Ich offenbarte mich niemandem, denn ein Karriereknick wäre sicher – noch unter der Herrschaft Stalins – unausweichlich gewesen. Von diesem Zeitpunkt an stand für mich jedoch fest: Ein Eintritt in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands kommt nie infrage. Und ich würde mich hüten, aus der katholischen Kirche, der ich noch immer pro forma angehörte, auszutreten. So galt ich in der kommunistischen Armee, welche die KVP letztlich geworden war, als ein parteiloser Katholik, eine eher seltene Konstellation, die nicht sehr gerne gesehen wurde. Gewünscht wurde zumindest von künftigen Offizieren eine bedingungslose SED-Mitgliedschaft, die Konfessionslosigkeit voraussetzte. Beides traf auf mich nicht zu. Gewisse Schwierigkeiten im persönlichen Fortkommen würde es sicher auch deshalb geben.
Umso mehr bemühte ich mich, meine militärischen Pflichten optimal zu erfüllen, politische Bekundungen aber möglichst zu vermeiden. Es gelang mir jedoch nicht, jegliche Kritik dauerhaft zu unterdrücken. Auch las ich öfter nicht nur die Tageszeitung der SED „Neues Deutschland“ und die „Junge Welt“ (FDJ), sondern auch die Zeitungen der Blockparteien, wie die „Neue Zeit“ (CDU) oder „Der Morgen“ (LDP), was besonders den Politoffizieren negativ auffiel, die im Lesen sogenannter kleinbürgerlicher Zeitungen eine bewusste Provokation vermuteten. Auch die von mir später gern gelesene Wochenzeitung „Sonntag“ war bei Politoffizieren keinesfalls beliebt. Ich blieb standhaft: Gelegentliche Aussprachen mit den Vorgesetzten mit dem Ziel meines SED-Eintritts und des damit verbundenen Austritts aus der katholischen Kirche veränderten meine Haltung nicht.
Ausbildung in Leipzig
Nach einer Ausbildung zum Sanitäter in Stern-Buchholz wurde ich zum Jahresbeginn 1953 in die neu gegründete KVP-Feldscherschule Leipzig versetzt, um dort zum Feldscher, einem militärmedizinischen Beruf, ausgebildet zu werden. In dieser Offiziersschule wurden uns von zivilen Fachkräften der Leipziger Universität die Grundlagen der Medizin vermittelt, außerdem erhielten wir, ¬allerdings in geringem Umfang, eine militärische Ausbildung.
Nach einer Zwischenprüfung im Sommer 1953 wurde ich, inzwischen Offiziersschüler im 3. Lehrjahr, zusammen mit drei anderen Genossen zu einer Sonderreifeprüfung an die ABF (Arbeiter- und Bauernfakultät) der Universität Leipzig delegiert. Schließlich hatten wir, bis auf einen Offiziersanwärter, die nicht unkomplizierte Prüfung bestanden und damit die Qualifikation für das Studium der Humanmedizin an der Karl-Marx¬-Universität Leipzig erworben.
Noch im September 1953 wurde ich in die KVP-Studentenkompanie in die Döllnitzer Straße versetzt, wo wir in einer vornehmen Villa optimal untergebracht waren und auf zahlreiche neue Genossen stießen, die bereits seit mehreren Jahren als Studenten in Uniform an der Leipziger Universität immatrikuliert waren. In dieser Zeit entstand eine echte Freundschaft zwischen Kay Blumenthal-Barby, Lothar Peter, Herwig Zichel und mir, die sich in den folgenden Jahrzehnten sehr bewährt hat. Das Studium bereitete mir große Freude. Ich traf aber auch auf Genossen, die mir aus nicht politischen Gründen das Leben zur Hölle machten. Wir legten in Leipzig 1955 das Physikum ab.
Heinz Schneider, Medizinstudent der KVP in Leipzig, Frühjahr 1955
Im Sommer 1955 wurde unsere Einheit in das ehemalige Luftwaffenlazarett nach Greifswald verlegt, wo eine große Militärmedizinische Sektion der KVP unter Leitung des ehemaligen Wehrmachts-Generalmajors Prof. Walther entstanden war. Aus allen medizinischen Fakultäten der DDR wurden Studenten in die KVP aufgenommen, womit sich die Zahl künftiger Militärärzte vervielfacht hatte. Daneben gab es aber immer noch einige Zivilstudenten an der Medizinischen Fakultät, mit denen wir die gleichen medizinischen Vorlesungen teilten.
