Sein Freund Sigi versuchte sich zu erinnern, warum er hier saß und nicht gemütlich in seiner Kneipe. Auf einmal fiel es ihm ein: Dieser sympathische dünne Schwarze hatte sie begleitet! Wo steckte er nur? Er sah sich um und erblickte stattdessen eine dunkle Frau. Sie besaß wunderbar ausgeformte große Hände. Zwei Finger umfassten einen goldenen Ring und drehten ihn spielerisch um sich selbst. Das sind keine Frauenhände, dachte er fasziniert.
Es sind die Pranken eines Wolfs. Und ihr Gesicht ist das eines Wesens, das vor Zeiten vielleicht einmal ein Mann war …
»Du musst mich einmal malen«, schnurrte Maria Mulambo und strich sich lasziv über die Wange. »Aber nicht jetzt … später.«
Sigi spürte, wie ihn ein Nebel davontrug. Die Frau reichte ihm ein winziges Messer, das angenehm kühl in seiner Hand ruhte. Was für ein köstliches Spiel, dachte er und stach sich in den Finger.
Er starrte auf das Blut, das auf seiner Haut perlte wie der Puls des Lebens. Auch er nahm das Tuch zwischen die Finger und hörte, wie es in seiner Hand rauschte. Es erzählte von Himmel und Hölle; von unglaublichen Dingen, die den eingravierten Leben gelungen waren und von ihrem Sturz, der fortdauerte bis ins Jetzt. Fast feierlich drückte er seinen Finger in das Tuch. Er fühlte, dass ihn ein Wind hochriss und wie ein Spielzeug durch die Luft jagte. Sigi wollte schreien, doch der heftige Atem blies jeden seiner Laute fort.
Von fern her hörte er die rauchige Stimme Maria Mulambos: »Ihr habt mich gar nicht gefragt, was der Preis ist«, rief sie über den Sturm hinweg und lachte schallend.
September 1941
Wie die anderen Frauen befindet sie sich mitten im Hof. Es ist etwa zwölf Uhr mittags; die Sonne steht hoch am Himmel und beleuchtet mit ihrem grellen Licht die düsteren Baracken und jeden Zentimeter ihres Körpers. Sie blickt auf den armseligen grauen Haufen, der vor ihr im Dreck liegt: ihre Kleider. Vor vielleicht einer Stunde sind sie mit dem Viehtransporter am Ostbahnhof angekommen.
Während der Reise war es dunkel, sie hatten keine Ahnung, wohin es in Wahrheit gehen mochte. Nur dass die ratternden Räder sie forttrugen, irgendwohin nach Deutschland, darüber waren sie sich klar. In dem Waggon hatte es nach Kuhscheiße und nach der Angst gerochen, die Tiere vor der Schlachtung empfinden. Die schwere Ausdünstung hatte sich vermischt mit ihrem eigenen Geruch nach Furcht und Wut. Doch wenigstens waren sie dicht beieinandergesessen; sie hatten sich an den Händen gehalten, polnische Lieder gesungen und sich gegenseitig getröstet: Fünf Frauen, die von einem Moment auf den anderen aus ihrem Leben gerissen wurden; fünf Frauen, die auf dem Feld gearbeitet hatten und plötzlich in eine Ladung Gewehrläufe blickten.
Nach der Festnahme waren sie von einem Arzt untersucht worden. Er machte einen Sehtest und überprüfte die Gelenkigkeit ihrer Finger. Tüchtige Arbeiterinnen wurden jetzt in Deutschland gebraucht, hatte man ihnen gesagt. Frauen, die scharf sahen und fingerfertig waren. Sie würden sogar Geld verdienen, mehr als bei dieser Drecksarbeit hier zu Felde!
Jetzt steht sie hier völlig nackt, so wie die anderen Gefangenen auch. Man hat sie in den Hof getrieben wie eine Herde Rindviecher. Eine Aufseherin hat in die Hände geklatscht und geschrien: »Kleider runter zur Entlausung!«
Die Gefangenen haben sich ungläubig angeblickt. Daraufhin hat die Frau zornentbrannt Justynas Bluse aufgerissen. Justyna hat ihren Hass gezügelt und sich mit aller Würde, die noch möglich scheint, ihrer Kleider entledigt. Die anderen Frauen haben es ihr zögernd nachgetan, Kamila zuletzt. Die resolute Frau geht auf Justyna zu und beginnt sie zu untersuchen. Kamila schließt die Augen und öffnet sie erst wieder, als sie spürt, dass jemand auf sie zutritt. Es ist ein Mann. Ein Mann!
