«Du hast dich wunderbar gehalten, Liebes», sagte sie, «genau wie ich es von dir erwartet hatte.»
«Ich brauchte den Mut von tausend irischen Häuptlingen», bekannte Annie kläglich. «Ich schämte mich so, dass der Gouverneur meinen Namen ein zweites Mal aufrufen musste.»
Vom anderen Ende der langen Tafel, wo sie ihre kleinen Schützlinge geschickt hinsetzte, lächelte Miss Moore ihr zu. «Wir waren alle sehr stolz auf dich, Annie.» Von Miss Moore ausgesprochen, hatten diese Worte eine besondere Bedeutung, und Annie war zutiefst dankbar. Miss Moore war diejenige Lehrerin, die außergewöhnlich viel Zeit und Geduld aufgebracht hatte, das eigenwillige, unwissende, launenhafte Kind, das Annie gewesen war, zu zähmen und zu erziehen. Manchmal vermutete Annie, Miss Moore habe es besser als jeder andere verstanden, sie «unter ihre Fuchtel» zu bringen, aber vielleicht gerade deswegen verehrte sie sie tief.
«Setz dich neben mich, Annie!» – «Nein, heute Abend bei mir!» – «O Annie, komm und setz dich zu uns!», riefen die kleineren Mädchen im Chor, und begierige kleine Hände streckten sich flehentlich aus, aber Annie entzog sich ihnen sachte.
«Heute Abend werde ich bei Laura sitzen», erklärte sie und trat zu einer steif aufrecht sitzenden, schweigsamen Frau, deren seltsam starrer Gesichtsausdruck einen etwas unheimlichen Eindruck inmitten dieser lebhaften Gruppe machte. Als Annies Hand sie berührte, leuchtete ihr Gesicht auf, und es schien, als glänzten plötzlich Sonnenstrahlen auf einer bewegten Wasserfläche auf. Ihre Hände flatterten leicht und schnell wie Schmetterlinge in der Luft, und Annie erwiderte, in Lauras Hand buchstabierend, mit der gleichen Fingersprache, denn für die taubstumme und blinde Laura Bridgman war die einzige Verständigungsmöglichkeit mit anderen Menschen das von den Taubstummen benützte Fingeralphabet. Alle Lehrer, Hausmütter und Schülerinnen beherrschten es, denn Laura lebte seit ihrem siebten Jahr im Perkins-Institut, es war ihr Zuhause. Irgendwie hatte Annie besondere Geschicklichkeit darin erworben, und sie gehörte zu Lauras Lieblingen.
Als sie jetzt beim Abendessen neben ihr saß, begann Laura schnelle, kurze Fragen zu buchstabieren, und Annie antwortete mit fliegenden Fingern, beschrieb, was am Tisch um sie herum vor sich ging, und versprach, später in Lauras Zimmer zu kommen, um ihr von der Schlussfeier zu berichten.
Die Examensfeier war wirklich ein Erfolg gewesen. Selbst die Bostoner Zeitungen schrieben schmeichelhafte Berichte über die Festrednerin – Berichte, die zwar sehr erfreulich zu lesen waren, aber nicht die Frage beantworten konnten, die das Gemüt eben dieser Festrednerin ständig beunruhigte: Was sollte sie jetzt tun; was konnte denn überhaupt ein Mädchen tun, dem es vom Schicksal bestimmt war, mit mangelhaftem Sehvermögen und einer schmerzhaften Augenkrankheit durchs Leben zu gehen?
Als Perkins seine Tore für die Sommerferien schloss, hatte noch niemand eine befriedigende Lösung gefunden, und obwohl Annie lächelte und mit irischer Unbekümmertheit ihren Kopf hochhielt, war ihre Besorgnis zu einer Furcht angewachsen, die ständig im Hintergrund ihres Bewusstseins lauerte und manchmal in unerwarteter Weise hervorbrach, um sich Luft zu machen.
«Du kommst natürlich mit mir nach Brewster, wie immer», hatte Mrs. Hopkins mit Entschiedenheit gesagt, «und wenn irgendetwas Aussichtsreiches auftauchen sollte, kann man dir nach Brewster genauso leicht Bescheid geben, wie wenn du in Boston bliebest.» Mr. Anagnos war einverstanden. «Sie hat recht, liebe Annie, ganz recht. Alle Lehrer, ebenso wie ich, haben dein Problem im Bewusstsein. Wir benachrichtigen dich sofort, keine Sorge.» Beruhigend tätschelte er ihre Hand. «Nun geh und genieß deinen Sommer, meine Liebe.»
Annies Lippen fühlten sich steif an, als sie ihm dankte, und nur mit Mühe brachte sie ein Lächeln zustande.
