Das erste Buch von Elisabeta handelte von ihrem Kampf gegen das Francoregime und die Verfolgung durch die Kameradschaft. Sie beschrieb die Stationen dieses Kampfes, ihre eigene Rolle, die der Mitglieder ihrer Gruppe. Ich konnte mir gut vorstellen, warum die Kameradschaft diese Bücher haben wollte. Ich war mitten im zweiten Buch, als mir die Verantwortung bewusst wurde, die seit heute Nacht auf meinen Schultern ruhte. Elisabeta und Simón hatten gerade ihren Sohn wiedergesehen. Auch hier gab es auf dem Weg der beiden nach Kanada eine Menge Menschen, deren Namen vor der Kameradschaft geschützt werden mussten. Mein Herz begann sehr laut zu klopfen. Niemals, unter keinen Umständen, durften die Bücher in die Hände der Kameradschaft fallen. Als Erstes musste ich mit Frau Schmidt – ich konnte mich noch nicht daran gewöhnen, dass die Person im Tagebuch und meine Großmutter und Frau Schmidt identisch waren – darüber sprechen, was mit den Büchern geschehen sollte, wenn ich sie fertig gelesen hatte.
Ich warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor fünf. Zu früh, um im Krankenhaus zu erscheinen. Ich hatte noch Zeit weiterzulesen. Doch ich zögerte. Bis jetzt war alles gut gegangen in der Geschichte. Nun musste der schlimme Teil kommen. Den Frau Schmidt – Großmutter – schon angedeutet hatte. Es musste eine schlimme Geschichte sein, sonst wäre kein Geheimnis nötig gewesen. Sonst wäre mein Vater nicht, wie er war, sonst würde meine Großmutter nicht schweigen. Plötzlich wurde mir klar, dass ich keine Tagebücher im klassischen Sinn vor mir hatte. Es war eine Beschreibung der Geschehnisse, nachdem das Schreckliche eingetreten war. Es klang aus jeder Zeile, lugte hinter jedem Wort hervor. Es hatte von Anfang an mitgeschwungen. Seit ich mit dem Lesen begonnen hatte, erwartete ich es. Nun wollte ich nicht eintauchen in dieses Schreckliche und dann mittendrin aufhören müssen, weil die Zeit nicht reichte. Doch es gab noch einen anderen Grund für mein Zögern. Ich fürchtete mich ganz einfach davor, mehr zu erfahren. Dieses über zwanzig Jahre gehütete Geheimnis aufzulösen und vielleicht den Preis nicht bezahlen zu können. Die Wirklichkeit vielleicht nicht zu verkraften.
Hatte ich das jetzt ernsthaft gedacht? Ich hatte immer noch Angst davor, die Wirklichkeit nicht zu verkraften? Was war ich denn für ein Feigling? Meine Großmutter, mein Vater, meine Mutter mussten mit dieser Wirklichkeit leben. Niemand hatte Rücksicht auf ihre Gefühle genommen. Aber Sensibelchen Elli beanspruchte Schonfrist vor der Wirklichkeit. „Ich bin Elli, Tochter der Lintu.“ Wann hatte ich das noch gleich gedacht? Und mich wie eine Heldin gefühlt? Eine knappe halbe Nacht war das her. Na klasse.
Jetzt musste ich ganz schnell etwas tun, um nicht gleich wieder in ein Loch zu fallen. Herrje, es war aber auch schwierig gerade. Und ich war so ungeduldig! Vielleicht sollte ich ein bisschen Verständnis für mich selbst aufbringen? Seit vorgestern lief doch nichts mehr nach Plan. Mir fiel ein Spruch ein, den ich vor kurzem gehört hatte: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mach Pläne“ – oder so ähnlich. Damit waren wahrscheinlich die Pläne gemeint, die nichts mit dem richtigen Leben zu tun hatten. Mein Leben kam mir gerade so vor, als sei es bisher neben dem richtigen Leben hergelaufen. Ich ging in den Schwebezustand. Das half immer. Und anschließend unter die Dusche. Das half diesmal auch – abgesehen davon, dass ich es nötig hatte.
Danach machte ich mich auf den Weg zu Frau Schmidt, nein, zu Großmutter. Nein, zu Frau Schmidt – noch hatte sie sich nicht zu erkennen gegeben. Unterwegs spielte ich verschiedene Szenarien durch, wie ich ihr begegnen würde. Ich könnte mit dem Satz: „Ich habe es gefunden“ ins Zimmer treten. Ich könnte eintreten und „Großmutter“ sagen, nichts weiter. Oder ohne ein Wort ins Zimmer kommen, an ihr Bett treten und ihre Hand nehmen. Die Verbindung herstellen. Entscheiden konnte ich mich nicht. Jede einzelne Möglichkeit hatte das Potential zu einer schmissig dramatischen Szene, die ich mir bis ins Detail ausmalte, um nicht vor Aufregung in die Knie zu gehen.
Der Pförtner ließ mich nicht vorbei. Er zeigte mit vorwurfsvoller Miene auf eine Uhr an der Wand. Oha, es war immer noch erst kurz nach sechs, obwohl nach meinem Gefühl mindestens zwei Stunden vergangen waren, seit ich aufgehört hatte zu lesen. Also trollte ich mich zurück auf den fast leeren Parkplatz, um mir die Zeit mit dem Skateboard zu vertreiben.
