Gang, in dem er sich befand. Im Gegensatz zu diesem waren die Wände des abzweigenden Gangs aber nicht gemauert, sondern mit Holz verschalt. Und das Holz sah nicht so vermodert aus wie dasjenige, das die Decke des Hauptgangs bildete. Kein Zweifel: Der abzweigende Gang war entweder erheblich jünger als der andere, oder er war aus irgendeinem Grund restauriert worden.
Dennoch folgte Vidal dem Hauptgang in der Richtung des Turms; den Seitengang konnte er später immer noch erforschen. Zeit spielte im Moment ja keine große Rolle.
Wieder zählte er die Schritte. Diesmal kam er nur bis 217, was etwa 150 Metern entsprach, dann blockierte eine rostige Eisentür den Gang in seiner vollen Breite. Vidal überlegte. Der Turm mochte etwa 500 Meter von der Straße entfernt sein. Insgesamt hatte er bisher etwa 400 Meter unterirdisch zurückgelegt, und vom Parkplatz bis zur Einbruchsstelle waren es noch einmal etwa 100 Meter. Es konnte stimmen, auch wenn man berücksichtigte, dass die Einbruchstelle nicht genau auf der Geraden zwischen dem Parkplatz und dem Turm lag, sondern etwas westlich davon – so genau waren seine oberirdischen Schätzungen ja wegen des dichten Waldes und der unebenen Bodenbeschaffenheit nicht gewesen. Kein Zweifel, diese Tür führte in das Untergeschoss des Turms!
Vorsichtig drückte er die Klinke hinab und zog an der Tür: keine Reaktion. Er versuchte es erneut, fester. Wieder nichts. Entweder war die Tür abgeschlossen oder völlig zugerostet.
Enttäuschung machte sich in ihm breit. Der ganze Aufwand für nichts? Nochmals leuchtete er die komplette Tür ab, die trotz des Rosts einen sehr stabilen Eindruck machte. Nein, da war wohl wirklich nichts zu machen …
Überrascht hielt er inne, als er auf dem feuchten Erdboden einen scharfkantigen Schuhabdruck entdeckte – einen halben Schuhabdruck! Genauer gesagt: die hintere Hälfte mit dem Absatz; die vordere Hälfte befand sich jenseits der Tür, und damit im Turm! Vidal ließ sich in die Hocke nieder, um den Abdruck besser untersuchen zu können. Der Boden war an dieser Stelle sehr feucht, und wenn der junge Arzt es auch im Spurenlesen bestimmt nicht mit einem Indianer aufnehmen konnte, war er doch sicher, dass dieser Abdruck vor nicht allzu langer Zeit entstanden war – allerhöchstens vor ein oder zwei Tagen, denn sonst wären mindestens die Ränder unscharf geworden.
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