Sie nahm Mrs. Hopkins’ Einladung dankbar an, war sich aber klar darüber, dass das nur ein Notbehelf war, was sie durchaus nüchtern ins Auge fasste. Als die Tür des Hauses, dem Sophia Hopkins als Hausmutter vorstand (es gab mehrere Häuser auf dem Perkinsschen Gelände), hinter ihnen zufiel, dröhnte das in Annies Ohren wie ein Weltuntergang. Das Perkins-Institut, die Blindenschule von Massachusetts, war der einzige Ort, den sie ihr «Zuhause» nennen konnte. Schloss sich diese Tür für immer hinter ihr?
Die Atmosphäre des Dörfchens Brewster am Cape Cod hatte etwas, das Annies natürliche Spannkraft bald wiederherstellte, genau wie Mrs. Hopkins es erhofft hatte. Sie kannte und verstand das Mädchen besser, als Annie ahnte, und wahrscheinlich kam ihr nie wirklich zum Bewusstsein, wie tiefgehend ihre Hausmutter sie beeinflusst hatte.
Sophia Hopkins war in das Perkins-Institut gekommen, weil es ihr größter Wunsch gewesen war, sich ganz und gar für einen Menschen oder eine Sache einzusetzen, etwas zu tun, wozu sie wirklich gebraucht wurde. Ihr Mann, ein Schiffskapitän, war vor Jahren auf einer seiner Fahrten ums Leben gekommen, und ihre geliebte einzige Tochter war vor Kurzem gestorben. Ihre sehr selbstständige und unabhängige Mutter lebte lieber für sich allein, und Sophia war nicht der Mensch, der ein inhaltloses Leben führen konnte. Eines Tages, als sie einige blinde Knaben beobachtete, die am Strand spielten, durchfuhr sie der Gedanke: Hier ist die Aufgabe für mich! Auf ihre Bewerbung hin wurde sie sofort als Gruppenmutter für das Haus engagiert, in dem Annie bereits seit drei Jahren lebte.
In der Schule hatte Annie inzwischen gute Fortschritte gemacht, aber in Bezug auf ihr Gefühlsleben lag noch alles im Argen, sie liebte niemanden und niemand liebte sie. Mrs. Hopkins behandelte alle ihre Mädchen mit gleicher Güte, was ein Grund dafür gewesen sein mochte, dass einige von ihnen sich zu außergewöhnlichen Persönlichkeiten entwickelten. Die kleine Lydia Hayes zum Beispiel wurde Vorsitzende der New Jersey-Kommission für die Blinden. Mrs. Hopkins erkannte sofort, dass sie in Annie Sullivan jemanden gefunden hatte, der sie wirklich brauchte, und so nahm sie das Mädchen unter ihre Fittiche, umsorgte sie liebevoll und wirkte besänftigend auf sie ein, ohne Annies Widerstreben und Eigensinn zu sehr zu beachten. Instinktiv begriff die ältere Frau, dass Annies Ungebärdigkeit und all ihre finsteren Stimmungen nur der Schutzwall waren, den eine verwirrte, verstörte und verschreckte Kinderseele um sich herum errichtete, um keine weiteren Verletzungen zu erleiden; und dass unter all diesen Schichten ein charaktervolles, feinfühliges Wesen darauf wartete, erlöst zu werden. Gerade zu jenem Zeitpunkt war es fraglich, welche Richtung Annies Entwicklung nehmen würde: Würde sie durch ihre Erlebnisse in Tewksbury und die erste schwere Zeit im Perkins-Institut verbittert werden und dauerhaft seelisch geschädigt sein, oder könnte sie gerade aufgrund dieser Erfahrungen ein vertieftes Verständnis für all jene erlangen, die behindert oder krank waren?
«Sie hat die Möglichkeit in sich, eines Tages Großartiges zu leisten», hatte Mrs. Hopkins erklärt, als sie Annie einmal einer Lehrerin gegenüber in Schutz nahm, die über deren unverschämtes Benehmen an einem «Tag der offenen Tür» äußerst aufgebracht war. «Tage der offenen Tür» gehörten zu den Gepflogenheiten des Instituts, Tage, an denen die Schule für Besucher geöffnet war, die nach Belieben von Klassenraum zu Klassenraum wandern und den Unterrichtsbetrieb miterleben konnten. Annie pflegte bei solchen Gelegenheiten häufig aufgerufen zu werden, da ihre raschen, intelligenten Antworten die Wirksamkeit der Perkinsschen Unterrichtsmethode unter Beweis stellten. Aber als an jenem Tag die Lehrerin fragte: «Was war das Beste, das König Johann getan hat?», war Annies lausbübische Antwort: «Das habe ich bisher noch nicht entscheiden können!», und sie weigerte sich hartnäckig, auch nur ein weiteres Wort hinzuzufügen! Kein Wunder, dass die Lehrerin skeptisch war, doch Mrs. Hopkins ließ sich in ihrer Überzeugung nicht beirren.
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