1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 Necho rüttelte den Sidoner an der Schulter.
»Verzeih mir, Göttergleicher. Meine Gedanken waren bei Zors Gelehrten. Manche von ihnen glauben auch, dass Libyen sich biege. Münder formten frühes Wissen zu Fantasien. Angeblich beschrieben Tafeln in unserer Bibliothek Küsten südlich von Ophir. Sie sprachen von Wäldern wie Mauern, von riesigen Tieren und friedfertigen Menschen. Blaublättrige Bäume berührten den Himmel, und es gäbe Regen, als fielen Flüsse vom Himmel. Die Tafeln sind verloren, die sie einst lasen, tot. Aber wie entstand dieser Papyrus? So kenne ich die Küsten nicht, vermögen wir es doch nicht, die Gewässer im Südlichen Haus zu befahren. Der Kanal …« Abdi-ashirta blickte auf Ptah-hotep und schwieg.
Necho wies auf Kerifer-Neith. »Sein Tempel bewahrt eine alte Schrift. Sie enthält den Bericht eines kemetischen Reisenden, den einst unbekannte Winde nach Süden trieben, in einer Zeit, da Hatschepsut regierte, die Göttliche. Sein Name ist in den Jahren gelöscht, die Landschaften, die er sah, sind vergessen. Der Papyrus ist zum Teil verdorben. Unachtsamkeit der Priester. Sie wollen dieses Wissen nicht. Nach spärlichen Angaben ließ ich die Karte zeichnen. Unsere Welt ist das Band am Fluss. Wo der Sturm jetzt Sand zu Fontänen peitscht, jagten die Ahnen in dichten Wäldern. Öffne unsere Welt, Sidoner. Die Priester lieben die Macht. Sie sind zufrieden, ein Haus zu kennen und nicht die Stadt. Ich muss hinter den Horizont sehen. Fahre für mich, Held aus Zor, und bring mir eine neue Welt.«
»Seit Ewigkeiten ist die Allgewalt des Göttergleichen das Fundament, auf dem Kemet als Mitte der Erde steht.«
»Sei still, Ptah-hotep!« Der Pharao hob die Hand gegen den Priester. »Ihr seid wie die Felsen. Unbeweglich überdauert ihr die Zeit an einem Ort. Euren Augen erschließ sich nicht das Neue, denn die Welt kommt nicht zu euch. Ihr befasst euch nur mit dem, was euch nützt. Es gibt aber Dinge, die muss man um ihrer selbst willen tun. Dieser Phenesch kennt das wahre Maß. Die gestrige Sonne wärmt nicht den heutigen Tag. Ein Sklave sieht nicht die Weite. Nicht der Arm allein treibt das Schiff, es braucht den Geist, der ihm befiehlt. Admiral aus Sidonien, du wirst drei Schiffe erhalten. Erkunde Küsten, die noch kein Mann dieses Erdkreises betrat. Oder geh zurück nach Zor und vergiss! Kein Zwang soll dich leiten. Mache meinen Traum zu deinem und du wirst ein Fürst sein. Dir wird das Landgut Ift-ar gehören, ich gebe dir Neferheres, die Tochter des Nomarchen von Menfe zur Frau. Kerifer-Neith hat es so gesagt? Gut. So wird es sein. Neferheres.« Er wiederholte den Namen, zögerte und sagte noch einmal leise »Schön ist ihr Antlitz.« Er hob den Arm. »Oder verlasse Kemet noch heute. Es wird in Ehren geschehen. Du hast mein Wort.«
Im Portal zeigte sich ein Offizier. Ptah-hotep, der sich ihm zuwandte, warf einen höhnischen Blick auf den Seefahrer.
»Rede zu mir, Sothur!« Die Männer traten zum Thron. Der Gardist verneigte sich.
»Göttergleicher! Menfes Straßen hält der Pöbel in Besitz. Unterkünfte von Fremden werden zerstört. Aus den Hütten verbreitet sich Empörung. Vor den Warenlagern am Fluss rotten sich Frauen zusammen.«
»Genug!« Necho stampfte mit dem Fuß auf. »Griechische Wachen zu Neferheres, nicht unter deinem Kommando, Sothur. Ptah-hotep, kümmere dich! Syrische Hundertschaften treiben den Pöbel in die Häuser. Handle, Ptah-hotep. Sothur geht in die Garnison. Hass auf Fremde! Hass auf den Kanal! Ihr Priester schürt die Glut und freut euch über die Flamme. Geh endlich, Ptah-hotep!«
Abdi-ashirta war in den Hintergrund getreten. Sothur! Er kannte den Namen aus Merit-Res Mund, als sie im Garten mit der Herrin unter dem Eukalyptusbaum saß. War der Gardist … wie konnte er annehmen, dass Neferheres allein lebte … aber ein Gardist des Hofes … doch er sprach die Worte wie ein Gebildeter … die Gedanken verwirrten sich, er dachte an Neferheres, an ihr Lächeln, wenn sie von Necho sprach, an die altkemetische Wortweise, die sie so gern nutzte. Sothur ging an ihm vorbei, er hatte das Gesicht eines Kemeten des Südens. Er neigte unmerklich den Kopf. Verwundert sah der Sidoner diesen Gruß, den der Gardist in Gegenwart des Herrschers nicht entbieten durfte, der aber von Anerkennung sprach. Abdi-ashirta war so befangen von dieser Geste, dass er den Pharao nicht beachtete, der wieder auf seinen Thron stieg. Die Handflächen des Herrschers klatschten auf die Lehne.
