Harry machte eine Pause und vergrub das Gesicht in den Händen. Er rieb sich die Augen und blinzelte, als er sie wieder öffnete. Er stand auf und ging in seinem Büro auf und ab, während er vor sich hin murmelte. Nach einer Weile setzte er sich wieder. Er spulte die Tonaufzeichnung einige Sekunden zurück und hörte sich denselben Abschnitt noch einmal an. Er sah auf die Uhr, als er seine Frage zum zweiten Mal hörte:
»Ist es nicht besser, du sagst, wie es gewesen ist, Robert?«
Harry sah auf die Uhr. Er zählte die Sekunden, indem er den Sekundenzeiger auf der analogen Uhr verfolgte. Nach zehn Sekunden kam die Antwort.
»Ich habe niemanden getötet. Ich habe nicht vor, etwas zu gestehen, was ich nicht getan habe.«
Das ist es, dachte Harry und stoppte die Tonaufzeichnung. Er erhob sich und begann wieder im Büro auf und ab zu gehen, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Dann setzte er sich schnell wieder und hörte die Tonaufnahmen weiter ab. Jetzt war er eifriger.
Nun war wieder er selber zu hören. Dieses Mal klang er aggressiver. Er war absichtlich laut, um Robert Skogh unter Druck zu setzen.
»Du sitzt im Schlamassel, Robert! Du hattest Blutflecken auf deiner Jacke! Dafür musst du eine Erklärung abgeben, sonst wirst du hier lange sitzen. Glaub mir. Du wirst verurteilt werden. Du hast keine Chance!«
Harry sah wieder auf seine Uhr. Er zählte fünfzehn Sekunden. Dann war Robert Skoghs Stimme zu hören.
»Ich kann nicht gestehen, was ich nicht getan habe.«
Harry stoppte die Tonaufzeichnung. Da haben wir es wieder, dachte er. Warum? Warum wartet man fünfzehn Sekunden lang, um zu antworten, dass man unschuldig ist? Müsste diese Antwort nicht sofort kommen? Müsste Robert Skogh nicht empört sein und seine Antwort hinausschreien? Warum wartet er mit seinen Antworten?
Harry Lindgren stand zum vierten Mal innerhalb weniger Minuten auf.
»Ich habe nicht richtig auf das reagiert, was Robert Skogh gesagt hat«, sagte er leise vor sich hin, während er gleichzeitig bemerkte, wie der Schweiß unter den Armen so langsam durch das Hemd zu sehen war.
»Es war die Zeit, die er brauchte, ehe er antwortete.«
Es wurde Mittsommerabend und Norrtälje leerte sich. Boote mit aufgesetzten kleinen Birken verließen den Hafen und begaben sich mit den Feiernden hinaus durch die Bucht, begleitet von Ziehharmonikamusik. Wo nur einen Tag zuvor Hetze und Stress war, wirkte jetzt alles bedeutend ruhiger, auch wenn es immer noch sehr schwül und drückend in der Stadt war. Die Leute, die nur einen Tag zuvor gedrängelt und geflucht hatten, grüßten nun fröhlich und wünschten einander einen frohen Mittsommer. An der Busstation herrschte eine fieberhafte Aktivität, als Verwandte und Bekannte mit Taschen und Schlafsäcken umstiegen, um sich dann auf die Festlichkeiten in jeder Ecke der Gemeinde zu verteilen.
Wonner schlenderte die Strandpromenade im Societetspark entlang. Er setzte sich auf eine der Bänke und beobachtete das lebhafte Treiben unten bei den Sportbooten. Eine Gruppe junger Leute hatte schon das erste Bier geöffnet, saß mit nackten Oberkörpern in einem alten Holzboot und sang. Wonner dachte, dass dies sicher nicht das letzte Bier des Tages sein würde.
Er nahm sich die Zeitung vor, die er unter dem Arm trug, und las den Bericht über den Polizisten, der auf dem Weg zwischen Norrtälje und Stockholm überfallen worden war. Dann faltete er die Zeitung ruhig wieder zusammen, erhob sich, warf sie in den nächsten Abfallkorb und setzte sich wieder.
Das Boot mit den jungen Leuten legte ab und glitt durch das Hafenbecken. Einer der jungen Männer stand an der Reling und pinkelte ins Wasser.
Idioten, dachte Wonner. Ich habe es mit Idioten zu tun.
Ich kann ebenso gut arbeiten, dachte Malin Skogh. Dann habe ich nicht die Zeit, viel an Robert zu denken. Und an alles, was seit dem Mord an Lars Gustavsson passiert ist.