Kamila spürt, dass sich alles in ihr verkrampft. Sie will davonlaufen und bleibt doch wie angewurzelt stehen. Sie tut dem Kerl nicht den Gefallen und senkt die Augen. Kamila blickt ihn an und sieht sein kaum unterdrücktes Begehren. Dahinter sieht sie noch etwas, das ihr gefällt: Angst. Der Herr Kurz, wie ihn die Aufseherin nennt, trägt über der linken Hand einen Sack aus Kautschuk. Das Gummi schlottert um seine Finger wie eine ekelerregende zweite Haut. Als er sie berührt, will Kamila schreien. Sie will ihm seine akribisch forschenden Pupillen auskratzen und ihm jeden einzelnen der über ihre Haut tastenden Finger brechen. Stattdessen geht ein Zittern durch ihren Körper, als sei er ein Baum, durch den ein heftiger Windstoß fährt. Sie macht sich vollkommen tot. Als er ihre Scham berührt, ist sie schon weit fort in Polen und schwitzt in der Sonne, die auf die prallen Ähren scheint. Sie lächelt ihrer Freundin zu. Nichts wird es fertigbringen, sie zu zerstören.
Plötzlich spürt sie eine Hand, die nach ihr greift. Sie will die Finger packen und sich darin verbeißen, doch auf einmal hört sie ein Flüstern: »Kamila, wach auf!«
Sie öffnet verwirrt die Augen und sieht vor sich das besorgte Gesicht von Justyna. Die ältere Freundin streicht ihr über das nassgeschwitzte Haar. »Hast du wieder geträumt, Vögelchen. Immer diese furchtbaren Träume …«
Kamila drückt Justynas Hand, als wolle sie sie brechen. Jetzt endlich, da sie außer der Freundin niemand sieht, kommen die Tränen.
Horst lag auf dem kühlen, nach Lavendel riechenden Laken und blickte zur Decke. Er konnte nicht einschlafen. Warum eigentlich nicht? Er hatte gut zu Abend gegessen – Königsberger Klopse, eines seiner Lieblingsgerichte. Vielleicht lagen sie ihm zu schwer im Magen? Er hätte doch, wie der Diener ihm anbot, den Digestiv trinken sollen. Der milde Likör hätte seiner Verdauung den nötigen Schwung verliehen. Nun kam er sicher stundenlang um seinen Nachtschlaf, den er so dringend brauchte. Morgen war wieder ein anstrengender Tag, und er konnte sich keine Anzeichen von Schwäche leisten. Dieser Kurz hatte ihn heute so merkwürdig angesehen. Als ob er genau wüsste, dass sich das Rädchen immer noch nicht richtig bewegte. Natürlich war das Sabotage gewesen, dachte Horst; es war nur die Frage, ob willkürlich oder unwillkürlich. Aber sollte er jede zweite Ostarbeiterin in seiner Firma vor ein Hinrichtungskommando stellen? Mit diesen Fanatikern in den eigenen Reihen musste man aufpassen. Kurz war ein Typ, der seine Mutter vor die Wand stellen konnte, wenn er glaubte, sie sei eine Sozialistin. Manche Menschen gingen völlig grundlos über Leichen. Dabei war der Mann ein hervorragender Feinmechaniker, sein bester Mitarbeiter. Horst war im Grunde von ihm abhängig, und dieses Schlitzohr wusste das nur zu genau!
Er seufzte und drehte sich auf die andere Seite. Unabsichtlich berührte er dabei Hilde, seine Gattin. Für einen Moment spürte er, dass sie erstarrte. Sie schläft nicht, dachte er erstaunt. Soll ich Konversation machen? Lieber nicht. Sie könnte vielleicht denken … sie würde denken, dass …
Horst merkte, dass sich etwas in ihm regte. Einen Moment lang fühlte er einen leichten Schwindel. Ihn überkam die Anwandlung, sich auf seine Frau zu stürzen und sie zu nehmen wie eine Hündin. Er atmete heftig und drehte sich schwerfällig wieder zurück. Ich könnte es tun, dachte er und zwang seine unruhigen Finger zur Räson; aber es würde nichts nützen. Sie würde wie eine Puppe sein, ein Stück lebloses und willenloses Fleisch.
Seit der Geburt ihres Sohnes hatte sich Hilde immer mehr von ihm zurückgezogen. Sie erfand zahlreiche Unpässlichkeiten wie Migräne, Rückenschmerzen und Anfälle von Schwäche. Einmal, als er sie ein wenig härter nahm, hatte sie geschrien, als wollte er sie abstechen. Horst war jegliche Lust sofort vergangen. Er war kein Mann, der eine Frau leiden sehen wollte. Er sehnte sich nach einer Partnerin, einer Gefährtin und Gespielin seiner Lust. All dies war seine Hilde nicht. Ihr gemeinsames Bett war nur noch eine Farce.
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