Während wir in der Studentenkompanie in Leipzig nicht über einen Politoffizier verfügten, wurden wir in Greifswald von mehreren Politoffizieren „betreut“, die mir das Leben schwer machten, darunter die Stabsoffiziere Major Heese und Oberst Herold. Major Heese bemühte sich ohne Erfolg, mich zum Austritt aus der katholischen Kirche zu bewegen, während Oberst Herold versuchte, mich für die SED¬-Mitgliedschaft zu gewinnen. Als Arzt in der Armee würde ich eines Tages ebenfalls Stabsoffizier werden, das ginge aber nur, wenn ich ein Parteigenosse wäre. Ich zeigte mich unnachgiebig, weil ich mir ein Leben als Truppenarzt auch als katholischer Nichtgenosse vorstellen konnte, wobei ich nicht gegen die damals gültige DDR-Verfassung verstieß. Ob ich einst Stabsoffizier werden würde oder nicht, war mir völlig egal. Das stieß natürlich auf komplettes Unverständnis.
Die große Kartoffelpufferwette
Es war an einem Wochenende 1955 in der Militärmedizinischen Sektion in der Greifswalder Pappelallee, als Kay Blumenthal-Barby, Herwig Zichel und ich, allesamt befreundete Medizinstudenten im fünften Semester, beschlossen, ein Wettessen im Sportlerheim in der Wolgaster Straße durchzuführen. Dort gab es an jedem Mittwoch für eine Mark jeweils vier Kartoffelpuffer in der Größe eines kleinen Bierdeckels, dazu einen winzigen Klacks Apfelmus. Kay meinte, dass Alkohol die Fettverdauung fördere, sodass er nach dem Genuss von jeweils vier Puffern und einem kleinen Wodka (40 %, 20 ml) mehr verzehren könnte als ich, der damals ein absoluter Alkoholgegner war und generell weder Wodka, Wein noch Bier zu sich nahm.
Eine zeitliche Begrenzung des Wettbewerbs war nicht vorgesehen. Herwig wurde zum neutralen Schiedsrichter ernannt. Er durfte so viele kreisrunde Puffer „vertilgen“, wie er wollte, und auch Alkohol oder andere Getränke oder Speisen nach Belieben verzehren. Der Verlierer der Wette musste ihm und dem Sieger die Kosten der Zeche bezahlen.
Schon am Montag beobachteten wir uns misstrauisch und aßen nur noch halb so viel wie sonst.
Am Dienstag verzehrten wir wegen der „spezifisch-dynamischen Wirkung“ nur noch etwas extrem fettarmes Rindfleisch, welches Kay damals von guten bäuerlichen Bekannten aus einem Dorf bei Greifswald besorgt hatte, denn es gab zu dieser Zeit noch Lebensmittelkarten, über die wir als kollektiv verpflegte KVP-Medizinstudenten nur im Urlaub verfügten. Der Effekt dieser stark proteinhaltigen Kost sollte nach damaliger Auffassung bewirken, dass die am Folgetag aufgenommene Kost schneller verdaut würde, sodass wir hofften, mehr Puffer als sonst essen zu können. Den wissenschaftlichen (oder pseudowissenschaftlichen?) Zusammenhang, den wir im Fach Physiologie noch an der Universität in Leipzig dargestellt bekamen, vermag ich als heute fast 81-Jähriger nicht mehr zu erklären.
Nach circa dreieinhalb Stunden war die Wette zu Ende. Bis zum sechsten Teller herrschte auch zeitlich noch Gleichstand. Dann blieb Kay deutlich zurück. Während ich nach dem „Genuss“ von achtundzwanzig bereits verzehrten Puffern triumphierend die nächsten vier bestellte und tatsächlich noch aufaß, kapitulierte Kay, nur leicht beschwipst, beim achtundzwanzigsten Kartoffelpuffer. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den neunten Teller erhalten und von den mir kredenzten sechsunddreißig Puffern schon vierunddreißig verzehrt. Damit wurde ich von Herwig zum Sieger erklärt.
Meine Speiseröhre war ausgestopft. Ich hatte ein widerwärtiges Globusgefühl im Hals und konnte nicht mehr laufen. Selbst beim großzügigsten Wettangebot hätte ich keinen Bissen mehr herunterbekommen. Auch Kay hatte seine Probleme. Meine Freunde nahmen mich in die Mitte, hakten sich bei mir ein und zerrten mich, singend, „nach Hause“ in das ehemalige Luftwaffenlazarett, die etwa siebenhundert Meter entfernte KVP-Dienststelle. Ich konnte in die fröhlichen Lieder nicht einstimmen, obwohl mir so richtig übel eigentlich nicht war. Irgendwie war mir aber die Luft knapp. Erst nach zwei Tagen konnte ich wieder „normal“ essen.
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