Sie hatte Olle Kärvs Artikel über den Fund an Bord der Sertem Explorer gelesen, und sie hatte am Tag vor dem Mittsommerabend mit Roberts Anwalt Tomas Fredriksson gesprochen.
»Du musst schon damit rechnen, dass Robert noch eine Weile im Gefängnis bleiben wird«, hatte er gesagt.
Viel mehr hatte sie nicht erfahren. Tomas Fredriksson war an die Schweigepflicht gebunden und durfte nichts über die Verhöre und die Haftverhandlungen sagen.
»Es tut mir leid, Malin«, hatte er geseufzt, »aber ich darf nicht erzählen, was Robert gesagt hat. Alles, was ich sagen kann, ist, dass es Umstände gibt, die für ihn belastend sind, aber er streitet den Mord ab. Und dass ich alles in meiner Macht Stehende tue, um ihn frei zu bekommen.«
»Wie geht es ihm?«, flüsterte Malin.
»Es ist hart, so lange im Gefängnis zu sitzen, das kannst du dir ja denken, aber er kommt trotzdem ganz gut zurecht. Er weiß, dass du an ihn glaubst, und das bedeutet ihm viel.«
Am Tage darauf hatte sie das Zubringerboot hinaus nach Norröra genommen, um zusammen mit ihren Freunden Elin und Erik Mittsommer zu feiern. Fatima Barsawi hatte das ganze Wochenende über Dienst und hatte sie gedrängt zu fahren, sie würden sich auf jeden Fall nicht sehen können.
Es wurde eine traditionelle Feier. Mittagessen mit Hering und Schnaps, ein Mittsommerkranz, Sackhüpfen. Kekse essen und Erdbeertorte. Baden. Gegrilltes Fleisch mit Rotwein. Gitarre und Calle Schewens Walzer. Noch mehr Wein.
Malin hatte mitgemacht, so gut es ging, hatte sich jedoch meist nach Hause gesehnt. Und an Robert gedacht. Nachts, als sie nicht schlafen konnte, war sie hinunter zur Brücke an der Badestelle gegangen, die Måsberg genannt wurde, und hatte dort eine Weile in der lauen Sommernacht gesessen. Hatte die dünne Mondsichel betrachtet, die Mückenschwärme verscheucht und gesehen, wie das Licht wie eine bleichrosa Hoffnung zurückkehrte.
Jetzt hatte sie gerade die fünfte Kundin an diesem Montag verabschiedet, die Haare auf dem Boden zusammengekehrt und eine schnelle Tasse Kaffee getrunken.
Ich kann ebenso gut arbeiten, stellte sie wieder fest, als eine Frau in den Salon kam, zusammen mit einem Jungen mit hellem struppigem Haar.
»Hallo, Åsa. Und hallo, Elias. Du bist doch sicher Elias.«
»Hm«, murmelte Elias und überlegte, ob er Malin die Hand geben sollte.
Bisher hatte ihm seine Mutter zuhause in der Küche die Haare geschnitten. Jetzt hatte er jedoch einen Haarschnitt bei einem richtigen Friseur zum Geburtstag geschenkt bekommen. Spannend, dachte er, als er auf den Stuhl kletterte.
»Ich habe einiges zu erledigen. Wir sehen uns dann später zuhause, Elias«, rief Åsa Mellberg, die schon auf dem Weg hinaus war.
»Wie soll ich dir denn die Haare schneiden?«, fragte Malin, und strich mit der Hand durch Elias blonden Wuschelkopf.
»Weiß ich nicht. Ein bisschen cooler. So ein bisschen struppig oben auf dem Kopf.«
»In Ordnung. Das kriegen wir hin«, lächelte Malin.
Man kann sich gut mit Elias unterhalten, dachte sie. Er spielte Hallenhockey, genau wie Malin, und Fußball im BKV Jungen-01. Er erzählte von dem Schnorchel, den er gestern zum ersten Mal an der Kärleksudden ausprobiert hatte, vom Hamster Gunnar, der sich in verschiedenen Ecken seines Käfigs Nahrung suchte, und dem Call-of-Duty-Spiel, das er haben wollte.
Und schließlich auch über sein Interesse für Mysterien und Geheimnisse.
»Am liebsten möchte ich Detektiv werden. Ich sammle Spuren und all so Sachen, die mystisch sind«, erzählte er weiter.
Er blickte Malin im Spiegel an.
»Weißt du, was mit dem Mann passiert ist, der im Hafen gestorben ist?«
Malin merkte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
»Nein, das weiß ich nicht. Nicht mehr als das, was in der Zeitung gestanden hat.«
»Ich bin ein paarmal dort gewesen und habe nach Spuren gesucht.«
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