Freitag, 20. Oktober 1989
Samstag, 21. Oktober 1989
Montag, 23. Oktober 1989
Dienstag, 24. Oktober 1989
Mittwoch, 25. Oktober 1989
Donnerstag, 26. Oktober 1989
Freitag, 27. Oktober 1989
Samstag, 28. Oktober 1989
Sonntag, 29. Oktober 1989
Montag, 30. Oktober 1989
Montag, 6. November 1989
Dienstag, 7. November 1989
Mittwoch, 8. November 1989
Donnerstag, 9. November 1989
Freitag, 10. November 1989
Weitere Bücher der Autorin
Glatte See bei grauem Wetter. Agathe betrachtet das kleine Auditorium, hermetisch abgeschlossener Raum, graue Wände, graue Sitze, in dem die PAMA-Hauptversammlung tagt. Drei- bis vierhundert Aktionäre in dunklen Anzügen, dumpfes Stimmengewirr zahlreicher leise geführter Gespräche. Die PAMA verwaltet Milliarden, sie ist eins der größten französischen Unternehmen. Doch offenbar sehen die Teilnehmer der Hauptversammlung schon im kleinsten Farbfleck, im kleinsten Klangsplitter eine Gefahr für die bestehende Ordnung.
Seit zwei Jahren leitet Agathe die Konzernkommunikation der PAMA. Heute sitzt sie ganz oben im Halbrund, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Neben ihr langweilt sich Nicolas Berger, Freund aus Kindertagen und treuer Assistent, schon jetzt zu Tode.
Die Mitglieder des Aufsichtsrats kommen geschlossen herein. Der Saal verstummt.
»Ich bin immer wieder überrascht, dass sich die Aktionäre beim Eintreten des Kapitäns und seiner Besatzung nicht erheben, so wie wir früher am Gymnasium für unsere Lehrer«, bemerkt Nicolas.
Keine Antwort. Agathe greift in ihre Handtasche, holt eine Zigarette heraus, taucht hinter den Sitzen ab, nimmt drei schnelle Züge, tritt sie dann mit dem Absatz aus.
Die Aufsichtsratsmitglieder haben auf dem Podium Platz genommen. Der Präsident lässt den Blick durch den Saal schweifen. Ein alter Mann, unnachgiebig, kalt. Ein einsamer Wolf in der Steppe der Finanzwelt, sagen manche. Er zwingt sich zu lächeln, feine Risse überziehen das Gesicht, er klopft gegen sein Mikro, erklärt die Hauptversammlung in freundlichem Ton für eröffnet. Die hohe Kunst der Verstellung. Dann fasst er mit monotoner Stimme den Geschäftsbericht zusammen. Die PAMA ist ein Mischkonzern, der praktisch alle Wirtschaftszweige abdeckt, eine Diversifikation, die Risiken mindern und Stabilität gewährleisten hilft. Ein Unternehmen, das seit langem in der französischen Finanzlandschaft etabliert ist. Und so gibt sich der Präsident keine Mühe, zu begeistern oder zu überzeugen. Er ahnt nichts, denkt Agathe, schließt die Augen, faltet die Hände im Schoß und zwingt sich, ruhig zu atmen. Nicolas lässt seinen Gedanken freien Lauf und träumt vor sich hin.
Xavier Jubelin hat ganz außen am Podium Platz genommen. Er hört konzentriert zu, macht sich sogar hin und wieder Notizen. Vor zwei Jahren leitete er ein dynamisches mittelgroßes Versicherungsunternehmen, das von der PAMA geschluckt wurde. Heute sitzt er im Aufsichtsrat, und seine Meinung findet Gehör. Sportliche Erscheinung, kantiger Kiefer, auffallend lebendiger Blick und zwanzig Jahre jünger als der Präsident, dessen Nachfolger, so munkelt man, er wird. Jetzt ergreift er das Wort. Agathe ist speiübel, sie fühlt sich wie beim Sprung ins Nichts. Zunächst, in sehr gesetztem Ton, ein Befund. Die PAMA-Holding befinde sich aufgrund eines bunten Sammelsuriums von Kapitalbeteiligungen in einer Phase der Stagnation. Man müsse die industriellen Investitionen des Unternehmens schrittweise zurückfahren, es wieder auf seine homogensten Sparten ausrichten, nämlich das Versicherungs- sowie das Grundstücks- und Immobiliengeschäft, und ihm so seine lang verlorene Dynamik zurückgeben. Kurzum: Entgegen manchen Meinungen und Äußerungen sei ein grundlegender Kurswechsel geboten.
Nicolas schreckt hoch, setzt sich aufrecht hin. »Habe ich richtig gehört? Jubelin erklärt dem Präsidenten gerade den Krieg?«
Agathe reagiert nicht, lauscht mit immer noch geschlossenen Augen ihrem Herzklopfen.
