Schnell duschen, kämmen, er zögert, blickt zur Uhr, schon Viertel vor drei, dann eben unrasiert. T-Shirt, Jeans, Turnschuhe. Revolver und Papiere nicht vergessen. Dünne Jacke. Blick in den Spiegel: groß, schlank, dunkler Typ, gutaussehend, zufrieden mit sich, alles bestens.
Das Mädchen hat sich nicht gerührt. Sie liegt vor dem Fenster in einem Fleck Sonne auf dem Bauch und döst vor sich hin. Er streichelt ihre Lenden.
»Ich brauch nicht lang. Wartest du auf mich?«
Keine Antwort.
Romero betritt die große Wetthalle der Rennbahn von Longchamp. Halb vier. Beton, Tristesse, auf dem Boden Zettel. Im Moment ist wenig los, das Publikum lärmt auf den Tribünen. Ein paar einzelne Besucher drücken sich lieber vor den Fernsehschirmen herum, wechseln enttäuscht ein paar Worte. Bei Schalter 10 ist niemand.
Das Rennen ist vorbei, das Publikum flutet die Halle, eilt zu den Schaltern. Stimmengewirr, zerknitterte Zeitungen, Flaschen- und Gläserklirren an der Bar. Romero erkennt den Hintergrundlärm wieder, der sich vorhin bei Paolas Anruf in der Leitung breitmachte.
Aber immer noch keine Paola bei Schalter 10. Von einer unbestimmten Unruhe erfüllt, geht er in der Halle umher. Eine Falle? Unwahrscheinlich. Lehnt sich trotzdem an eine Wand zwecks Absicherung nach hinten, lässt die Jacke offen und den Blick kreisen. Klingeln, Ende der Wettannahme. Die Menge strömt zurück auf die Tribünen, immer noch niemand bei Schalter 10. Rückblende auf das Gesicht mit den Mokkaeisstrichen, die aufgerichteten, leuchtend rosa Brustwarzen. Und ein mulmiges Gefühl. Blick auf die Uhr, 15 Uhr 40. Genau in diesem Moment kommt am anderen Hallenende eine Frau schreiend aus der Toilette gerannt.
Commissaire Daquin betrachtet den Leichnam der jungen Frau, der auf dem Klo sitzt, leicht nach links geneigt am Wasserkasten lehnt. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten. Halsschlagader durchtrennt, klaffende frischrote Wunde, Luftröhre gekappt, Knorpel zersplittert, weißlich auf Tiefrot, ein Goldkettchen mit Kreuz auf dem Wundrand. Das Blut ist in Fontänen herausgeschossen. Spritzer an den Wänden. Ihr Sommerkleid ist steif, verklebt, braunrot. Und über dem offen daliegenden Klump aus Fleisch und Blut, komplett nach hinten gekippt, ein ruhiges Gesicht, Augen geschlossen, Mund halb offen. Ein sehr schönes indianisches Gesicht, hohe Wangenknochen, sehr dunkle Haut, üppiges schwarzes Haar, das bis auf den Boden hängt. Die Blutlache auf den Fliesen hat sich unter der Tür hindurch ausgebreitet.
Die Mordkommission ist an der Arbeit. Gerichtsmediziner, Fotograf, Sachverständige. Eine einzige Zeugin, eine Frau hat beim Make-up-Auffrischen das Blut unter der Klotür hervorrinnen sehen und ist schreiend hinausgerannt. Da war es 15 Uhr 40.
Daquin ist groß, gut eins fünfundachtzig, breitschultrig, massig, wenn nicht gar etwas grobschlächtig, kantiges Gesicht, ebenmäßig, aber nicht ausnehmend schön, braune Augen, ungemein wacher Blick auf alles um ihn herum, starke körperliche Präsenz. Seit der Chef da ist, fühlt Romero, wie der Druck ein wenig nachlässt.
Daquin dreht sich zu ihm um. »Und?«
»Eine meiner Informantinnen. Sie rief mich zu Hause an«, zögert kurz, »gegen halb drei, und hat mich herbestellt, zu Schalter 10, um mir jemanden zu zeigen. Sie meinte, es sei wichtig und dringend. Sie wurde umgebracht, bevor ich hier war.«
»Wo haben Sie sie her?«
»Aus dem Knast in Fleury-Merogis. Als das ganze Theater um das kolumbianische Kokain losging, habe ich mich dort umgesehen, meine Netze ausgeworfen. Sie saß ein, und ihre Mutter auch, man hatte sie beim Mitführen von je hundert Gramm Kokain erwischt, Drogenkuriere, kleine Fische. Sie sprach Französisch, schien auf Zack zu sein …«
»Und außerdem sehr hübsch.«
»Ja, das auch.« Mürrisch. »Ich habe ihre Freilassung organisiert und ihr versprochen, dass sie ihre Mutter wiederkriegt, wenn sie mir Tipps über die Kolumbianer in Paris liefert.« Rückblende: der Körper des Mädchens in der Sonne oben am Quai de la Loire, während die Zeit verstreicht. »Ich bin nicht stolz auf mich.«
Daquin mustert ihn kurz. »Das sehe ich.«
Dann wendet er sich wieder der Leiche zu und untersucht sie eingehend. Der rechte Ärmel hat nichts abbekommen. Daquin beugt sich vor, reibt den Stoff zwischen zwei Fingern. Feinste Seide. Lupft vorsichtig den Kragen. Etikett: Sonia Rykiel. Dreht mit der Fußspitze eine Sandale um, die neben der Kloschüssel liegt: zwei Wildlederriemchen mit Charles Jourdan-Schriftzug. »Und sie sprach gut Französisch?«
»Ja, fließend, gerade mal ein leichter Akzent.«
»Ihr kleiner Fisch kommt mir sehr seltsam vor, zu gut gekleidet für eine arme Kolumbianerin. Romero, Sie lernen es nie. Beim Betrachten ihrer Kleidung erfährt ein Bulle mehr über eine Frau als beim Bewundern ihres Busens.«
»Niemand ist vollkommen, Chef.«
Schweigen.