»Es ist mein Wille: Die Expedition findet statt! Die Priester sagen, der Kanal gefährde Kemet. Sie flüsterten mir die Umsegelung Libyens in die Ohren, um mich von seinem Bau abzubringen. Ich aber mache die Umsegelung zu meinem Werk! Zu meinem! Der Kanal folgt einem alten Lauf. Was siehst du mich so an? Ja doch, es gab ihn schon früher einmal. Das wissen nicht viele. Unsere Umsegelung aber ist einsam. Sie gab es noch nie.« Das Gesicht Nechos verkrampfte sich, aus weiten Augen starrte er den Sidoner an. »Gib mir die Antwort, Phenesch!«
Abdi-ashirta griff in sein Gewand, die Finger rieben den Stoff, richteten den Gürtel und zerrten erneut an dem Tuch.
»Wann antwortest du, Phenesch?«
»Als Kind besuchte ich oft die Schwester meiner Mutter. Sie wohnte in einer Bergsiedlung. Viele Wege führten von dort in meine Stadt. Sie verzweigten sich an drei Stellen. Vor der letzten Biegung war ich stets nach links gegangen. Einmal flogen über mir Störche. Ich folgte den Vögeln. Ich ging den unbekannten Weg.«
»Deine Antwort!« Der Herr der mächtigsten Welt stand auf drei Schritt neben dem Sidoner.
»Ich verirrte mich, schlief über die Nacht auf fremdem Gestein. Im Morgenlicht sah ich Zor, lief durch vertraute Gassen in das Ostviertel, weinend vor Glück, denn ich war noch ein Kind.«
»Du lehnst ab?«, schrie Necho.
»Nein! Nein! Ich bin ein Seefahrer aus Zor!«
»Der Weg der Störche. Ich wusste es!«
Abdi-ashirta kniete nieder, legte sein Gesicht auf die Füße des Herren Kemets, berührte die Abbilder feindlicher Assyrer auf dessen Schuhen, wie es Neferheres ihn gelehrt hatte.
»Steh auf, Phoinikos!« Zum ersten Mal sprach der Pharao das griechische Wort. »Kerifer-Neith, den Obersten Schreiber!« Das Gesicht des Gottes lebte. »Höre heute meinen Plan, Admiral. Deine Gedanken sage mir morgen. Wer dich in Zor unsere Sprache lehrte, ich werde es ihn lohnen. Von jetzt an wirst du oft gerufen. Kerifer-Neith begleitet dich auf deinen Wegen, als wäre ich an deiner Seite. Er spricht mit meinem Mund. Ich befehle ihn, dich an den Kanal zu führen. Siehe die Kühnheit kemetischer Ideen mit deinen Augen. Admiral, wir stärken Ma’at. Bald herrscht in Kemet die Weltordnung der Großen Zeit. Später wirst du Ift-ar besuchen, siehe dort den königlichen Lohn, den ich dir biete. Sei stolz! Du bist ein Auserwählter. Kemet wird deine Heimat sein! Mein Kemet!«
Abdi-ashirta sah nach dem Zeitstab. Die Katzengöttin warf ihren Schatten kaum auf die Hälfte der Tagstunden, als der am rechtsseitigen Ufer gelegene Stadthafen auf sie zu schwamm. Nur einmal hatten sie Halt gemacht, in On versorgte ein Arzt die Wunde zweier Schiffsmänner, denen die untere Rah die Kopfhaut aufgerissen hatte. Der Sidoner vermisste die Meereswinde Zors. Die Schwüle über der Lotusblüte, dem Mündungsland, nahm den Atem. Abdi-ashirta fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, den Wunsch nach einer Besichtigung des Kanals zu verbergen, auch wenn der Pharao am Tag nach der Audienz selbst den Befehl erteilt hatte, sein Eliteboot herzurichten.
»Man zeige meinem Admiral den Kanal bei Bast. Mögen die Taten, die Kemeten vollbringen, ihn stärken. Der Schweiß von Helden ist Nektar für den Mutigen, aber nicht die Salbe der Faulen.« So hatte der Göttergleiche mit dem Munde des Neith-Priesters gesprochen. Am Tag danach trug sie Gott Hapi durch seine Welt.
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