Die wenigen Bäume, die hier herumstanden, waren überbevölkert mit zwitschernden Zeitgenossen, die genauso hellwach waren wie ich. Es würde wieder heiß werden heute, ein weiterer richtiger Hochsommertag. Jetzt am Morgen war es noch schön kühl. Wenn ich im Schwebezustand war, machte mir das jeweilige Wetter allerdings nicht viel aus. War es heiß, schwitzte ich selten und fror fast gar nicht, wenn es kalt war. Das war sehr praktisch, weil zu viele Klamotten beim Fliegen störten. Auf das Wetter von morgen hingegen reagierten meine Zellen empfindlich. Ich spürte jeden Wetterumschwung immer ungefähr einen Tag im Voraus. Wetterfühlig wie Frösche oder Kriegsversehrte. Ausgesprochen nützliche Fähigkeit.
Bis auf wenige Fahrzeuge gehörte der Parkplatz mir. Ich ging mein Repertoire an Kunststücken durch und stellte verwundert fest, dass diese Zeit vorbei war. Es war nett, sie zu können, das schon, aber nicht mehr lebenswichtig, wie gestern noch. Die Tagebücher hatten nicht nur meine Pläne auf den Kopf gestellt. Sie hatten mich verändert. Ein neues Elli-Zeitalter war angebrochen. Um halb sieben hatte ich genug gewartet. Drehte noch eine letzte Parkplatzrunde, um mich dann zu Frau Schmidt aufzumachen, hielt routinemäßig Ausschau nach eventuellen Beobachtern. In einem der parkenden Autos saßen zwei Personen. Die hatte ich nicht bemerkt, als ich vorhin auf den Parkplatz gekommen war. Komisch. Ganz beiläufig warf ich einen Blick in das Auto. Ein Mann und eine Frau. Sie schienen sich zu unterhalten und mich gar nicht wahrzunehmen. Irgendwie machte mich die Szene stutzig. Es gab so eine inszenierte Unauffälligkeit. Und – was machten die so früh hier? Warum stiegen sie nicht aus? Ich lenkte das Board hinter den Wagen und sauste dann so weit weg, dass sie annehmen mussten, ich könnte nichts mehr erkennen. Richtig vermutet. Beide hatten sich nach mir umgedreht und die Frau blickte durch eine Kamera mit einem ziemlich großen Objektiv. Bevor sie mich fotografieren konnte, war ich schon wieder weg. Ich durfte mich zwar nicht durch meine Geschwindigkeit verraten, konnte aber auf dem Board so herumwackeln, dass sie nur irgendetwas Verwischtes auf dem Foto haben würde. Trotzdem war ich aufs Höchste alarmiert. Entfernte mich schleunigst vom Parkplatz und mogelte mich durch den Lieferanteneingang nach drinnen, bevor sie mir folgen konnten.
Frau Schmidt saß aufrecht im Bett, als hätte sie mich schon erwartet. Ich sah ihr in die Augen und sie lächelte mich an. Sie wusste, dass ich wusste. Und sie freute sich.
„Ich habs gefunden“, sagte ich und sparte mir die Begrüßung.
Sie nickte. „Wie viele?“
„Drei Tagebücher, ein englisches Buch. Das gleiche lag im Lager, aber in einer anderen Sprache. Das habe ich mitgenommen.“
„Wo hast du sie?“
„Hier, in meinem Rucksack.“
Sie nickte wieder. „Gut. Lasse sie nicht mehr aus den Augen.“
Jetzt wollte ich eine Frage stellen, zögerte jedoch, weil ich mich scheute, sie einfach so mit „du“ anzusprechen. Aber die eigene Großmutter siezen ging gar nicht. Ich holte tief Luft. „Willst du sie sehen?“
„Nein.“ Keine Reaktion auf meine Anrede. Gut.
„Warum nicht?“
„Es ist besser, sie bleiben verborgen.“
Dann schwieg sie. Ich wartete, aber sie sagte nichts mehr. Irritierend. Sie musste doch jetzt noch etwas sagen. Irgendetwas, was mir einen Hinweis gab, wie es weitergehen sollte. Doch sie schwieg. Beharrlich. Freundlich. So, dass ich wieder nichts zu fragen wagte. Sie war jetzt zwar meine Großmutter, aber nicht weniger streng, und eigenwillig wie vorher. Erst kurz bevor Julien eintreffen sollte, begann sie zu sprechen. Sie sah mich eindringlich an, ließ mich nicht aus den Augen und sagte sehr leise: „Du musst weg von hier, raus aus Europa. Melde dich in Moskau an der Universität zu einem Auslandssemester an. Gib deine Wohnung auf, verabschiede dich von allen und fahre dorthin, so bald du kannst. Du darfst keine Zeit verschwenden. In Moskau kommst du offiziell an, mit Gepäck und allem drum und dran. Das Gepäck entsorgst du dann so, dass niemand deine Spur nachverfolgen kann und machst dich sofort auf den Weg nach Paris. Illegal. Die Adresse steht im Tagebuch. Dort bekommst du Papiere in jedes Land der Welt.“
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