„Ist ihm klar, was er mir damit antut?!“, ächzt er. Dann bricht ein verbittertes Kichern aus ihm heraus. „Natürlich weiß er das. Hallo, Kreiswehrersatzamt. Mein Sohn, dieser kleine Pisser, ist dreiundzwanzig. Da kann er doch noch eingezogen werden, oder? Na, und ob der tauglich ist! Nicht, dass das Land einen Rekruten übersieht. “
„Na ja, die Alternative, alten Leuten als Zivildienstleistender den Hintern abzuwischen, ist ja erst recht nicht dein Ding“, sagt Helen in ruhigem Ton.
Kai sieht sie an. Und plötzlich wird ihm bewusst, woran ihr Blick ihn erinnert: Es ist der Blick seines Vaters, als dieser ihn zum ersten Mal aus der Ausnüchterungszelle geholt hat. Als Kai, damals noch minderjährig, ein verkatertes Wrack mit Spuren von Erbrochenem auf der Front, von der Pritsche aufschreckte und seinen Vater in der Tür erkannte, hat Trollmann Senior kein Wort gesagt. Er sah seinen Sohn nur mit diesem seltsamen Ausdruck an, in dem kein Mitleid zu finden war. Auch kein Vorwurf, nicht einmal Missbilligung. Nur Befürchtung. Als ahne er, dass er sich nun gar nicht richtig verhalten konnte . Dass, wie auch immer er nun reagiere, dies nur die erste, aber längst nicht die letzte Enttäuschung sein werde, die er ertragen müsse. – Womit er schließlich recht behielt. Denn in den Folgejahren erfuhr Kai die gesamte Palette väterlicher Besserungsversuche: Moralpredigten, Ankündigungen von Konsequenzen und Sanktionen und so weiter. Dass er sie ausnahmslos ignorierte, kann man nicht behaupten. Denn im Gegenteil provozierte er sie sogar, nur um seinen Alten zu ärgern. Jenen enttäuschten Gesichtsausdruck, der ihn einst so sehr getroffen und verärgert hatte, ließ er tief in seinem Gedächtnis unter Trotz und Rebellion verschütten. – Und es irritiert Kai maßlos, dass ausgerechnet diese verrückte Frau es jetzt und hier geschafft hat, mit dem gleichen Blick allen Staub von diesem Erinnerungsrelikt zu fegen.
„Ich kann dir noch einiges mehr verraten“, sagt Helen leise. „Nach der Grundausbildung kommst du nach Niedersachsen. Ins Lager Munster. Panzergrenadierdivision. Ein übler Standort. Weit und breit nichts als Militär und Heidekraut. Du wirst dich von Offizieren, die nicht älter sind als du, zusammenscheißen und durch den Schlamm jagen lassen.“
„Warum erzählen Sie mir das?“ Kai stützt sich auf den Mülleimer, den er eben noch getreten hat. Den schmerzenden Fuß hält er auf die Ferse gestützt.
„Ich habe es oft genug erzählt bekommen.“ Da offensichtlich keine Gegenwehr zu erwarten ist, solange Kai wie ein ächzender Flamingo über dem Kübel steht und sie verständnislos anschaut, setzt Helen sich auf die Bank daneben. Die Waffe hält sie weiterhin im Anschlag. „Ich weiß auch von Elena. Eine hübsche Deutsch-Griechin. Deine große Liebe. Zurzeit absolviert sie ein Jahresstipendium in den USA. Vor ihrer Abreise hat sie dir erklärt, dass sie nicht vorhat, das komplette Jahr dort drüben völlig enthaltsam zu leben, dass sie aber auch von dir keine Askese verlange. Ihr schreibt euch Mails, telefoniert ab und zu, bekundet eure Liebe. Aber ihr habt auch dieses Abkommen: Solange ihr beide verhütet und sich keiner in jemand anderen verliebt , sei das für euch beide in Ordnung. Im Herzen wollt ihr euch treu bleiben. Und wenn das Jahr vorbei ist und Elena zurückkehrt, willst du nur noch ihr gehören. Na ja …“, sie wiegt den Kopf, „… das war dein ambitionierter Plan. Aber da wird nun nichts draus. Wenn Elena Ende Januar zurückkommt, wirst du bereits in Flensburg sein. Fünfhundert Kilometer entfernt. Das ist zwar näher als die USA und ohne Ozean dazwischen, aber die Dauer der Fernbeziehung hat sich dadurch plötzlich verdoppelt. Deine sexuelle Diät verspricht ein Fasten zu werden. Du wirst für eine lange Zeit in Kasernen hausen und nichts als Pappkameraden vor die Flinte bekommen.“
Helen erzählt all das ohne Häme, auch nicht zynisch, sondern ganz sachlich.