»Meiner Meinung nach sollten wir dringend ihre Mutter aufsuchen, bevor andere es tun.«
Als sie zur Gefängnisverwaltung von Fleury-Mérogis kommen, erfahren Daquin und Romero, dass Madame Jimenez zwei Tage zuvor auf richterliche Anordnung entlassen wurde.
»Können wir die Akten von Paola Jimenez und ihrer Mutter einsehen?«
Paola Jimenez hat sofort nach ihrer Inhaftnahme verlangt, Anwalt Larivière zu verständigen.
»Larivière kenne ich seit zwanzig Jahren. Er hatte schon windige Kontakte zur CIA, als ich noch beim FBI gearbeitet habe. Eine kleine Drogenkurierin, die sich bei Sonia Rykiel einkleidet und die Adresse eines CIA-Verbindungsmanns hat … Aber Larivière hat es offenbar abgelehnt, sich mit dem Fall zu befassen. Das war noch, bevor Sie aufgetaucht sind, Romero. Sehen wir uns die Mutter an.« Daquin überfliegt zwei Blätter. »Auch nicht schlecht. Vor einer Woche hatte sie Besuch von Maître Astagno, der erklärte, er sei ihr Anwalt. Kennen Sie Astagno?«
»Natürlich.« Romero ist entschieden unwohl.
»Gerissener Anwalt, Haus- und Hofverteidiger der Dealer, die wir in Frankreich dann und wann zu fassen kriegen. Hat letztes Jahr die Freilassung eines Schatzmeisters des Medellín-Kartells erwirkt, der Riesensummen auf neun Luxemburger Nummernkonten verwaltete. Es ließ sich offenbar nicht beweisen, dass das Geld unmittelbar aus Drogengeschäften stammte. Finden Sie es normal, dass Astagno sich für eine kolumbianische Dealer-Oma interessiert? Und sie binnen drei Tagen freikriegt?«
»Nein, natürlich nicht. Chef, ich gestehe, was immer Sie wollen. Ich war unvorsichtig, ich habe einem hübschen Mädchen vertraut, schnell war ich auch nicht, und ich bin mit schuld an ihrem Tod. Was machen wir jetzt?«
»Wir lassen schleunigst die Finger davon. Das Ganze riecht oberfaul. Vermutlich ein fingierter Drogendeal seitens der Amerikaner, eine gute Werbung just vor dem Pariser Weltwirtschaftsgipfel, der für die internationale Drogenbekämpfung einen historischen Wendepunkt markieren soll. Paola befördert eine Kostprobe, um die Abnehmer zu ködern. Aus einem uns nicht bekannten Grund läuft die Operation schief. Paola wird festgenommen, vielleicht haben die Amerikaner sie selber hochgehen lassen, zumal Larivière es ablehnt, sich um den Fall zu kümmern. Als Sie sie zurück ins Spiel bringen, wittern die Abnehmer etwas, erkundigen sich bei der Mutter und exekutieren das Mädchen. Zudem müssen französische Polizisten in der Sache mit drinhängen. Also Vorsicht. Sie legen eine Akte an, Romero, und wir warten ab.«
Agathe, Jubelin und Nicolas treffen gemeinsam am Eingang des kleinen Hôtel des Maréchaux an der Place de l’Étoile ein. Sie mussten zu Fuß kommen, denn das ganze Viertel befindet sich im Belagerungszustand. In nicht mal einer halben Stunde beginnt die Jubliäumsparade des 14. Juli anlässlich des 200. Jahrestags der Französischen Revolution. Auf der Freitreppe empfängt sie ein strahlender Perrot. In der Eingangshalle der unverändert elegante Domenico Mori in Begleitung von drei Italienern. Perrot macht miteinander bekannt: Enzo Ballestrino, Moris Finanzberater, Michele Galliano und Giuseppe Renta, die in München Tochtergesellschaften des Mori-Konsortiums leiten.
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