»Tatsächlich?«
»Hm, aber ich möchte noch mehr wissen.«
»Hast du denn etwas gefunden?«
Elias schüttelte den Kopf.
»Nein, nichts Wichtiges.«
Malin dachte an ihre eigene »Spur«, das Stück Holz mit den russischen Buchstaben. Sie hatte es Fatima gezeigt, die gesagt hatte, dass es damit nichts Besonderes auf sich habe. Aber dass Malin vorsichtig sein müsse.
Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als sie an den Überfall auf dem Siloturm und an die dramatischen Ereignisse an Bord der Eckerö-Fähre dachte. Ja, sie musste vorsichtig sein, aber sie konnte auch nicht aufgeben. Sie musste Robert helfen.
»So, Elias, bist du zufrieden?«, fragte sie und hielt ihm hinten den Spiegel hin.
Elias strahlte, als er sich selbst und seine neue Frisur sah.
»Cool.«
Elias war Malins letzter Kunde an diesem Tag. Sie verließen zusammen den Salon und gingen bis hin zur Hantverkaregatan.
»Willst du in den Spielzeugladen?«, fragte sie.
»Vielleicht. Und dann wollte ich noch zu IT Works gehen, du weißt, zu dem Mann, der sich mit Computern beschäftigt.«
»Ronald Schneider?«
»Kennst du ihn?«
»Ein wenig. Er hilft uns, wenn das Buchungssystem auf unserem Computer nicht funktioniert. Er kennt sich bestens aus. Außerdem haben wir ein paarmal zusammen zu Mittag gegessen. Er ist nett.«
»Ich wollte ihn etwas fragen.«
»Über Computer?«
»Hm. Ich habe etwas gefunden, von dem ich nicht weiß, was es ist. Aber er weiß es sicher, er arbeitet ja mit so etwas.«
»Sicher. Er ist sehr nett und hilfsbereit. Wiedersehen, Elias.«
Malin sah ihn mit seinem Rucksack und dem krummen Stück Holz weggehen, das er bei der Apoteksbro aufgelesen hatte. Er blieb an dem Spielzeugladen stehen und ging dann weiter bis zum Schaufenster des Computerfachmanns.
Er erinnert mich an Robert, als er klein war, dachte sie.
Die Mittsommerhitze war von einem Gewitter weggefegt worden, das den Himmel in der Nacht zum Montag mit seinen Blitzen erleuchtet hatte. Jetzt war die Luft klarer und die Wärme erträglicher.
Schön, dachte Olle Kärv, der mit Fatima in einem Straßencafé Pizza aß. Er hatte sich auf das Treffen mit ihr gefreut. Einerseits deshalb, weil er sich erhoffte, etwas mehr über die seltsame Schmuggelaffäre und den ebenfalls sehr merkwürdigen Überfall auf Keith Holtha zu erfahren, andererseits, weil er hoffte, wieder mit diesem speziellen Lächeln bedacht zu werden.
»Hat denn Keith Holtha etwas mehr darüber sagen können, was passiert ist?«, fragte er.
Fatima saß einen Augenblick schweigend da, ehe sie antwortete.
»Das hier hast du nicht von mir erfahren«, sagte sie und wartete auf das bestätigende Nicken von Olle.
»Er ist immer noch benommen, aber ein Teil seiner Erinnerung ist wieder da. Es waren mehrere Personen, die sich mit ihren Fahrzeugen auf dem Parkplatz von Ledinge getroffen hatten. Er erinnert sich an Fragmente ihrer Unterhaltung.«
Olles Puls stieg an.
»Was haben sie gesagt?«
»Es ging um Transporte. Irgendetwas über Deutschland. An mehr erinnert er sich nicht.«
Schmuggel, dachte Olle. Es muss mit den Dingen zusammenhängen, die mit den Fähren und Lastschiffen ins Land kommen, welche die Polizei untersucht hat.
»Es sieht so aus, als gebe es einen Zusammenhang zwischen dem Überfall auf Holtha und dem, was im Hafen passiert ist«, sagte er.
»Das kann ich nicht bestätigen.«
»Das verstehe ich, aber ich muss da weitermachen«, sagte Olle, der es jetzt eilig hatte. Das musste er herausfinden. Möglichst heute noch.
Aber er wollte auch dieses Lächeln wiedersehen.
»Danke für das nette Mittagessen, Fatima. Du, ich meine, wir könnten uns vielleicht abends einmal treffen. Und wir könnten über etwas anderes reden als über die Arbeit.«
»Vielleicht«, antwortete Fatima.
Und lächelte.
