„Es war einer der wildesten und dunkelsten Winter, die ich in meinem ganzen Leben erlebt habe, und das soll bei meinem Alter was heißen. Den ganzen Winter lang hatte es geschneit und die wärmende, leuchtende Sonne kam kaum hervor. Und dieser Winter hätte Erwin fast das Leben gekostet. Nie werde ich das verzweifelte Gesicht seines Vaters Iarus, eines talentierten Künstlers, vergessen, als er in meinen Saal, den ich für den Empfang von Bittstellern benutze, hereingelassen wurde und sich auf dem Boden hinkniete und mich um Hilfe für seinen Sohn anflehte. Andere Lichtmagier hatten sich seinen kranken Sohn angesehen, konnten jedoch nicht helfen. Auch wenn ich nicht glaubte, dass ich das Heilmittel finden würde, machte ich mich auf und begleitete Iarus zu seinem Haus, dass er mit Erwin bewohnte. Später sollte ich erfahren, dass Erwin der einzige nahe Verwandte war, der Iarus geblieben war. Die Mutter war irgendwann verschwunden und andere lebende Verwandte hatten sie nicht. Kein Wunder, dass er so verzweifelt war. Nun ja, da trat ich ins Haus und spürte plötzlich etwas. „Iarus, spüren Sie das?“
„Nein, Herr, ich spüre gar nichts.“ An dieser Stelle keimten eine Ahnung und eine Hoffnung in mir auf. Sollte ich wirklich einen … ? Das Gefühl ließ keinen anderen Schluss zu. Es fühlte sich so an, als würde jemand das Licht aus mir saugen. Weil das Gefühl schwach war, ließ ich es gewähren. Je mehr ich mich Erwins Schlafzimmer näherte umso stärker wurde das Gefühl. Als ich eintrat, sah ich, dass ich Recht hatte. Da lag Erwin: Schweiß überströmt, bleich, der Atem rasend und mit schwach leuchtendem Haar. „Sein Haar! Sein Haar!!“ Iarus war kurz vor einer Krise, bis ich ihn beruhigen konnte: „Keine Sorge, Iarus! Das Leuchten ist ein Zeichen dafür, dass meine Vermutung stimmt und dass ich deinem Sohn helfen kann.“ So trat ich ans Krankenbett und legte meine Hand auf Erwins Brust. Das darauf Folgende war schon ein kleines Wunder: Der ganze Raum war plötzlich mit strahlendem Licht gefüllt, sodass ich meine Augen zukniff und Iarus schreiend nach hinten fiel. Mich erfasste plötzlich ein kräftiger Sog, der von Erwin ausging. Zum Glück konnte ich mich dagegen stemmen. So plötzlich das Licht kam, so schnell verschwand es auch. Zurück blieben ein verschreckter Iarus, ich völlig ausgelaugt und ein in Sekunden genesener Erwin. Seine Haut war noch hell, wirkte jedoch viel gesünder, sein Atem hatte sich beruhigt und sein Haar nahm langsam einen Braunton an. „Ein Wunder! Ihr habt ein Wunder vollbracht, Meister!“ Iarus war außer sich vor Freude und nannte mich eine Legende. „Ihr dankt mir zu sehr. Dein Sohn hat sich selbst gerettet. Er brauchte nur jemanden, der ihm Licht gab.“ Als ich Iarus’ ratloses Gesicht sah, musste ich lachen und ihm erklären, was es mit seinem Sohn auf sich hatte. Als dann der Frühling anbrach und die Sonne wieder hervorkam, nahm ich Erwin an der Akademie des Lichts als meinen Schüler auf. Und seitdem hat er eine Menge gelernt.“
Leanus blickte wieder zu seinem Schüler. Inzwischen war der Granitblock nur so von Rissen überzogen. Dann geschah es: Anfangs war es nur ein leises Knirschen, das immer lauter wurde. Danach krachte es und der Block teilte sich in mehrere Brocken, die sich zu zwei Beinen, dann einem Oberkörper mit Kopf und letztendlich in Arme mit plumpen Händen formten. Die Lücken zwischen den Steinen waren mit hell leuchtendem Licht gefüllt. Als Letztes leuchteten zwei Augen im Kopf des Golems auf, ein Zeichen dafür, dass der Golem erwacht war. Der Golem sah sich um, während seine Brust sich hob und senkte. Der Steinerne atmete das Licht, das er von seinem Meister, Erwin, erhielt. Leannus zählte mit. Der Golem wollte sich bewegen, doch als er den ersten Schritt tat, fiel er zusammen und die Kerzen erloschen. „Gut gemacht Erwin. 30 Atemzüge. Nicht schlecht für einen Anfänger.“ Erwin musste erst wieder seinen Atem beruhigen, dann antwortete er mit selbstbewusster Stimme: „Ich danke für Euer Lob, Meister. Ich könnte es gleich noch mal versuchen.“ Doch in diesem Moment klingelte die Glocke, die zum Mittagessen rief. „Geh ruhig Erwin, nach so einer anstrengenden Aufgabe kannst du etwas zum Essen ganz gut vertragen.“ Erwin verbeugte sich, was mit seinem langen, weißen Schülergewand gar nicht so einfach war. Dann ging er und ließ den Meister allein.
