»Die Beerdigung fand am 12. Oktober statt, das weiß ich noch. Und Joachim war bereits am selben Abend verschwunden.«
Ja, dachte Dan. So muss es gewesen sein. Als Joachim Heinsen seine Rolle als Birgittes untröstlicher Witwer ausgespielt hatte, war er in eine andere Stadt verschwunden. Er ließ sich sofort die Haare schneiden und bleichen, vielleicht hat er auch die Farbeimer mit den hübschen, neuen Etiketten versehen und sich die richtigen Klamotten ausgesucht. Möglicherweise hat er sich ein gutes Abendessen gegönnt, eine Massage, einen Drink oder zwei … Seine Ehefrau hatte man wenige Stunden vorher begraben, und Joachim beschäftigte sich bereits mit den Vorbereitungen dafür, die Rolle des Jakob Heurlin zu spielen, die Antwort auf Ursula Olesens intimste Träume.
12 / März 2007/Sommer 2006
Das Leben als Jakob Heurlin war vorbei. Und nicht lange davor hatte er sich von dem anstrengenden Dasein als sterbender Joachim Heinsen verabschiedet. Jay lehnte sich im Liegestuhl zurück und schloss die Augen; er schwitzte die geliehenen Identitäten aus, spürte, wie sie in der brütenden Hitze verdampften. Die Uhr zeigte an diesem Vormittag nicht einmal zehn, doch die Temperatur näherte sich bereits dreißig Grad. Er fühlte sich träge, hatte in der letzten Woche nichts anderes getan, als zu schlafen, zu essen und Sonnenbäder zu nehmen. Aber hatte er es nicht auch verdient? Zwei große Jobs direkt hintereinander; ein Nettoverdienst von knapp zwölf Millionen Kronen, wenn Käs’ Anteil ausgezahlt war. Ein recht anständiges Jahresgehalt, fand er. Zudem steuerfrei. Ein Lächeln glitt über Jays Gesicht; ein kurzes Glücksgefühl, bevor seine Muskeln sich wieder entspannten. So lustig war es andererseits auch wieder nicht. Jay ging die Art und Weise, wie er sein Geld verdiente, durchaus nahe. Sehr sogar. Er war schließlich nicht aus Stein, und einigen seiner Opfer gelang es tatsächlich, ihm während der Arbeit näher zu kommen, als ihm lieb war. Wenn es so weit kam, musste er sehen, wie er sich daraus wieder lösen konnte. So war es auch mit seiner letzten Eroberung gewesen, dieser hennafarbenen Kunstlehrerin aus Egebjerg. Er wusste, dass er sich den Rest seines Lebens den Anblick von Ursula würde in Erinnerung rufen können, als sie ihm zum Abschied winkte und vergeblich versuchte, ihre Tränen zu verbergen.
Ihre Vorgängerin loszuwerden, war dagegen eine ungemeine Erleichterung gewesen. Birgitte Johns hatte eigentlich einen vielversprechenden Eindruck gemacht; sie schien eine zu sein, mit der es ein Vergnügen sein würde, eine gewisse Zeit zu verbringen. Es war erst drei Monate her, seit er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Ihre Daten hatte Jay aus seiner üblichen Quelle, und er hatte sie wie immer gut genutzt. Seit seinem letzten Betrug waren fast drei Monate verstrichen, eine lange Pause, und er hatte sich wirklich gefreut, wieder zu arbeiten, als er an seinem Laptop saß und überlegte, wie er am besten mit der einundsechzigjährigen Witwe in Kontakt treten konnte. Er hatte Käs’ Bericht und das beigefügte Foto studiert, wo auch immer der Mann es herhaben mochte. Die Sache sah gut aus. Laut Käs’ Notizen war Birgitte Johns über dreißig Jahre mit einem neuseeländischen Ingenieur verheiratet gewesen, der bei seinem Tod vor vier, fünf Jahren ein mehr als stattliches Vermögen hinterlassen hatte. Sie hatte eine Ausbildung als Büroangestellte absolviert, war aber während ihrer langen, kinderlosen Ehe Hausfrau geblieben. Sie wohnte in einem bescheidenen roten Backsteinbungalow im Kopenhagener Vorort Valby. Birgitte war eine gepflegte, gut erhaltene Dame, die auf ihre Haut achtete, sich die Haare färbte und zweimal in der Woche zur Gymnastik ging. Jay hatte mit anderen Worten die begründete Hoffnung, den rein physischen Teil seiner Aufgabe ohne große Probleme absolvieren zu können, möglicherweise sogar ohne pharmakologische Hilfe. Aber wie sollte er sich seinem Opfer nähern? Birgitte hatte keine Arbeit, ging nicht in Bars, unternahm nie Gruppenreisen und die Gymnastikgruppe war nur für Frauen. In den Unterlagen fand sich nichts, also beschloss Jay, sie diskret zu beobachten, bis er den richtigen Angriffswinkel gefunden hatte.
