Schließlich hat 1952 Theodor W. Adorno in seinem „Versuch über Wagner“ – wenn auch in konträrer Absicht – die nationalsozialistische Wagner-Exegese mit seiner These nur bestärkt, „all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen“ 102, womit explizit Mime, Beckmesser und Alberich, unausgesprochen aber wohl noch andere „Zurückgewiesene“ gemeint waren. Adornos Behauptung fiel auf vorbereiteten Boden und machte in großem Stile Schule, auch wenn Adorno die Verifizierung seiner Behauptung schuldig geblieben ist.
Die Reihe der Autoren, die an Adornos Verdikt antisemitischer Idiosynkrasie, die sich in der theatralischen Darstellung von Judenkarikaturen äußere, anschließt, reicht von George G. Windell 103über Erich Kuby 104und Robert Gutmann 105, um einige wichtige zu nennen, bis zur Wagner-Literatur der Achtzigerjahre, in denen Hartmut Zelinsky gegen den Rest der Welt hartnäckig seine Thesen verbreitete. Für Zelinsky scheinen gemäß seinem Dogma des „fanatischen religiös-rassistischen Antisemitismus der Wagnerschen Werkidee“ 106nicht nur die ahasverischen Gestalten des Fliegenden Holländers und der Kundry 107als Judenverkörperungen konzipiert worden zu sein, sondern auch der „Ring“, „Parsifal“, „Tristan“ und die „Meistersinger“ 108fügen sich für ihn in dieses Konzept ein.
Noch 1983 wiederholt Rudolf Schottlaender in einem Aufsatz in den „Frankfurter Heften“ die Position Adornos, indem er behauptet, in Wagners Dramen seien, wenn auch nicht expressis verbis, so doch unverkennbar jüdische Karikaturen enthalten. Sie seien eben nur versteckt: „Wagner war viel zu sehr Theatermann, um in seinen Musikdramen die Personen, die er als typisch jüdisch verstanden wissen wollte, ausdrücklich durch jüdische Namen zu kennzeichnen. … Die Maskierung ist von jeher die Domäne der Bühnendichtung. Aber es ist nicht allzu schwer, Wagners theatralische Chiffrensprache zu dechiffrieren, bietet er doch dazu selber in seinen Schriften die Handhaben, daneben auch in brieflichen und mündlichen Äußerungen.“ 109Welche da gemeint sein sollen, wird leider verschwiegen. Wagner sei es gelungen, „die weitverbreitete Vorstellung vom widerwärtigen und gefährlichen Juden in ebenso eindrucksvoller wie grotesker Übertreibung auf die Bühne zu bringen.“ 110Schottländers Behauptungen gipfeln in der wörtlich zitierten und doch nicht kenntlich gemachten These Adornos: „All die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen.“ 111Eine unbewiesene und – wie in Kapitel IV dieses Buches in aller Ausführlichkeit dargelegt werden wird – unbeweisbare Behauptung, 112der auch das schon eingangs erwähnte 1992 in englischer und 1999 in deutscher Sprache erschienene Buch von Paul Lawrence Rose nichts irgend Erhärtendes hinzuzufügen weiß 113.
Die Wirkungsgeschichte Richard Wagners und seines Musikdramas ist so gewaltig wie kaum eines anderen Künstlers des 19. Jahrhunderts. 114Die Frage ist allerdings, ob auch Wagners Antisemitismus wirkungsgeschichtlich so bedeutsam gewesen ist.
Jacob Katz hat diese Problematik sehr zutreffend charakterisiert. In seinem 1985 erschienenen Buch stellt er die Frage, „ob Wagners antijüdische Äußerungen die Ideologie der antisemitischen Bewegung beeinflusst haben oder zumindest seine individuelle Verhaltensweise die spätere gesellschaftliche Entwicklung vorwegnahm. Tatsache ist, dass viele Wortführer des Antisemitismus – wie Houston Stewart Chamberlain, Alfred Rosenberg und besonders Adolf Hitler – glaubten, in Richard Wagner ein Vorbild ihrer antijüdischen Gesinnung gefunden zu haben. Historiker und besonders Laien, die nach den historischen Wurzeln der von diesen Männern getragenen Bewegung mit ihren entsetzlichen Folgen fragten, führen sie oft als Kronzeugen in der Beurteilung Wagners an. So hat sich bei den Opfern der nationalsozialistischen Judenverfolgung häufig Wagners Bild geradezu als das Symbol tödlicher Judenfeindschaft fixiert – eine Erscheinung, die sich z.B. im Widerstand der Öffentlichkeit gegen die Aufführung von Wagners Musik in Israel dokumentiert.“ 115Dem ist nichts hinzuzufügen.