Erwins Magen knurrte und jetzt erst wurde ihm bewusst, wie sehr ihn die Übung von seinem Hunger abgelenkt hatte. Er wandelte durch einen Korridor, dessen Wände mit Marmor geschmückt waren und wo das Licht durch mehrere Fenster einfiel. Prächtige Säulen standen in Zehnerschritten auseinander, völlig aus Gold. Kurz gesagt, wie im Still der gesamten Akademie. Viele hatten darüber gewitzelt, dass Diebe, die ursprünglich die wertvollen Bücher aus der umfassenden Bibliothek der Akademie stehlen wollten, mit Gold und Marmorplatten verschwunden waren. Die Akademie des Lichts gilt aber trotzdem mehr wegen des Wissens, dass hier gehütet wurde, als wertvollstes Gebäude von ganz Erlin.
Erwin freute sich schon auf das Essen mit seinen Mitschülern und ahnte noch nichts von der üblen Laune des Schicksals, die gleich sein ganzes Leben ändern würde. Kurz bevor Erwin die Tür zum Essensaal erreichte, bebte auf einmal der Boden. Erwin verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Als er sich wieder aufrappelte, fühlte er leichtere Nachbeben und hörte Schreie, das Zerbrechen von Holz, das Splittern von Steinen, das Prasseln von Feuer und die Einstürze mehrerer Gebäude. Erwin eilte zum Fenster: Was er sah, ließ ihn das Blut in seinen Adern gefrieren. Von hier aus konnte er die anderen Stadtteile von Erlin sehen, weil die hohen Mauern, die die Akademie umgaben, zerstört waren. Überall sah er Feuer und zerstörte Häuser und es war sehr dunkel, und das obwohl es erst um die Mittagzeit war. Erwin blickte nach unten und konnte einen der Gärten der Akademie einsehen. Der Garten war verwüstet und in dessen Mitte befand sich ein seltsames, schwarzes Gebilde: Es sah aus wie zwei Pyramiden, die man an den Grundflächen zusammengefügt hatte. Die untere Spitze war zum Teil im Erdboden verschwunden. Eine Truppe Wächter in weißer Rüstung mit Schwert und Schild standen, mit einigem Abstand um das Gebilde und sahen es misstrauisch an. Da öffnete sich plötzlich ein Spalt im Gebilde und seltsame Wesen stiegen aus. Diese sahen aus wie Ritter in schwarzer Rüstung. Nur gab es ganz markante Unterschiede: Ihre Rüstung schien aus einem Guss und ihre Helme hatten statt eines Visiers nur ganz enge Schlitze. Zudem trug jeder dieser seltsamen Gestalten ein großes und langes Gebilde, aus dem vorne sechs graue Röhren herausragten.
Einer der schwarzen Ritter blickte in den Kreis der Wächter, die ihn und seine fünf Kumpanen umzingelt hatten. Dann richtete er das Gebilde in seinen Händen auf die Wächter und es knallte mehrmals schnell hintereinander. Einer der Wächter kippte kreischend nach hinten. Seine Rüstung war an mehreren Stellen geschmolzen. Erwin traute seinen Augen nicht, als es wieder knallte. Aus den Röhren des Gebildes, die nun zu rotieren begonnen hatten, kam blaues Feuer und weitere Soldaten fielen um, denn die vier anderen schwarzen Ritter hatten nun ebenfalls das Feuer eröffnet. Nachdem die Wächter den ersten Schock überwunden hatten, versuchten sie, den Feind anzugreifen, doch sie hatten keine Chance, auch nur in die Nähe der schwarzen Ritter zu kommen. Die Ritter mähten sie nieder, doch aus der Akademie kamen immer mehr Wächter, die in den sicheren Tod rannten. Der Garten wurde von Leichen und Blut überschwemmt. Plötzlich fingen die tödlichen Gebilde der Ritter an zu qualmen und das Feuer erstarb. Mit einem Triumphschrei warfen sich die Wächter mit neuem Mut auf die Feinde. Jedoch zogen die schwarzen Ritter schwertähnliche, silberne Gebilde und erwarteten die Elfen mit gezückten Klingen. Erwin sah, wie einem Wächter der Oberkörper vom Rumpf abgetrennt wurde. Es flogen weitere Körperteile herum, während die Treffer der Wächter scheinbar ohne Wirkung an den Rüstungen der Ritter abprallten. Erwin ertrug diesen Anblick nicht mehr länger und er blickte nach oben. Der Himmel war vollkommen von einer weißen, metallenen Fläche verdeckt. Mehrere quadratische Erhebungen stachen aus der Fläche hervor und ständig öffneten sich Löcher, aus denen weitere Gebilde, in denen vermutlich ebenfalls schwarze Ritter steckten, zum Erdboden fielen. Es war kein Wunder, dass es dunkel war. Erwin wusste, dass er besser sofort zu Leanus zurückkehren sollte. Natürlich war der alte Magier zwar mit seiner Lichtmagie stärker als die Wächter, jedoch sagte ein mulmiges Gefühl im Erwins Magenbereich, dass auch Leanus es nicht mit einen der schwarzen Ritter aufnehmen konnte. Erwin drehte sich um …
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