Jubelin fährt fort, jetzt schroffer: »Wir haben dem Aufsichtsrat wiederholt entsprechende Anträge vorgelegt, die aber nie Berücksichtigung fanden, das ist nicht hinnehmbar. Deshalb wenden wir uns heute an die Hauptversammlung.«
Mit einem Mal herrscht spürbare Spannung im Saal, kein Laut mehr, alle Blicke sind auf Jubelin gerichtet.
Nicolas berührt Agathes Arm. »Schlaf nicht ein, hier tut sich Erstaunliches.«
Immer noch keine Reaktion.
Auf dem Podium stecken die Aufsichtsratsmitglieder, Hand überm Mikro, flüsternd die Köpfe zusammen. Einer von ihnen, Domenico Mori, ein Italiener, elegante Erscheinung und wallende weiße Haarpracht, ergreift das Wort. Er leitet in Italien ein Metallkonsortium, das er aus einem Familienbetrieb selbst aufgebaut hat. Sein Konzern ist der größte Anteilseigner der PAMA und der Grundstein, auf dem der Präsident seine Macht errichtet hat. Zudem ist Mori ein langjähriger persönlicher Freund des Präsidenten, sie gehen in der Tschechoslowakei gemeinsam auf Fasanenjagd. Eingedenk der Milliarden, die er im Rücken hat, hört man ihm respektvoll schweigend zu, auf dem Podium zudem mit einem Gefühl der Erleichterung: Jetzt kommt alles wieder ins Lot.
»Wir haben keine Veranlassung, uns den hier von Monsieur Jubelin vertretenen Vorschlägen zu widersetzen.« Leichter italienischer Akzent.
Große Erregung unter den Versammelten. Ohne daran zu denken, das Mikro zuzuhalten, flüstert der Präsident mit bleichem, verzerrtem Gesicht: »Verräter … unwürdiges Verhalten für einen alten Freund …«
Agathe öffnet die Augen, nagt an ihrem Daumen. Das Podium, jetzt von einer im Saal deutlich spürbaren Panik ergriffen, berät sich. Das kann man unmöglich zulassen. Den Angriff vereiteln, bevor der Aufstand sämtliche Truppen erfasst. Der Präsident schlägt eine sofortige Abstimmung per Handzeichen über die beiden zur Debatte stehenden Marschrichtungen vor. Seine und Jubelins. Danach soll die Hauptversammlung gemäß der mehrheitlich gewählten Marschrichtung ihren Fortgang nehmen.
Handzeichen, sorgfältige Auszählung, Jubelin hat die Mehrheit. Der Saal bricht in Pfiffe und Jubel aus, es geht zu wie im Fußballstadion. Die Aufsichtsratsmitglieder sind aufgestanden, diskutieren miteinander. Jemand vor einem Mikrofon sagt gut hörbar: »Das ist ein Staatsstreich.« Vom Tumult unbeeindruckt, bleiben nur Jubelin und Mori auf ihren voneinander entfernten Plätzen sitzen.
Nicolas wendet sich Agathe zu. »Du hast das gewusst und mir nichts gesagt?«
Agathe antwortet nicht, streicht ihm lächelnd mit den Fingerspitzen über die Wange.
Dann geht alles sehr schnell. Perrot, ein rasant expandierender Bauunternehmer, unterstützt Jubelin und fordert eine Abstimmung nach Anteilen. Fieberhaft rechnet jeder das auf einem Stück Papier für sich durch. Jubelin hält zehn Prozent der Anteile. Der Italiener fünfundzwanzig Prozent. Perrot fällt kaum ins Gewicht. Wer bringt die fehlenden Prozente? Der Vertreter der Banque Parillaud erklärt, dass er Perrots Vorschlag unterstützt.
Deluc, Berater im Élysée und PAMA-Kleinaktionär, zu Agathe, die neben ihm sitzt: »Die Messe ist gesungen, Schwester, gehet hin in Frieden.«
Agathe atmet tief durch und lässt den Druck von sich abfallen.
Die mit dem Präsidenten solidarischen Aufsichtsratsmitglieder räumen das Podium, durchqueren den Saal und verlassen ihn wortlos. Die Repräsentanten der ältesten Finanz- und Industriellendynastien Frankreichs treten ab, damit man sie nicht entlässt wie Lakaien.
»Sie machen sich auf die Suche nach dem Elefantenfriedhof«, kommentiert Nicolas halblaut.
Der Präsident, Jubelin und Mori bleiben allein auf dem Podium zurück. Die Abstimmung nach Anteilen ergibt siebzig Prozent der Stimmen für Jubelin. Die Dynamik des Sieges. Hektisch und mit undurchdringlicher Miene sammelt der Präsident die verstreut vor ihm liegenden Papiere ein. Der einsame Wolf ist in die Enge getrieben, todgeweiht.
Читать дальше