Es galt nach 1945, mit den Fehlern der zugrundegegangenen Epoche, so man von einer solchen reden kann, abzurechnen: so gründlich wie möglich. Dass es manchen Autoren dieser Zeit an der notwendigen Differenzierungsfähigkeit und Unbefangenheit mangelte, ist nicht unverständlich angesichts des geringen Abstands zu den Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit. Viele Autoren waren nach 1945 wie Franz Beidler (ein Enkel Richard Wagners) der Ansicht, „1933 sei eine Drachensaat aufgegangen“ 116, und glaubten, einen vermeintlich „geraden Weg von Wagner zu Hitler“ 117konstatieren zu müssen.
Schon Ernest Newman hatte in der ihm eigenen polemischen Diktion bei so manchen der antisemitischen Ausfälle Wagners von „charming specimen of Hitlerism“ 118gesprochen. Selbst der Wagner-Kenner und -Verehrer Thomas Mann, der noch in seinem großen Essay von 1933, „Leiden und Größe Richard Wagners“, betonte: „Es ist durch und durch unerlaubt, Wagners nationalistischen Gesten und Anreden den heutigen Sinn zu unterlegen – denjenigen, den sie heute hätten“ 119, fühlte sich durch den Artikel Peter Vierecks von 1939 120zu Wagners Verteidigung herausgefordert zu schreiben: „National-Sozialismus, in all seiner unsäglichen empirischen Gemeinheit, ist die tragische Konsequenz der mythischen Politikfremdheit des deutschen Geistes. – Sie sehen, ich gehe ein wenig weiter als Herr Viereck. Ich finde das nazistische Element nicht nur in Wagners fragwürdiger ‚ Literatur‘, ich finde es auch in seiner ‚Musik‘, in seinem ebenso, wenn auch in einem erhabeneren Sinne, fragwürdigen Werk.“ 121Anlässlich der Veröffentlichung der Sammlung Burrell (Wagner’scher Briefe) wiederholte Thomas Mann 1951 schließlich diesen dem Zeitgeist geopferten Sinneswandel: Es sei nun wirklich „zuviel Abstoßendes, zuviel Hitler, wirklich zuviel latentes und alsbald auch manifestes Nazitum“ 122in Wagner zu erkennen.
Ludwig Marcuse hat dann 1963 in einem vornehmlich in polemisch-ironischem Tonfall verfassten, im Übrigen glänzend geschriebenen Wagner-Buch den Bayreuther „Meister“ als den „heimlichen Kaiser“ 123des nationalsozialistischen Dritten Reiches bezeichnet, ja als Propheten des Hitlerismus. Marcuse nahm, wie viele in seinem und Adornos Fahrwasser, Hitler offenbar mehr beim Wort als Wagner.
Auch der Journalist Erich Kuby schlug in diese Kerbe. In seinem provozierenden Buch „Richard Wagner &Co. Zum 150. Geburtstag des Meisters“, in dem er die geschichtlichen Tatsachen grob missachtete, hatte er die leichtfertig hingeschriebene, aber folgenreiche, ungeheuerliche Behauptung in die Welt gesetzt: „Wer hier noch leugnen will, dass zwischen Wagner und Auschwitz ein direkter Zusammenhang bestehe, der muss als befangen erklärt werden.“ 124
Im Gefolge der Jubiläumsfeierlichkeiten der Bayreuther Festspiele (1976) veröffentlichte Hartmut Zelinsky eine Reihe von Publikationen, die darauf abzielten, die Antizipation des modernen Antisemitismus durch Richard Wagner zu suggerieren. Seine wiederholt (deshalb nicht beweiskräftiger) vorgetragene These, dass Wagners Leben und Werk nur das eine Ziel gehabt habe, eine systematische religiös-rassistische, antisemitische Vernichtungsideologie in die Tat umzusetzen, gipfelte in der absurden Behauptung, Wagner habe sogar „den Gedanken der Diktatur vorprogrammiert“ 125– Behauptungen, die einer genauen Überprüfung der Rezeptionsgeschichte Wagners im Dritten Reich jedoch nicht standhalten. Genaues dazu in Kapitel V und VI dieser Arbeit. Immerhin darf man einer Schlussfolgerung Zelinskys zustimmen: „Keiner hat … die Botschaft Wagners fanatischer aufgenommen und furchtbarer erfüllt als Hitler.“ 126Ansonsten gilt es im Folgenden, seinen teilweise absurden und methodisch unseriös ermittelten Ergebnissen, die unhaltbar sind, sachliche Fakten korrigierend entgegenzusetzen.
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