Wonner beendete das Gespräch und legte das Handy weg. Die Lieferung war angekommen, Adam war zufrieden. Ein Teil der Ausrüstung war noch in Deutschland und wartete auf die Weiterbeförderung, der Rest war schon auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort.
Aber auf dem Parkplatz von Ledinge war es ziemlich knapp gewesen. Die Idioten hatten einen Polizisten niedergeschlagen. Unverzeihlich, dachte er.
Jetzt hatte er den Auftrag bekommen, eine neue Lieferung in Empfang zu nehmen. Auch dieses Mal müssen es kleine Schiffe sein, aber wir laden irgendwo anders auf der Strecke um, dachte er.
Fatima Barsawi und ihre blonde Freundin stellten ein Problem dar, das sah er ein.
Ein paar Stunden später saß er in seinem Wagen in der Bangårdsgatan und wartete darauf, dass Fatima aus ihrer Haustür kommen würde. Er wollte sie und ihre Vorhaben beobachten.
Geduld, dachte er, als sie in ihren Sportsachen herauskam und begann, in Richtung Vegagatan zu joggen. Wonner ließ den Motor an und fuhr langsam los. Lauf du nur, Fatima Barsawi, dachte er. Ich bin doch der Erste.
Malin Skogh war müde, rastlos und leicht irritiert. Sie wanderte in der Wohnung herum und konnte sich nicht richtig damit abfinden, dass sie zuhause saß mit einer Tasse Tee und Joyce Carol Oates, mit ihren Gedanken aber ganz woanders war. Sie machte ihren Laptop an, öffnete Facebook und las, was einige ihrer alten Schulkameraden über Mittsommer gemacht hatten, was sie zu Mittag gegessen hatten, wessen Kind sich den Magen verdorben und sich im neuen Auto übergeben hatte.
Malin seufzte. Sie klickte »Mitteilungen« an und sah, dass sie eine Einladung von der Kunsthalle erhalten hatte. Es ging um eine Sonderführung durch die Ausstellung des Gräddö-Künstlers Sander Karlsson, eines alten Bekannten von ihr. Da ihr im Moment jede Art von ablenkung entgegen kam, beschloss sie spontan, an der Führung teilzunehmen.
Sie duschte. Dann schlüpfte sie in das schwarze Kleid mit ein wenig zu viel Rückenausschnitt, putzte sich die Zähne und trank ein eiskaltes Starobrno, während sie am Computer saß. Sie rief Fatima an und sprach ihre Pläne auf den Anrufbeantworter. Sie rief Erik und Elin an, die gerade bei einer Thai-Mahlzeit saßen und fernsahen. Sie musste alleine gehen.
Sie zog ihre Jeansjacke über das kleine Schwarze und rundete das Ganze mit einem dünnen Halstuch aus indischer Seide ab. Eine richtige Frau kommt selbst zurecht, hatte ihre Großmutter immer gesagt und ihr Moa-Martinson-Bücher und fünfhundert Kronen zu Weihnachten geschenkt.
Einen Kuss für dich, Großmutter, dachte Malin, und war froh, dass sich die Großmutter keine Gedanken wegen Robert machen musste. Dass sie sich überhaupt keine Gedanken mehr machen musste.
Malin ging in den Juniabend hinaus und dachte an Elias und seinen Computerfund, und dass es vielleicht ganz gut sei, sich noch einmal mit diesem kleinen Jungen zu unterhalten, der sich ein wenig in seiner eigenen Welt umzusehen schien. Und dann dachte sie an Ronald Schneider und dass sie mit ihm diesen Karteikram vom Karateclub kontrollieren müsse.
Malin ging mit leichten Schritten die Hantverkaregatan entlang und überquerte den Lilla Torget in Richtung Norrtäljes Kunsthalle.
Solche Art von Abenden pflegten die besten zu sein, unvorbereitet und allein, dachte sie, als sie einen bekannten Rücken in Richtung Kunsthalle abbiegen sah.
Sie erwarteten ihn. Auf alte Bauernweise ruderte er stehend, mit dem Gesicht zum Bug hin. Er parierte die Wellen, die von den Sportbooten kamen, welche den Havspiren als Ziel hatten. Es war erstaunlich ruhig bei der Einfahrt. Die Silos wurden größer und der Schatten des Schornsteins der S/S Norrtelje zeichnete sich gegen die noch hoch stehende Sonne ab.
Er fühlte sich ein wenig unwohl. Aber das war nichts Ungewöhnliches, wenn solche Veranstaltungen anstanden. Der Chef der Kunsthalle hatte schon seit dem letzten Frühjahr darauf gedrängt, dass er etwas tun solle. Das widerstrebte ihm. Er war am liebsten zuhause auf seinem Hof.
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