Bereits am zweiten Tag hatte er Erfolg. Von seinem Aussichtsposten in dem geliehenen japanischen Fließheckmodell beobachtete er, dass Birgitte mehrfach am Tag ihre beiden Rassekatzen zu sich rief; schlanke, elegante Wesen mit glitzernden Halsbändern und riesigen, beinahe durchsichtigen Ohren. Wenn sie vor dem Haus mit dem Postboten, einer vorbeigehenden Bekannten oder der Nachbarin sprach, sah sie ihnen nie in die Augen, sondern suchte mit ihrem Blick ständig den Garten ab, unter den Büschen, entlang der Hecke, hinter den Gartenmöbeln. Sie schien erst zur Ruhe zu kommen, wenn die beiden Katzen in Sichtweite waren; als kämpfe sie mit einer gewaltigen Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte. Als würde sie es zutiefst bereuen, die Tiere je aus dem sicheren Gefängnis des Hauses herausgelassen zu haben.
Die beiden Katzen sahen eigenartig aus, fand Jay. Es handelte sich um Abessinier, hatte er herausgefunden, als er am Abend ein Bild der Rasse im Netz fand. Eine alte äthiopische Rasse. Wildfarben, was immer das auch bedeuten mochte. Typisch, dass Käs Birgittes Leidenschaft für Katzen in seinem Dossier nicht aufgeführt hatte. Jay musste es ihm sagen, wenn sie sich das nächste Mal sahen. Genau so etwas brauchte er schließlich. Aber dafür hatte der alte Muffkopp vermutlich zu wenig Fantasie.
Die nächsten Tage hatte Jay damit verbracht, alles über Rassekatzen zu lesen, vor allem natürlich über Abessinier. Er hatte sich auch einen passenden Namen ausgesucht: Joachim war ausreichend royal, um bei einer kleinbürgerlichen Hausfrau aus Valby Eindruck zu schinden. Und Heinsen? Na ja, es klang gut, außerdem hatte der Name den korrekten Anfangsbuchstaben. Man muss an seinen Prinzipien festhalten, dadurch wurde alles überschaubarer, dachte er. Käs war dabei, die gefälschten Papiere zu beschaffen – Pass, Taufschein, Führerschein und Kreditkarte –, außerdem hatte er einen Leihwagen bestellt, einen VW Golf, silbermetallic, vorzeigbar, neutral. Jay wählte seinen Beruf gewöhnlich mit großer Umsicht. Es sollte interessant klingen, gleichzeitig aber auch langweilig – interessant genug, um Birgittes Neugier zu wecken, und so solide, dass sie ihn nicht für einen Nassauer hielt. Außerdem durfte es kein Job sein, für den sie allzu großes Interesse entwickelte. Es bedeutete jedes Mal unglaublich viel Arbeit, um Büros, Kollegen und den ganzen Background zu beschaffen. Schließlich entschied er sich, ein selbstständiger Architekt zu sein, der zurzeit für ein geheimes Projekt der Landesverteidigung arbeitete. Das klang gut, signalisierte aber sofort, dass keine neugierigen Fragen gestellt werden sollten. Er bestellte ein paar einfache Visitenkarten mit Name, Titel und der Nummer seines Mobiltelefons, und er besorgte sich ein anspruchsvolles Architekturprogramm für sein Laptop, das sehr überzeugend aussah, sollte sie ihm irgendwann einmal über die Schulter sehen.
Es fehlte noch das, was Birgitte Johns zum Anbeißen bewegen könnte. Möglicherweise war sie beeindruckt von einem an der Akademie ausgebildeten Architekten mit vertraulichen Aufgaben, aber deshalb war sie noch nicht verliebt. Jay hatte inzwischen viele Jahre Erfahrung in dieser hoch spezialisierten Branche, er wusste, dass das große Geld nur mit Liebe zu holen war. Was Naivität und Generosität anging, konnte sich nichts mit einer liebeskranken, gut abgelagerten Frau messen.
Mit anderen Worten, hier mussten andere Mittel her. Eine Stunde Recherche auf seinem Laptop lieferte ihm die Informationen, die er brauchte; und zehn Minuten Arbeit in einem gewöhnlichen Textverarbeitungsprogramm reichte für den Rest. Auf dem Fotokopierer der örtlichen Bibliothek erstellte Jay fünfzig Exemplare eines pastellfarbenen DIN-A5-Blatts mit dem mahnenden Text:
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