Kai ist auf sein Knie gesunken und kauert neben dem Müllkübel. „Wie …? Woher wollen Sie …?“ Mehr bringt er nicht heraus. Es ist, als habe diese Frau sein Dilemma, das ihn seit Erhalt dieses verfluchten Bescheids belastet und beschäftigt, aus seinen Gedanken abgepaust. In seinem Kopf rotieren die Synapsen, versuchen zu ergründen, woher sie diese Informationen erhalten haben könnte. Er hievt sich auf die Füße. Als er seine Zehen belastet, zischt er schmerzvoll und kneift die Augen zu. Als er sie wieder öffnet, starrt er in die auf ihn gerichtete Mündung. Er humpelt auf Abstand, obwohl er weiß, wie nutzlos das ist. „Was soll das alles?“, krächzt er.
„Habe ich dir gesagt: Ich werde dich erschießen.“
„Aber … wozu?“
Sie verzieht den Mund. „Die Frage ist eher, weshalb ich dir den ganzen Kram vorher erklären soll. Was bringt es dir zu wissen, dass du dir die Bundeswehr hättest ersparen können, wenn du früher erfahren hättest, dass du Vater wirst?“
„Dass ich … was?!“ Sie hätte Kai genauso gut in den Bauch schießen können, seine Reaktion wäre kaum weniger entsetzt ausgefallen. „Aber Elena … Sie war doch die ganze Zeit …“
„Nicht Elena“, unterbricht Helen ihn. „Deine Geilheit gewinnt Oberhand. Obwohl“, sie stößt einen missmutigen Laut aus, „hättest du deine Hand mal machen lassen. Dann wäre ich nie deine Tochter geworden.“
*klick.*
Wieder macht die Zeit ein Foto fürs Archiv. Eine Sekunde, die der Vergangenheit erhalten bleiben sollte.
‚Zirpen‘, dachte Kai und horchte auf jenes unangenehme Gefühl, das ihm durch den Hinterkopf schmirgelte. Als würden mikroskopisch kleine Viecher mit scharfen Werkzeugen durch die Adern in seinem Genick und tief in sein Hirn krabbeln, sich dort ausbreiten, schleifen, und im Rhythmus seines Pulses eben dieses Geräusch machen.
‚Zirpen.‘ Menschen bringen dieses hochfrequente, schwirrende Geräusch mit warmen, trockenen Sommerabenden in Verbindung. Dabei sind es Insekten, die irgendwas aneinander reiben. Dennoch … irgendwie passte es.
‚Zirpen. Doch, es passt.‘ Es war nicht verwunderlich, dass er in dieser Situation in seinen Schriftstellermodus verfiel, der ihm vertraut war, mit dem er oft Formulierungen für alle möglichen Wahrnehmungen ausprobierte, um sie später in Texten zu verwenden. Nur sah es gerade jetzt nicht danach aus, als werde er jemals einen weiteren Text schreiben können.
‚Das Zirpen … der Zeit.‘ Wurde das Geräusch nicht auch in Filmen, meist Komödien, eingesetzt, wenn irgendjemand etwas sehr Dummes, Peinliches gesagt hatte, niemand darauf reagierte und eine unbehagliche Pause entstand? Nun, ihm war danach, laut aufzulachen, aber dieser auf ihn gerichtete, stählerne Anus verhinderte die komödiantische Wirkung.
Aber der Vergleich stimmte.
Dann ist die Sekunde vorbei.
Um genau 01:16 Uhr.
Kai lässt eine Hand vor seinem Ohr kreisen. „Bitte nochmal, ich hab da grad …“ Nein, die Situation ist einfach zu absurd. Er kann ein belustigtes Prusten nicht unterdrücken. „Total witzig: Ich habe gerade verstanden, Sie hätten mir erklärt, Sie wären meine Tochter.“
Die Frau, die auffallend älter als Kai ist, verzieht keine Miene. „Mir wäre lieber, es wäre nicht so.“
„Ach so. Ja, dann.“ Er beißt sich auf die Lippen und nickt bedächtig, als ein Verdacht zu ihm durchsickert. ‚Niemals ist diese Knarre echt. Dieser Hyäne reiß ich den Arsch auf.‘ Langsam schaut er empor. Sein Blick schweift die gerundete Decke entlang. – ‚Ja, da sind sie.‘ Er zählt vier Kameras. Zwei davon blicken in seine Richtung.
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